THE ICEMAN

PÖNIs:       (4,5/5)

Aufgefallen ist er (mir) erstmals als hochintelligenter wie psychotischer Nachbar von Kate Winslet & Leonardo DiCaprio in dem vorzüglichen Drama „Zeiten des Aufruhrs“ von Sam Mendes (2008). Der Part des intensiv-wahrheitsliebenden Patienten einer Nervenheilanstalt brachte ihm prompt seine erste „Oscar“-Nominierung ein. Danach war er kein Unbekannter mehr, als er in Filmen wie „Jonah Hex“, vor allem aber in „Take Shelter – Ein Sturm zieht auf“ (2011) und dann – ganz stark böse – als krimineller Polizist in dem 1. Fahrrad-Thriller „Premium Rush“ (2012) an vorderster Darsteller-Front beeindruckend mitmischte. Die Rede ist von MICHAEL SHANNON, dem am 7. August 1974 in Lexington/Kentucky geborenen großen Kraftpaket. Der jetzt mit einem im Vorjahr realisierten Klasse-Gangsterfilm Premiere im hiesigen Heimkino hatte:

„THE ICEMAN“ von Ariel Vromen (Co-B + R; USA 2012; Co-B: Morgan Land; K: Bobby Bukowski; M: Haim Mazar; 102 Minuten; Heimkino-Veröffentlichung: 30.08.2013).

Sein Name: Richard Leonard Kuklinski. Geboren am 11. April 1935 als Kind polnischer Einwanderer im Arbeiterviertel von Jersey City. In seiner Kindheit oft misshandelt von seinen Eltern entwickelte er bereits sehr früh extreme Aggressionen. Mit 13 beging er seinen ersten Mord, als er den Anführer einer kleinen Bande erschlug. Sein Weg als Auftragsmörder und Berufskiller ist vorgezeichnet. Der Film setzt in New Jersey in den fünfziger Jahren ein. Richard Kuklinski (MICHAEL SHANNON) ist ein ungelenker, schweigsamer Kerl, der sich wie ein großer, tapsiger, unschuldiger Bär in der Öffentlichkeit bewegt. Der sich in Deborah (WINONA RYDER) verliebt hat. Sie gründen eine Familie, die er zu beschützen und stets gut zu versorgen verspricht. Richard ist ein gütiger Ehemann und Vater, dem sein Zuhause als „Heim“ über alles geht. Er arbeite ertragreich „mit Geld“, erklärt er seiner Familie, der Verwandtschaft und Bekannten. Ein warmherziger Ernährer, so scheint es. Doch im „zweiten Leben“ ist Richard als Berufsmörder unterwegs. Ist wegen seiner Eiseskälte und Präzision geschätzt. Vor allem beim Mafia-Boß Roy DeMeo (RAY LIOTTA), für den er hauptsächlich „tätig“ ist. Bürgerlicher Wohlstand ist fortan bei der Family Kuklinski annonciert. Während „draußen“ der Mob tobt. Graben- und Machtkämpfe an der blutigen Tagesordnung sind. So dass Richard sich mit einem „freundlichen Kollegen“ zusammentut, Mr. Freezy (CHRIS EVANS). Der mit einem Eiswagen unterwegs ist und seine Leichen erst einmal dort „verstaut“, bevor sie beseitigt werden. Man verdient gut, das viele Privatschulengeld für seine Kinder ist dem fürsorglichen Daddy Richard wichtig. Doch dann eskalieren „die Zustände“ immer mehr. Boss Roy betrachtet das erkleckliche Eigengeschäft seines Angestellten überhaupt nicht gern, außerdem hat sich längst insgeheim die Polizei eingefunden, um dem „erfolgreichen“ Geschäftsmann „The Iceman“ das Handwerk zu legen.

