Leben!

LEBEN!“ von Zhang Yimou (China/Hong Kong 1994; 125 Minuten; Start D: 28 .07.1994)

Der spanische Regisseur Carlos Saura war in den 60er und 70er Jahren, während der Herrschaft des Diktators Franco, einer der wichtigsten Filmkünstler seines Landes. Obwohl er von den Zensoren ständig beäugt, kontrolliert und gemaßregelt wurde, konnte er arbeiten. Denn: Carlos Saura erfand in seinen zahlreichen Werken eine „zweite Sprache“: Die zwischen den Zeilen bzw. Bildern, die der Symbole und Andeutungen. Interessant war nicht nur das, was gesagt und gezeigt wurde, interessant waren auch die Gedanken und Attacken „dahinter“. So ähnlich arbeitet seit Jahren auch der chinesische Regisseur Zhang Yimou.

Yimou, Jahrgang 50, war 16 und auf dem Gymnasium, als in China die sogenannte „Kulturrevolution“ proklamiert wurde. Er musste die Schule abbrechen, um auf dem Land zu arbeiten. Diese „Kulturrevolution“ kostete ihn 10 Jahre seines Lebens. Erst 1978 konnte e auf die Filmakademie von Beijing gehen. Er wurde Schauspieler, Kameramann und schließlich Regisseur. Sein Debütfilm, „Rotes Kornfeld“, bekam 1988 auf den Berliner Filmfestspielen gleich den Hauptpreis, den „Goldenen Bären“. Danach entstanden die Filme „Judou“, „Rote Laterne“ und „Die Geschichte der Qiu Ju“, der 1992 in Venedig mit dem 1. Preis, dem „Goldenen Löwen“, ausgezeichnet wurde.

„LEBEN!“, sein neuester Film, errang im Frühjahr in Cannes den „Großen Preis der Jury“. Er erregte in Cannes insoweit von vornherein großes Aufsehen, weil er für China bislang keine Freigabe bekommen hatte, also dort nicht vorgeführt werden durfte. „Leben!“, mit einem Ausrufungszeichen am Ende, erzählt eine Familienchronik. Aber keine pompöse, keine „besondere“, ausgewählte, sondern die von einer ganz einfachen Familie. Eine von Millionen. Die Geschichte dieser Familie ist von schweren Schicksalsschlägen gekennzeichnet, in denen sich zugleich auch die Geschichte Chinas wiederspiegelt: Von den 40er Jahren dieses Jahrhunderts bis in die 70er Jahre hinein.

Sie besteht aus einem Mann, seiner Frau und ihren beiden Kindern. Im Bürgerkrieg stolpert der Mann über verschneite Leichenfelder zwischen den Fronten. Danach beginnt „die Ernte“ des Kommunismus unter Mao. Man ordnet sich in das organisierte Dorfleben ein. Der kleine Sohn stirbt bei einem Unfall. In den 60er Jahre sehen sie sich schweren Turbulenzen während der Kulturrevolution ausgesetzt. Die Tochter stirbt bei der Geburt ihres Kindes, weil die erfahrenen Ärzte weggejagt wurden und niemand helfen kann. In den 70er Jahren funktioniert „die Zelle“ „Familie“ immer noch: Wir sehen das alte Paar, den Schwiegersohn und den kleinen Enkel. Das Leben geht weiter…

„Leben!“ von Zhang Yimou ist kein Klagelied, sondern eine filmische Gedenktafel für die vielen „kleinen Leute“ im Land. Für die vielen, die immer wieder „trotzdem“ genügend Kraft, Lebenswillen und Hoffnung aufbringen, um weiterzuleben. „Trotzdem“ heißt dabei: Blickt man genauer hinter die Bilder, sieht es düster aus: Jahrzehntelange Unfreiheit, Bevormundung, Bewegungseinschränkung. „Das Kollektiv“ ist alles, das Individuum hat nur zu gehorchen. Dazu: Phrasen, Lügen, Gewalt. „Leben!“ besitzt eine grimmige Ironie und einen zynischen schwarzen Humor, wenn es um den vermeintlichen „Fortschritt“ im Lande geht. Denn der, so wird erkennbar, wird auf dem Rücken der vielen kleinen Leute bitter erkämpft. „Leben!“ könnte hier auch „Leid!“ heißen. Kein Wunder, dass die Machthaber in China diese Co-Produktion mit Hong Kong misstrauisch betrachten und immer noch nicht freigegeben haben. Zuviel „Wahrheit“ blinkt durch…

Zudem: „Leben!“ ist, ähnlich wie das intelligente, provokante, kritische Volksstück im Theater, ein „Volksfilm“ geworden. Denn er ist mit populären Stilmitteln atmosphärisch und darstellerisch überzeugend inszeniert worden. Und: Er macht eben“so“ Politik sicht- und fühlbar. Ein großes Werk.

Von den Mitwirkenden ist Gong Li bekannt, die Lebensgefährtin des Regisseurs. Sie ist seit Jahren auch in seinen Filmen die ständige Begleiterin. Ausdruck, Bewegung und Gestik bilden bei ihr ebenso wie bei ihrem Partner Ge You, der für seine Leistung in Cannes mit der „Goldenen Palme“ als „bester Schauspieler“ bedacht wurde, eine glaubwürdige Einheit von Charakter und Persönlichkeit.

„Leben!“: Ein großer und bedeutender Film, ein politisch ungemein wichtiges Werk (= 4 ½ PÖNIs).

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