Der Junge und der Wolf

Habe zufällig einen Film beim Händler entdeckt, der schon vor geraumer Zeit hierzulande Erstaufführung per DVD hatte. Dabei haben mich der deutsche Titel sowie vor allem der Regisseur „elektrisiert“. Im Original heißt der französische Film kurz und knapp „LOUP“, was übersetzt „Wolf“ bedeutet. Für den deutschen DVD-Markt:

DER JUNGE UND DER WOLF“ von Nicolas Vanier (Co-B+R; Fr 2009; 102 Minuten; DVD-Veröffentlichung: 20.05.2010).

ER wird nicht nur Zuhause, in Frankreich, kultisch verehrt: Nicolas Vanier ist ein moderner Abenteurer, Schriftsteller und Filmemacher. Im August 2010 kam bei uns sein Buch „Zeit der Wölfe“ heraus, sozusagen eine Bilanz aus über 25 Jahren Abenteurer-Leben. Mit der eindrucksvollen Schilderung und Bebilderung seiner Expeditionen in Kanada, Alaska, Sibirien und Lappland beschreibt und zeigt Nicolas Vanier die faszinierende Schönheit der Wildnis, ihre vielfältige Kraft und ihre Bedrohung durch den Menschen. Vanier lebte mit Wölfen, Grizzlys und Luchsen, mit Elchen und Karibus. Kennt die Kultur und die Lebensverhältnisse der kanadischen Indianer, der Naturvölker Lapplands und Nordsibiriens. Mit einer geradezu ansteckenden Leidenschaft schildert er die Natur des hohen Nordens, beschreibt die unermesslichen Schneeweiten, den unendlichen Himmel, das besondere – malvenfarbene Licht. Er erzählt, wie überlebenswichtig das Wissen der Schamanen noch heute ist. Prangert die Auswüchse der Robbenjagd an, erinnert sich an seine erste Begegnung mit einem Wolf, beschwört die enge, lebenslange Beziehung zu seinen Schlittenhunden.

2004 schuf Nicolas Vanier seinen ersten Kinofilm: „Le Dernier Trappeur“. In Frankreich fand der Film über 2 Millionen Kinobesucher. Bei uns kam der Film unter dem Titel „DER LETZTE TRAPPER“ (s. Kino-Kritik) am 5. Januar 2006 in die Lichtspielhäuser. Der halbdokumentarische Spielfilm stellte das Leben eines der letzten echten Trapper in den kanadischen Rocky Mountains in den Blick- und Mittelpunkt: Norman Winther. Thema dabei auch: Die enorme Abholzung in Kanada und die Erkenntnis, dass der Mensch den Kontakt zur Natur nie aufgeben darf.

2009 entstand sein zweiter Kinofilm. Das ausführliche, detaillierte, intensive, über 50minütige MAKING OF-Feature im Bonusteil der DVD ist mit „DER JUNGE UND DER WOLF – EIN VERRÜCKTES UNTERFANGEN“ überschrieben und trifft den Kern definitiv: „Es ist Fiktion, aber unter realen Bedingungen“, erklärt Nicolas Vanier die gewaltigen wie geradezu unglaublichen Dauer-Schwierigkeiten, in einem Gebiet einen Spielfilm zu realisieren, in dem zu dieser Zeit, im Winter, bis zu minus 5o Grad herrschen, wo die nächste Stadt 800 Kilometer entfernt ist und das sich auf russischem Gebiet, nämlich in Sibirien, befindet. Dennoch wollten Vanier und sein Team von 60 Leuten hier filmen, wo die Rentiere und die Ewenen leben.

Im äußersten Nordosten Sibiriens, in der sibirischen Tundra, leben die EWENEN. Ein kleines Volk von nomadischen Rentierhirten. Sie sind freie Menschen, die nach unserem Verständnis nichts „haben“ und doch alles haben, denn sie beherrschen die Kunst, im Einklang mit der Natur zu leben, erläutert eingangs der Regisseur. Der seinen Film den EWENEN widmet, „die mich diese bewundernswerte Lebensweise entdecken ließen“. Im Volk der Ewenen herrscht der Respekt vor der Natur. Aber auch die Angst vor Wölfen. Weil DIE ihre Rentiere attackieren. „Ein toter Wolf ist immer besser als ein lebender“, heißt es. Der junge Sergei (NICOLAS BRIOUDES) wird erstmals zum Hüter der Rentierherde bestimmt. Eine verantwortungsvolle Aufgabe. Nicht alle im Stamm sind mit der Entscheidung der Älteren einverstanden. Sergei macht sich auf den Weg. Und entdeckt unterwegs eine Wölfin mit ihren 4 Welpen. Vermag dieses Rudel nicht zu töten, ganz im Gegenteil. „Freundet“ sich mit den Tieren an. Will das verbergen, vermag es aber natürlich nicht. Man kommt ihnen buchstäblich auf die Spur(en). Sergeis Vater (MIN MAN MA), Häuptling Boris, ist entsetzt. Der Konflikt mit dem und in seinem Clan ist programmiert. Und es scheint unmöglich zu sein, hierbei eine für Mensch UND Tier friedliche Lösung zu finden. Das große Abenteuer LEBEN nimmt seinen spannenden, reizvollen Verlauf.

Ein Junge wird zum verantwortungsvollen Mann. Erkämpft sich auf unkonventionelle, untraditionelle Art und Weise seinen Platz in der Gesellschaft. Erobert zugleich das Herz einer selbstbewussten einheimischen Frau Nastazia (POM KLEMENTIEFF). Und schließt Frieden mit seinem angeblich ärgsten Feind, den Wölfen. Gegen alle Regeln, gegen alle Vernunft, gegen alle Widerrede. „Der Junge und der Wolf“ ist ein grandioses Abenteuer-Drama, inmitten einer gewaltigen opulenten Naturkulisse. Ist ein unsentimentaler Liebesfilm; ist eine faszinierende, wunderbare Hymne an diese einzigartige SCHÖNHEIT DER NATUR. Ebenso wortruhig wie ganz und gar bilderstark (Kamera: THIERRY MACHADO + GÉRARD SIMON). Der Film ist außerordentlich bewegend, berührend in Sachen Natur, Mensch, Tier. Sowie als Blick auf eine Kultur, die Uns-Westeuropäer bislang völlig unbekannt war. Mit sagenhaften, faszinierenden Motiven, spannenden Details, authentischer, packender Nähe und liebevoller Seelen-Tiefe. Ein Spielfilm, der vergleichsweise außerordentlich VIEL „hat“. Gut unter die Haut geht und sich tief in den Kopf eingräbt, einfühlt.

„DER JUNGE UND DER WOLF“ ist ein unterhaltsames, informatives, einzigartiges Muss-Erlebnis-Movie für Natur-, Tier und Menschen-Freunde. Ein absolutes und für diese Jahreszeit passendes Klasse-DVD-Filmhighlight (in 5 PÖNIs Wertungsnähe).

Anbieter: „Kinowelt Home Entertainment“.

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