Jane Eyre Kritik

JANE EYRE“ von Cary Fukunaga (GB 2011; 120 Minuten; Start D: 01.12.2011); der am 10. Juli 1977 in Oakland/Kalifornien geborene Drehbuch-Autor, Kameramann und Regisseur schuf 2009 mit dem aufwühlenden Latino-Drama „SIN NOMBRE“ (s. KRITIK) einen fulminanten Debütfilm als Autor und Regisseur. Dass er sich nach diesem brutal-realistischen Flüchtlings-Thriller einem klassischen britischen Gesellschafts- und Kostümstoff zuwenden würde, überrascht schon. VOR der Besichtigung des Films. Danach ist zu konstatieren – es ist wahrscheinlich eine der besten, wenn nicht DIE beste Adaption dieser historischen Literaturgeschichte.
„Jane Eyre“ erschien erstmals 1847. Ist der erste Roman der britischen Schriftstellerin CHARLOTTE BRONTÉ (21.4.1816-31.3.1855), die ihn damals unter dem Pseudonym Currer Bell veröffentlichte. 18 Kino- und 9 Fernsehverfilmungen notieren die Lexika. Die bekanntesten Leinwandfilme sind „Die Waise von Lowood“ von Robert Stevenson, USA 1944, mit Joan Fontaine und Orson Welles sowie die französisch-britisch-italienische Version unter dem Roman-Namen „Jane Eyre“ von Franco Zeffirelli aus dem Jahr 1995, mit Charlotte Gainsbourg und William Hurt.

Nun also zum 19. Kinostück. Fragende Anfangsgedanken: Sind Stoff und Gedanken nicht längst überbekannt? Von vielem viktorianischen Staub inzwischen überzogen? Was und warum diese neuerliche „alte“ Geschichte um das beharrliche britische „Aschenputtel“ des 19. Jahrhunderts? Die Antwort gibt die namhafte britische Dramatikerin und Drehbuch-Autorin MOIRA BUFFINI (neulich das Skript zu „Immer Drama um Tamara“), die die Erzählstruktur des Romans und dessen ausufernde Passagen dicht wie packend umstellt. Ohne dabei die Vorlage und vor allem deren „Genuss“-Sprache aus dem Sinn zu verlieren. Ganz im Gegenteil, nur dieses hölzerne Vorgestern-Gespür ist jetzt außen vor. Die Poesie der Spannung dominiert. Wuchtig. Kunstvoll. Leidenschaftlich.

Die Handlung läuft sofort. Dramatisch. Mit der überstürzten Flucht einer jungen Frau aus einem düsteren viktorianischen Herrenhaus. Thornfield Hall. Bei starkem Wind und viel Regen hastet sie über eine karge Hügellandschaft. Aufpeitschende Emotionen. Nachdem sie ohnmächtig vor dem einsam gelegenen Gehöft von John Rivers (JAMIE BELL) zusammenbricht, beginnt die Rückschau auf ihr bisheriges schauerliches Dasein. Jane Eyre. Eine säuische Kindheit. Als mittellose Waise. Die Willkür und Heuchelei der Verwandten. Drangsaliert von einer garstigen Tante (die „Happy-Go-Lucky“-SALLY HAWKINS in einem ungewohnten Part). Abgeschoben in ein Heim. Offiziell: Internat. Die widerliche priesterliche Gewalt dort. Die kurze Freundschaft mit der sanftmütigen Helen. Die Motive von Sturm und Regen sowie die Weite der Natur zielen die Seelenbefindlichkeiten dieser jungen Frau, die sich nicht brechen lässt. Die sich im Gegenteil klug (selber) entwickelt: „Ich muss versuchen, gesund zu bleiben und nicht zu sterben“, erklärt sie einmal einem strengen Pfaffen ihre (Über-)Lebensmaxime. Hinter ihrer glatten Stirn und ihren adretten Zöpfen brodelt es gewaltig. Permanent wie unerkannt. Tief verborgen. Jane weiß sich „zu benehmen“. Um durchzukommen. Jane Eyre, ein gescheites Power-Mädel.

Autorin Moira Buffin und Regisseur Cary Fukunaga setzen nicht auf spröde Schauer-Romantik, sondern auf die noch unbekannte Emanzipation. Des Charakters. Nicht der Ideologie. Jane Eyre: Nach außen zerbrechlich, im Innern ein Seelen-Vulkan. Arm, aber clever. Gebildet. Ein weiblicher Freigeist. Im Korsett der Zeit. Auch als Erzieherin auf dem düsteren Landsitz von Thornfield Hall. Beim schroffen Hausherr Edward Rochester. Wo man sich unstandesgemäß „annähert“. Mit geradezu vorzüglichen schlagfertigen Verbalgefechten. Knisternden psychologischen Schlachten. Bei denen Jane vortrefflich „mitzuhalten“ versteht. Wenn es da nicht „diese nächtlichen Geräusche“ im Haus gäbe. Signale für ein schreckliches Geheimnis. Im bedrohlichen wirkenden Gaslicht breitet sich bei mysteriösen Licht- und Schattenbewegungen Gothic-Spannung aus. „Jane Eyre“ heute bedeutet auch – herrlich knackige Horrorelemente. Und WIR sind längst eingefangen in diesen faszinierenden Taumel von viktorianischer Tiefenwirkung.

Weil sowohl über die atmosphärischen Bilder von Chefkameramann ADRIANO GOLDMAN als auch über die passende Stimmungsmusik von DARIO MARIANELLI das Eintauchen in diesen „Schmöker“ gelingt. Weil das großartige Ensemble (zu dem auch JUDI DENCH zählt) bis in die kleinsten Randfigur exzellent aufgestellt ist. Während an „vorderster Front“ sich die 21jährige australische Schauspielerin MIA WASIKOWSKA und der 34jährige Deutsch-Ire MICHAEL FASSBENDER mit herrlicher Wucht, Präzision und Seelen-Wut eindrucksvoll „begegnen“. Fetzen. Mögen. Mia Wasikowska bewährte sich neulich „größer“ bei und als Tim Burton’s „Alice im Wunderland“ (neben Johnny Depp); Michael Fassbender, gerade auch in David Cronenbergs Psycho-Kiste „Eine dunkle Begierde“ als C.G.Jung auf der Leinwand, nimmt inzwischen Charakter-Anlauf in internationale Qualitätshöhen. Schält hier seinen grob sarkastischen, brüchigen Adligen brillant, also scharfsinnig wie verletzlich wie „viehisch“ hervor. Ein ganz starkes Kino-Paar. Im düsteren Pro-Kontra-Clinch. Prächtig passend zur emotionalen Jahreszeit (= 4 PÖNIs).

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