The Fighter Kritik


THE FIGHTER“ von David O. Russell (USA 2009/2010; 115 Minuten; Start D: 07.04.2011); es ist der 11. März 2000, als der 34jährige MICKY WARD aus Lowell, Massachusetts in London den WM-Titel der World Boxing Union (WBU) gegen den Titelverteidiger Shea Neary im Halbweltergewicht gewinnt. In einem Kampf, der einem Muhammad Ali würdig war: Micky Ward ließ sich so lange im Ring verprügeln, bis der Angreifer müde wurde. Um diesen dann „richtig“ zu attackieren und den “Kollegen“ klassisch auszuknocken. Davon erzählt dieser Film. Beziehungsweise von der langen privaten Schicksalsgeschichte dieses Micky Ward bis dahin. Die mindestens genauso packend ist wie schließlich das entscheidende Ring-Duell.
Die besten Kino-Geschichten sind nicht die erfundenen, sondern die wahren. Wer also ist dieser Micky Ward und warum begegnet er uns jetzt??? Weil es wieder einmal ein Boxer-Milieu-Film versteht, menschliche Wesens- und Charakterzüge eindringlich zu vermitteln. Nach dem bewährten Scorsese- & Co.-Motto: Du mußt durch die Hölle, wenn du auf den Olymp willst („Raging Bull – Wie ein wilder Stier“/1979; zuletzt: „Million Dollar Baby“ von Clint Eastwood).

Boxen, das „sportliche Aufeinandereindreschen“, hat immer „etwas“ mit dem sozialen Umfeld zu tun. Motto: Du musst dich zünftig kloppen, um aus dem Alltagsdreck herauszukommen. Micky Ward (MARK WAHLBERG), ein Profiboxer irischer Herkunft, bemüht sich darum. Hat es aber bislang nicht aus dieser heute wenig glamourösen Arbeiter-Region um Lowell, unweit von Boston, herausgeschafft (die einst, im 19. Jahrhundert, der größte Industriestandort der USA war). Zu viele persönliche Bindungen. Da ist seine Tochter aus einer früheren Beziehung. Die er nur einmal in der Woche sehen darf und an der er hängt. Und da ist vor allem seine Sippe. Mit der energischen, extrem dominanten wie geschäftstüchtigen Managerin und Oberthaupt-Mama-Furie Alice (MELISSA LEO) samt ihrer vielen „unbeschäftigten“ erwachsenen Töchter. Und da existiert diese enge (Ver-)Bindung an seinen Halbbruder, seinen zugleich mehr und mehr unzuverlässigen Trainer Dicky Eklund (CHRISTIAN BALE). Der einst auf dem besten Wege, war, ein Box-Champion zu werden, es aber dann vermasselte. Dicky, der noch immer von einem Kampf mit der Box-Legende Sugar Ray Leonard zehrt, weil er diesen einst auf den Boden knockte, verfiel der Crack-Sucht und Selbstüberschätzung. Dennoch kommt heute, Jahre später, ein Fernsehteam nach Lowell, um über Dicky Eklund ein Porträt zu drehen. Der reale Absturz eines talentierten Boxers…, so etwas. Währenddessen hat Micky die Kellnerin Charlene kennen- und liebengelernt (AMY ADAMS) und will den Absprung wagen: Weg von der dominanten Mutter-Glucke, endlich ein eigenes Leben einrichten. Auch beim Boxen. Micky Ward will es noch einmal wissen. Ganz professionell. Dicky kann ihm dabei als Trainer nicht helfen, hat sich im Drogenfieber gerade noch tiefer in die Scheiße geprügelt, sitzt hinter Gittern. Also muss es Micky Ward alleine wagen. Es wird ein steiniger Weg. Denn die Familie bedeutet ihm eigentlich ALLES. Zudem – Mama hat natürlich vehement etwas dagegen, fortan geschäftlich ausgebootet zu werden. Viel Prügel wartet also auf Micky Ward, physisch wie vor allem seelisch. Doch der Typ kann extrem viel einstecken. Wie dann auch austeilen.

Die Entwicklungsgeschichte dieses 5fach „Oscar“-nominierten amerikanischen „Low Budget“-Films (darunter als „Bester Jahres-Film“/Budget: rd. 25 Millionen Dollar) ist interessant. Mark Wahlberg war von Anfang an als Titelheld engagiert sowie auch als Mit-Produzent dabei. Darren Aronofsky war ursprünglich für die Regie vorgesehen, sprang aber wegen „Black Swan“ ab. Brad Pitt (45) war für die Dicky-Halbbruder-Rolle ebenso im Gespräch wie Matt Damon/38. Schließlich bekam der 51jährige New Yorker David O. Russell, bekannt durch die Kriegskomödie „Three Kings“ von 1999 mit George Clooney und Mark Wahlberg, den Regie-Auftrag. Während der 35jährige großartige „Intensivtäter“ CHRISTIAN BALE („American Psycho“; „The Dark Knight“) für den Dicky-Part eingekauft wurde. Was sich extrem gelohnt hat. Denn Bale, mit seiner knöchrigen dürren Statur, den eingefallenen Wangen und dem glasigen Dauerblick, spielt seinen selbst zerstörerischen, ausgemergelten Typen dermaßen fiebrig, hyperaktiv und „bedrohlich“, dass die Filmakademie neulich gar nicht anders entscheiden konnte als ihm dafür die verdiente „Oscar“-Trophäe als „Bester Nebendarsteller“ zu überreichen.

Der vor allem körpersprachlich faszinierende Christian Bale unterstreicht hier porentief, dass er derzeit zu den Spitzen-Akteuren innerhalb der Hollywood-Championsliga zählt. Was den 38jährigen Bostoner MARK WAHLBERG („Departed – Unter Feinden“) ebenfalls zu einer beeindruckenden (physischen) Leistung veranlasst. Er, aus „solch einer Armutsregion“ stammend, unter ähnlichen erbärmlichen Bedingungen, mit ebenfalls 9 Geschwistern, aufgewachsen, läuft zu Höchstform auf. Mimt seinen Micky Ward nicht als „American dream“-Muskelman „Rocky“, sondern als sich mehr und mehr emanzipierenden Kraftkerl mit vielen Irritationen und „Fehlfahrten“. Durch die latent-gefährliche amerikanische (Seelen-)Gosse. Eine sensationelle Leinwand-Entdeckung aber ist die bislang bei uns weitgehend „unerkannte“ MELISSA LEO als „einnehmende“ Mutter Alice (in dieser Premierenwoche auch im neuen Kinofilm „Willkommen bei den Rileys“ grandios). Wie sie dieses dauer-energische Aktiv-Bündel von kettenrauchender Proll-Mama herrisch durchzieht, ist triumphal-wuchtig. Ein brillanter Darstellerinnen-Volltreffer. Mit einer ungeheuren Power-Performance. Für die es völlig zu Recht auch einen „Oscar“ (als „Beste Nebendarstellerin“) gab.

„The Fighter“, teils mit wüster, „wütender“ Hand-Kamera (vom niederländischen Kamera-As HOYTE VAN HOYYTEMA) hantierend, schlägt fein-wild unter die Haut. Und spannend über die Gürtellinie. Dieses Kino kann sich bestens sehen und herrlich nervend empfinden lassen (= 4 PÖNIs).