IF… Kritik

Das Betrachten und Werten seines – kurzen, aber überragenden – Kinospielfilmgesamtwerks in ungeschnittener, kompletter Größe steht cineastisch hierzulande noch aus. Dabei sind es vor allem „nur“ drei Filme, mit denen LINDSAY ANDERSON (17. April 1923 – 30. August 1994), der als Sohn eines britischen Offiziers in Bangalore, jetzt Bengaluru/Indien geboren wurde, sich meisterlich hervortat: „IF…“ (1968), „O Lucky Man!“ (1973, bei uns auch unter dem Titel „Der Erfolgreiche“ einst in den Lichtspielhäusern) sowie der damals rüpelhaft bei uns zerschnittene Streifen „Britannia Hospital“ (1982). Wer Näheres über Lindsay Anderson erfahren möchte, dem empfehle ich den Text unter dem Kapitel „Regisseure“ auf meiner Website (s. REGISSEURE). Die glückliche Fügung will es, dass nunmehr endlich sein erstes Meisterwerk in Deutschland für das Heimkino „frei“ wurde, allerdings – und dies ist außerordentlich bedauerlich – im Gegensatz zur englischen Herausgabe ist auf der „deutschen Scheibe“ überhaupt kein Bonusmaterial enthalten. Dabei wäre doch eine sorgfältige Hintergrund-Aufarbeitung hochinteressant-informativ gewesen. Zumindest aber „dürfen“ wir jetzt diesen außergewöhnlich intelligenten britischen Film aus den Endsechziger Jahren endlich wiedersehen bzw. nachholen:

IF…“ von Lindsay Anderson (GB 1968; B: David Sherwin; K: Miroslav Ondricek; M: Marc Wilkinson; 111 Minuten; Start D: 12.09.1969; Heimkino-Veröffentlichung: 04.10.2013).

Es waren die gesellschaftlichen Zeiten des Aufruhrs. Es war die Epoche der jungen Wut. Die allgemeine Rebellion gegen die verkrusteten, überholten, reaktionären Strukturen der „Alten“ war ausgerufen! Auch im Kino. Einer der bedeutendsten englischen Filme jener Jahre, über den Aufruhr gegen die traditionellen Lebenswerte, ist „If…“. Der Gewinnerfilm der Filmfestspiele von Cannes 1969. Mit einem herausragenden MALCOLM McDOWELL als Mick Travis in der Hauptrolle. Der britische Schauspieler, geboren am 13. Juni 1943 in Horsforth, spielte in allen drei oben genannten Lindsay Anderson-Filme die Hauptfigur des Mick Travis. Und: Stanley Kubrick war von dessen darstellerischem Potenzial damals dermaßen angetan, dass er ihm 1971 die Hauptrolle in seinem Meisterstück „Uhrwerk Orange“ anvertraute.

Im Dezember 1969 veröffentlichte ich eine Filmkritik über „If…“, und zwar in der Broschüre „Pro + Kontra“, Ausgabe Nr.82, herausgegeben von der „Literarischen Mittwochsgesellschaft“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Bezirk Berlin. Ich denke, es ist interessant, einmal aus der damaligen Sicht und Position die Kritik-Äußerungen wahrzunehmen. Unter der Nummer F 421 und der Bewertung „5 Punkte / überragend“ wurde „If…“ wie folgt von mir original besprochen:

