DAS FINSTERE TAL

DAS FINSTERE TAL“ von Andreas Prochaska (Co-B + R; Ö/D 2013; C-B: Martin Ambrosch, nach dem gleichn. Roman von Thomas Willmann/2010; K: Thomas Kiennast; M: Matthias Weber; 115 Minuten; Start D: 13.02.2014); der 1964 in Wien geborene Regisseur und Drehbuch-Autor begann, so verlautet es im Presseheft, als Kabelträger und arbeitete sich, „nach diversen Jobs in unterschiedlichen Funktionen“ zum Schnittassistenten und Cutter (zum Beispiel bei Michael Haneke / „Funny Games“) hoch. Mit „In 3 Tagen bist du tot“ schuf er 2006 einen der ersten Slasher-Streifen Österreichs, den er wegen des großen Erfolges zwei Jahre später fortsetzte. Der hierzulande nicht ins Kino gekommene Film „Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott“ war 2010 Österreichs erfolgreichster Kinofilm. Zweimal gewann er den „Bayerischen Fernsehpreis“ für die „Beste Regie“: 2010 für den TV-Film „Das Wunder von Kärnten“ sowie heuer für diesen Kinofilm: Einem grandiosen Alpen-Western.

THOMAS WILLMANN, Münchner des Jahrgangs 1968, hat Musikwissenschaft studiert, sich journalistisch in Los Angeles „herumgetrieben“, arbeitet als freier Kulturjournalist (u.a. für den „Münchner Merkur“ und den Berliner „Tagesspiegel“). Hat nebenbei auch Lehraufträge an der „Ludwig-Maximilians-Universität“ in München, insbesondere zum Thema Filmmusik. Seit 2007 ist er auch als Übersetzer tätig. 2010 erschien sein Debüt-Roman „Das finstere Tal“. Seine „Schutzheiligen“ zu diesem Werk sind, so sagt er selber, der deutsche Heimatdichter Ludwig Ganghofer („Das Schweigen im Walde“) und der italienische Western-Regisseur Sergio Leone („Spiel mir das Lied vom Tod“).

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts: Der Film blickt auf eine wilde unberührte phantastische Landschaft. Die österreichischen Hochalpen. Über einen versteckten Pfad erreicht ein Reiter mit einem weiteren Gepäck-Pferd ein verstecktes, verdrecktes Dorf. Das sich irgendwie zwischen unwirkliche Gipfel zu ducken scheint. Hier leben misstrauische Menschen. Die keine Fremden mögen. Und dies auch sofort grantig zeigen. Der Fremde nennt sich GREIDER, sucht Zuflucht für den aufkommenden Winter und kann dafür mit vielen Goldmünzen bezahlen. Was er ausgerechnet hier will? Fotografieren, lautet seine lakonische einsilbige Antwort. Man bringt ihn bei der Witwe Gader und ihrer jungen Tochter Luzi unter. Die steht kurz vor der Hochzeit mit ihrem Lukas, ist aber auch voller Furcht ob des bevorstehenden Ereignisses. Denn eine Hochzeit in dieser Gemeinschaft ist zugleich mit einer furchtbaren Tradition verknüpft. Von der vor allem die Sippe des Brenner-Bauern partizipiert. Überhaupt, der Alte und seine sechs Söhne, das sind hier die eigentlichen wie unbarmherzigen Herrscher im Tal. Vor denen sich alle ducken („Die Freiheit ist ein Geschenk, das sich nicht jeder gern machen lässt“, erklärt Luzi die allgemeine Ruhe hier). Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Im ersten Schnee trieft Blut. Und bald noch mehr. Die Söhne des Patriarchen werden gekillt. Nach und nach. Offensichtlich hat der Greider eine uralte persönliche Rechnung zu begleichen. Die Brenner-Buben sind alarmiert. Und außer sich. Vor berstender Wut.

Natürlich auch Sergio Corbucci und „Leichen pflastern seinen Weg“. In dem eisigen Western von 1968. Wo Jean-Louis Trintignant den Rache-Typ „Silence“ bravourös stumm mimte. Fällt einem ein. Wie natürlich auch Clint Eastwood aus dem Jahr 1973 als „Ein Fremder ohne Namen“. Andreas Prochaska hat einen dichten, packenden und bilderstarken Atmosphäre-Western geschaffen. Inmitten einer dafür geradezu „prädestinierten“ Landschaftswucht. Und Weite. Wo, wie einst so meisterhaft bei Leone, nicht viel gesprochen wird. Sondern viel mehr über die Körpersprache und Blicke spannend argumentiert und „ausgetauscht“ wird. Und wo ER auftaucht. „Baby Django“. Greider. Mit feiner glatter Gesichtshaut, sanftem Benehmen und nicht wie damals Franco Nero dreckig und mit Fünftage-Bart. Und dieser Monsterwaffe im Sarg. Der GREIDER erscheint nur mit „simplem“ Gewehr und einer für ihn (SEHR) bedeutsamen Spieluhr. Aus der aber keine Töne erklingen wie etwa einst diese mitreißenden Signalklänge von Ennio Morricone in „Für ein paar Dollar mehr“ von Sergio Leone (1965). Sondern „nur“ um zu signalisieren, dass es ihm gerade um das Foto in dieser Uhr geht. Auf dem eine Frau zu sehen ist. Jung und hübsch. Ihretwegen hat er sich wohl auf diese lange Reise von Amerika hierher begeben. In das Drecksgebiet. Wo der Brenner-Bauer mit seiner Sippe brutal herrscht. Seit jeher und immer fort. Wie DIE glauben.

Der Musikus hier heißt MATTHIAS WEBER, stammt aus Freiburg, hat in Boston und Los Angeles Komposition und „Film Scoring“ studiert und weiß seine stimmungsvollen musikalischen Akzente und tönenden Kommentare wohl anzubringen. Und auch die gesanglichen Soli sind anfangs und am Ende hörprima platziert. Nur einen Morricone zu kopieren, das hat er sich dann doch nicht getraut. Der Brite SAM RILEY, 33, aufgefallen in Filmen wie „Control“, wo er den innerlich zerrissenen Sänger der britischen Post-Punk-Band „Joy Division“ Ian Curtis spielte (2007), als Kleinkrimineller Pinkie Brown in dem Gangster-Drama „Brighton Rock“ (2010) sowie in der Jack Kerouac-Adaption „On the Road – Unterwegs“ (2012), gibt den stillen wortkargen Rächer Greider mit souveräner Jünglings-Bravur. Als rächender Engel. Im düsteren Ensemble erblicken wir bekannte Gesichter wie TOBIAS MORETTI (der ewige Hundepapa aus der populären TV-Serie „Kommissar Rex“; neulich als Schauspieler Ferdinand Marian in dem Oskar Roehler-Werk „Jud Süß – Film ohne Gewissen“), PAULA BEER („Poll“), CLEMENS SCHICK („James Bond: Casino Royale) oder Routinier HANS-MICHAEL REHBERG als alter Saukerl Brenner. Sie alle stehen (oder liegen dann) für einen Klasse neuzeitlichen Western, dessen Unterhaltungswert enorm ist.

„Das finstere Tal“ ist ein faszinierendes, sehr atmosphärisches Spannungswerk für Genre-Fans (= 4 PÖNIs).