Irina Palm

IRINA PALM“ von Sam Garbarski (Belgien/Luxemburg/GB/D/Fr 2007; 103 Minuten; Start D: 14.06.2007); ein Deutscher vom Jahrgang ´48, der mit 22 nach Belgien auswanderte und heute in Brüssel lebt. Nach mehr als 20 Jahren als Chef einer Werbe-Agentur begann er 1997 selbst, Werbespots zu drehen. Ab 1999 entstanden 3 Kurzfilme. 2003 drehte er seinen ersten eigenen Kinospielfilm: „DER TANGO DER RASHEVKIS“, ähnlich wie „Alles auf Zucker“ von Dani Levy virtuos leicht, tragikomisch und mit einem charmant-melancholischen Lächeln von einer jüdischen Familien-Sippe erzählend. Ein wunderbares Außenseiter-Debüt, das auf zahlreichen Festivals lief und 2004 den Preis der Stadt Jerusalem beim dortigen Film-Festival erhielt.

Sein Nachfolge-Spielfilm „IRINA PALM“ lief im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale, wurde vom Publikum wie auch von der (Mehrzahl der) Kritik hofiert/gefeiert und bekam dennoch – völlig unverständlicherweise – keinen Jury-Preis zugesprochen. Nicht mal DEN des Darstellerinnen-Hauptpreises, obwohl die inzwischen 60jährige Pop-Legende MARIANNE FAITHFULL die wohl beeindruckendste schauspielerische Leistung im vielfach so faden Berlinale-Wettbewerbsprogramm ablieferte.

Die Tochter einer österreichischen Baroness und eines britischen Geheimdienstmajors, deren Gesangs-Karriere 1964 mit dem Hit „As Tears Go By“ begann und die ihre Schauspielerkarriere 1966 in einem Godard-Film startete („Made in U.S.A.“) und zuletzt als Königin-Mutter in „Marie Antoinette“ von Sophia Coppola agierte, spielt die etwas verhuschte Witwe Maggie. Die lebt „grau“ wie angepasst wie im Grunde „unterwürfig“ in einem langweiligen Londoner Vorort, mit lauter ebenso langweiligen wie versnobten Nachbarinnen. Als ihr heißgeliebter Enkel schwer erkrankt und nur eine teure OP in einer australischen Spezialklinik ihn retten kann, macht sie sich nach London auf, um das Geld zu beschaffen. Sie heuert, naiv wie unwissend, in einem Sex-Club an. Als Hostess“. Sie glaubt, damit sei „Saubermachen und sowas“ gemeint, wird dann aber als Irina Palm – ob ihrer „magischen Hände“ – zur vielbegehrten „wichsenden Kabinen-Oma“. Was ihren Sohn auf die Palme bringt, in der häuslichen Nachbarschaft für „Erstaunen/Aufsehen“ sorgt, sie mit der Schwiegertochter „Frieden“ schließen und schließlich sogar den Club-Boss emotional „näherkommen“ lässt.

Maggie-Irina Palm ( = auf Deutsch: Handinnenfläche) auf ihrer Großen Identitäts- bzw. Selbstfindungsreise. DAS hätte natürlich unangenehm-schmuddlig, doof-verlogen bis peinlich werden können, wurde es aber überhaupt nicht, ganz im Gegenteil: Der Film „Irina Palm“ ist ein Meisterwerk an wunderbarem Fingerspitzengefühl, an ebenso sanfter wie anrührender Menschlichkeit. Besteht aus feinsten, leisen Pointen und kribbelt lustvoll-amüsant, wenn plötzlich aus einem bekannten „Tennisarm“ eine Behinderung namens „Penisarm“ auftaucht. Eine zutiefst humane, leichthändig-ironische Tragikomödie, mit viel angenehm-„britischer“, also lakonisch-doppelbödiger Tiefgang-Moral in Sachen bigotter Bürgertum-Heuchelei.

Ein wunderbar unterhaltsame Charmerei, die mit zwei überragenden Hauptakteuren aufwartet: Der gebürtige, 56jährige Belgrader MIKI MANOJLOVIC, mit dem zerknitterten Lebemannface, ist seit seinem unvergeßlichen Auftritt in Emir Kusturicas grandiosem Meisterwerk „Papa ist auf Dienstreise“ (1985) international bekannt (später z.B. auch in den Kusturica-Filmen „Underground“ + „Schwarze Katze, Weisser Kater“ sowie in „Tor zum Himmel“ von Veit Helmer zu sehen). Er spielt den „verhinderten Bogart“ mit genau der richtigen Mischung aus geschäftiger Gefährlichkeit plus melancholischer Einsamkeit und „dient“ als überzeugender, passender (Stichwortgeber-)Partner der hier wirklich unglaublich- grandios-virtuosen MARIANNE FAITHFULL. Wie diese ihre „Irina“ mit sparsamsten, simplen, ruhigen Gesten/Blicken/Bewegungen, mit ihrer spannend- dicht-reizvollen, unangestrengt-naiven, überzeugenden, nahegehenden Körpersprache klug vermittelt, ist überwältigend, sensationell, einzigartig, hinreißend. Ein sensibles wie originelles Kraftpaket von GROßmutter. Die man einfach gern haben muss. In einem dieser KLASSE- feinen britischen Sozial-Märchen mit realem Kern und höchstem Unterhaltungswert (= 5 PÖNIs).

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