Der Gedanke des Erkennens von politischen Realitäten in unserer Gegenwart ist die Idee dieses Films.
„IF…“ („Wenn…“) zeigt auf nüchterne, direkte und letztlich schockierende Art, was passieren kann, wenn…
Ort der Handlung ist ein englisches College. Die Sommertage neigen sich ihrem Ende entgegen, man kommt zum Herbst-/Wintersemester zusammen. Neue sind da, die sich erst noch an die puritanisch strengen Regeln in diesem Schulheim gewöhnen müssen. Die alt-ehrbaren Begriffe von eiserner Disziplin, unerbittlicher Strenge, heiliger (= heuchlerischer) Moral und einer schon geradezu teuflischen Erziehung von Traditionsbewusstsein werden immer noch als Basis für den Aufbau und die Erziehung der heranwachsenden Generation verwandt, obwohl dabei natürlich gleichzeitig wie ständig auf den erworbenen Fortschritt dabei und angebliches progressives Denkgebilde hierbei hingewiesen wird. Die Lehrer sind Marionetten und je nach Begabung Kleinsadisten – sogar der ehrwürdige Herr Pfarrer ist da keine Ausnahme -, und die Führungskräfte der Schule zeigen sich als einfältiges, willenloses Instrument ihrer eigenen Unfähigkeit. So fällt es den vier Präfekten, kurz WHIPS genannt, nicht schwer, die eigentliche Macht- und Verfügungsgewalt hier in ihre Hände zu bekommen. Sie, die privilegierten Schüler der Anstalt, lassen denn auch ihrem Autoritätsanspruch freien Gewaltlauf. Man ordnet an, ist übergenau kleinlich in der Überwachung schulischer Disziplineinhaltung, führt ein unerbittliches Herrschaftsregiment gegenüber den Mitschülern. Bei den Jüngeren ist diese (routinierte) Unterdrückungsmethode üblich. Und gewöhnlich. Denn ihre Spielereien bewegen sich ohnehin kaum außerhalb des gegeben engen Ordnungsrahmens. Bei den fast Gleichaltrigen ist es schwieriger. Hier zeigen sich, wenn auch nur in äußerst beschränkter, zurückhaltender Form, erste Antigefühle. Bei Dreien ist es mit dem Unterjochen besonders schwer. Mick (MALCOLM McDowell), der philosophierende Realträumer, und seine Kumpels Johnny und Wallace versuchen auf „unkonventionelle“ Weise etwas von „Leben“ hier hineinzubringen. Ihre „Dadurch-Haltung“, ihr respektloses Auftreten machen sie natürlich unbeliebt. Bei den „Vorgesetzten“. Sie erhalten Prügel. Oberpräfekt Rowntree (Robert Swann) persönlich führt diese übliche „vorzügliche Erziehungsmethode“ eigenhändig gerne durch. Doch diese Gewalt hat Folgen. Erzeugt Gegengewalt. Die drei „gemaßregelten“ Freunde begehren nun offen auf. Sie entdecken unter der Bühne der Aula einen vergessenen Haufen Waffen. Beim Schulfest steigt Rauch dort auf. Die feierliche Versammlung verlässt fluchtartig den Saal. Auf dem Schulhof werden sie bereits erwartet…

Ein ernsthafter, glaubwürdiger, ein faszinierender Wut-Stoff. Lindsay Andersons Film rief – wen wundert’s – in England viele wütende Empörung hervor. Regional wie allgemein. Denn Anderson will natürlich mehr als nur die ekelhaften Verhältnisse an einheimischen Bildungsstätten analysieren und kritisch attackieren. Vielmehr engagiert sich der intelligente 45jährige Regisseur als filmischer Vertreter einer heutigen Weltjugend, die sich gegen jedes autoritäre Handeln wendet. Diese menschenunwürdigen Tabus müssen brechen, signalisiert er, diese total veralteten Traditionen beiseite endlich geräumt werden, die ständigen Manipulationen durch die „Herrschaft“ aufgedeckt und zerstört, also abgeschafft werden. Der heranwachsende Mensch muss zum Mensch-Sein erzogen werden. Fordert Lindsay Anderson hier. Seine außerordentlich aggressive Schlusssequenz ist kein Angebot von „Lösung“, sie ist lediglich ein erschreckendes und bestürzendes wie auch verzweifeltes Fiktionshandeln, das emotional wie gedanklich wachrütteln soll.
„If…“ ist einer der wenigen heutigen Filme, die in der Lage sind, etwas Politisch-Wichtiges diskutabel erkennen zu lassen und Kino-Spannendes großartig -aufregend, also brillant-unterhaltsam mitzuteilen wissen (= 5 PÖNIs).

Anbieter: „Paramount Pictures Home Entertainment“


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