Im Nachspann heißt es: Man nimmt an, dass Kuklinski über 100 Morde begangen hat. Richard Kuklinski wurde im Jahr 1986 auf der Straße von einer Task Force, bestehend aus regionalen Polizisten und dem FBI, verhaftet, nachdem die Ermittlungen sechs Jahre zuvor begonnen hatten. Für seine Verbrechen saß der Schwerverbrecher 20 Jahre im Gefängnis, bevor er am 5. März 2006 im Alter von 70 Jahren dort verstarb. In Haft wurde Richard Kuklinski mehrfach von Staatsanwälten, Psychiatern, Kriminologen, Schriftstellern über sein Leben interviewt. Zwei Dokumentarfilme wurden zudem über ihn geschaffen. Außerdem erschien 2006 ein Buch über ihn, auf dem dieser Spielfilm basiert: „The Ice Man: Confessions Of A Mafia Contract Killer“ von Philip Carlo (hierzulande im Mai 2011 erschienen unter dem Titel „ICE MAN, Bekenntnisse eines Mafia-Killers“). Der Film wird aus der Sicht dieses verstörenden „zweifachen“ Menschen erzählt. Der sich als Jekyll & Hyde offenbart. Tagsüber als brutaler, bestialischer Mörder („Ich empfand absolut gar nichts, wenn ich tötete“, so Kuklinski in der HBO-Dokumentation), abends als empfindsames, gütiges Oberhaupt. Einer Familie, die bis zu seiner Verhaftung nichts von seinem Doppelleben ahnte oder wusste.

MICHAEL SHANNON taucht sensibel, cool, abartig-„normal“ in diese kriminelle Figur ein. Obwohl der Ausgang bekannt, also klar ist, hält der Thriller dank seiner sorgfältigen, also unberechenbaren, spannungsanhaltenden Charakterisierung bis zum Ende eine fulminante, packende Dramatik. Shannon, in fast jeder Szene mit-dabei, ist „wie gewohnt gruselig intensiv“ („Stern“) und berührt ganz dicht, außerordentlich nah. Es ist weniger die spezifische Gewalt, die hier dominiert und interessiert, sondern die präzise, so intensive Psychologie dieses „bürgerlichen Monsters“. Weil DIESE so extrem anregend-aufregend ‘rüberkommt. Mit der unterschwelligen gemeinen Frage des Entsetzens, wie viel von DEM sich in einem Normalbürger wohl verstecken mag. Das alles lässt den, trotz gegen Ende figurenmäßig etwas die Überblickkontrolle verlierenden Streifen zu einem Genre-Meisterwerk aufblühen. Weil dieser MICHAEL SHANNON einmal mehr brillant „realistisch“ Spiel und Empfindung meisterlich auszudrücken, vorzuführen versteht. Ein genialer Mime, der sich immer mehr Richtung Spitze der Hollywood-Artisten wahrhaftig bewegt. Neben ihm ist es erfreulich, mal wieder WINONA RYDER („Black Swan“) als gutgläubige Ehefrau zu erleben. Wie es auch wieder ein Spannungsgenuss bedeutet, den offensichtlich nicht alternden RAY LIOTTA, 48 (sowohl in „Good Fellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“ von Martin Scorsese/1990 wie auch als Frank Sinatra in „The Rat Pack“/1998 unvergesslich) in seiner Lieblingsrolle als fiesen Mafiosi zu erleben. Seine schmutzige, wütende Typen-Performance ist einmal mehr perfekt. Auf den bösen Emotionspunkt gebracht. Ein exzellent „Angst“ verbreitender Akteur. (Mit seiner ständigen deutschen Prachtzynikstimme von Udo Schenk.)

Da verdient einer „sein Geld“. Für Haushalt und Da-Sein. Auf seine üble Weise. „The American Way of Life“, jeder soll es schaffen. Können. Wenn er sich nur „richtig“ anstrengt. Richard „Iceman“ Kuklinski hat dies an- und übernommen. Ohne Skrupel. Emotional abgründig. Abartig. Wie privat „nett“. So dass man sogar mit ihm „empfindet“. Michael Shannon und der Atemhochdruck: „The Iceman“ ist ein im allerbesten Sinne kirre machender, viel tiefer als alle anderen Killer-Movies lotender Spitzenthriller ( = 4 1/2 PÖNIs).

Anbieter: „Splendid“

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