Grandmaster Kritik

THE GRANDMASTER“ von Wong Kar-Wai (Co-B, Co-Pr + r; Hongkong//VR China/USA/Fr 2012; K: Philippe Le Sourd; M: Umebayashi Shigeru, Nathaniel Mechaly; 123 Minuten; Start D: 27.06.2013); die Markenzeichen des am 17. Juli 1958 in Shanghai geborenen Autoren-Regisseurs sind stets dunkle Kleidung und die schwarze Sonnenbrille. D e r Stilist des chinesischen Kinos gilt als Durch-und-Durch-Ästhet. Von wegen ruhigem, beherrschtem Tempo, augenschmausartigen Zeitlupen-Motiven, seinen scheinbar „stehenden“, bewegungslosen Bildern. 1994 verhalf ihm Quentin Tarantino, dass sein dritter Film „Chunking Express“ internationale Beachtung (und Begeisterung) fand. Herrlich überbordende Liebesgeschichten plus einer wahnsinnigen Tragik sind Wong Kar-Wais Erzählding. Sie choreographierte er in einer überhöht-stimmungsvollen Licht-Dramatik, mit einem sinnefüllenden Bilderrausch und über einen erlesenen Klangrhythmus faszinierend aus. Eintauchen, abtauchen, einfühlen, lautet das Motto für den Zuschauer seiner irdischen Seelenwanderungen. Die Wong Kar-Wai mit epischen Meisterwerken wie „In The Mood for Love“ (200) und „2046“ (2004) emotional -ästhetisch perfektionierte.

Der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale ist erneut ein stimmungsgewaltiges Schauspiel. In der inhaltlichen Mixtur aus Porträt, Liebesdrama und Historie. Als visuelles Fest. Über den Martial-Arts-Meister Ip Man (1893 – 1972), der die Kung Fu-Schule des „Wing Chung“ (= „Ewiger Frühling“) auf der ganzen Welt berühmt machte (und einst Berater von Bruce Lee war). Sein Aufstieg zu einem Maestro der Kampfkunst korrespondiert mit den politischen Ereignissen im Lande und dem Zusammenbruch Chinas durch die japanische Invasion und der Zerstörung seiner individuellen Welt durch eine vergebliche einzigartige Liebe. 1936. Ip Man (TONY LEUNG) ist der Kung Fu-Meister des Südens. Gong Er (ZIYI ZHANG) ist die Tochter eines besiegten Großmeisters aus dem Norden. Die Kung Fu-Gemeinde ist tief gespalten ob der wahren Nr.1 ihrer Kampfkunst im Lande. Die Rivalität ist groß, die jeweilige korrupte Nähe zur Unterwelt immens. Unruhe allerorten. SIE fordert IHN heraus. Die Ehre und die Liebe. Das Begehren und der Verrat. Dabei kommt man sich immer näher, ohne aber wirklich zusammenzukommen. Ihr Prestige-Duell in einem Edelbordell wird zu einer hochkomplexen wie hocherotischen Begegnung. Erfahrung. Ohne Erfüllung. Wong Kar-Wai und seine ewige Melancholie. Ip Man zieht sich einsam in das Exil von Hongkong zurück. Wo sie sich noch einmal, 1952, wiedersehen.

Die Augen werden satt verwöhnt. Schon der Einstieg ist ein optisches Ausnahmefest. Mit dieser „wahnsinnigen“ Ein- und Vorführung in Sachen KAMPF. Pur. Eine ungeheuerliche Kampfkunst-Akrobatik. Startet. Auf regennasser Straße. Mit Regentropfen in Großaufnahme. Mit belauernden Großblicken wie bei einem Sergio Leone-Western. Mit Gesten, Bewegungen, Minimalhauch. Der erste Fight. Der „Vorkampf“. Sozusagen. Als beeindruckendes Signal. Wir befinden uns in einem überhöhten kämpferischen Drama. Wo alles hochstilisiert, im wahrsten Sinne abgehoben und „großzügig“ ist. Völlig aus dem physischen wie ästhetischen Rahmen fällt. Es dominieren Zeitlupe, Zeitraffer, verblüffende, aufsehenerregende Perspektivwechsel, bis zur Unkenntnis verfremdet. Immer wieder begleitet von endlosem Schweigen. Inmitten dieses bestimmten, verführerischen Lichts und dieses „bewussten“, erregenden Dekors.

„The Grandmaster“ ist außen eine außergewöhnliche, natürlich, perfekte Choreographie. Einer betörenden Kampfkunst-Oper. Mit überbordenden Aktionen. Und Gefühlen. Samt kongenialem Musikeinsatz. Im Innern dagegen versandet, ermüdet die Geschichte. Wenn Personen kurz auftauchen und unerklärt wieder verschwinden, etwa Ip Mans Ehefrau, wenn überhaupt Nebenfiguren „da“, aber nicht „zuzuordnen“ sind, oder wenn die Bilder in ihrem „totalitären Rausch“ nicht begreifbar machen können, warum was gerade wie angesetzt passiert. Zeitsprünge sind ungeschickt bis undurchschaubar montiert. Was den Racheplot verwässert. „The Grandmaster“ ist formidables Kalkül, aber auch unfertig. Als philosophischer Action-Schmaus. Das hat möglicherweise mit der gekürzten internationalen (Berlinale-)Fassung zu tun, kann aber auch mit unserem Unwissen über historische Zusammenhänge zu tun haben. Sicherlich wird diesbezüglich eines Tages die Heimkino-Fassung für „mehr“ inhaltliche wie personelle wie zeitliche Gesamtverständigung sorgen. Das jetzige Kino-Erlebnis zielt mehrheitlich wie großartig „nur“ auf den visuellen Erlebnis-Rausch. Auf der prall gefüllten bunten Großleinwand. DIE phantastisches Augenfutter bietet (= 3 ½ PÖNIs).

P.S.: Einen wehmütigen cineastischen Abschied meldet Gerhard Midding in seiner Rezension in der Juni-Ausgabe von „epd film“: „Es ist der letzte Film, der auf FUJICOLOR gedreht wurde. Die Firma stellte mit Ende der Dreharbeiten die Produktion von Zelluloid ein“.

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