ELDORADO

ELDORADO“ von und mit Bouli Lanners (B+R; Belgien/Fr 2007/81 Minuten; Start D: 14.05.2009); wissen Sie, in diesen Tagen hat sich der Dauerlärm um die großen amerikanischen „Schreihälse“-(Marketing-)Filme etwas gelegt. Natürlich, s. oben, „Illuminati“, okay, aber in den nächsten Wochen können wir verstärkt AUCH (endlich) wieder auf sog. „Sleeper-Filme“ hoffen. Filme, die zunächst vom Titel-her, vom Herstellungsland sowie über die Akteure vor wie hinter der Kamera wenig aussagen. Filme, die zunächst „fremdeln“. Bis man sie gesehen, bis man sie entdeckt hat und – gerne – hofiert. Solche Filme waren in den letzten Jahren z.B. „Juno“ (Kanada) oder „Vitus“ (Schweiz) und zuletzt erst, in der Vorwoche angelaufen, „Spiel der Träume“ (Sri Lanka/Italien/D).

Jetzt gilt es erneut, auf ein SOLCHES JUWEL hinzuweisen: Auf ein wunderbares Road-Movie aus BELGIEN! Für das es beim letztjährigen Cannes-Festival bereits drei Preise gab und das nun auch bei uns zu den UNBEDINGTEN (Arthouse-)Kino-Entdeckungen zählen sollte. Es ist die – nach „Ultranova“ (2004) – zweite Regie-Film des 42jährigen Schauspielers BOULI LANNERS. Er spielt den stoischen und nicht gerade vom Geschäftserfolg verwöhnten Oldtimer-Händler Yvan. Der kehrt eines Abends nach Hause, findet dieses ziemlich verwüstet vor, währenddessen sich der Einbrecher unter seinem Bett versteckt hält. Es ist der hohlwangige junge Junkie Elie. Der wollte das Einmachglas mit den Centmünzen stibitzen. Für ein Busticket. Elie will zu seiner Mutter, die an der belgisch-französischen Grenze wohnt. Keine Polizei, stattdessen kommen sie ins Gespräch: Der dickliche Gebrauchtwagenhändler und der dürre Bubi. Der behauptet, nicht nur pleite, sondern auch clean zu sein. „Seit 14 Tagen“. Und natürlich fahren sie schließlich mit diesem himmelblauen 79er-Chevrolet, Elies Geburtsjahr, los. Durch die wallonische Landschaft. Der kurzbehoste Yvan und der fahrige Elie mit der roten Baseball-Kappe, was für ein skurriles Paar. „Riecht“ ein bißchen nach „Laurel & Hardy“. Ganz sanft allerdings. Und natürlich stoßen sie „auf Gleichgesinnte“. Wie auf diesen Mann, der Autos mit Beulen von angefahrenen Verkehrsopfern sammelt. Weil es „trunken“ wird, erweist sich ein Nudisten-Pärchen als Retter in der (Auto-)Not. Beim Besuch des Jungen bei seinen Eltern geht es ans Eingemachte. Stichwort: Bindungsarmut. Und dann fällt auch noch dieser an den Pfoten zusammengebundene Dobermann auf ihr Dach.

Lakonie und Understatement, die kommunikative Sprachlosigkeit, die vorbeiziehenden, stimmungsvoll-unspektakulären Felder, Wälder und Weiden. Diese schönen Cinemascope-Landschaftsmotive. Es ist die feine, prickelnde Geschichte vom Eigenbrödler und vom Junkie, die sich für einen Seelen-Moment zufällig begegnen und zusammenraufen. Auf der Suche nach ihrem „Eldorado“, ihrem Wohlfühl-Dauerplatz. Mit überzeugend dosierten , komischen Pleiten und Pannen inszeniert Lanners einen Zweitages-Trip durch ein Land, das man eigentlich in gut und gern 2 Stunden durchquert hat. Minimalistisch, zurückhaltend, körpersprachlich unaufgeregt, aber instinktsicher begegnen wir einer ebenso kurzen wie ungewöhnlichen Freundschaft. Wobei die Balance zwischen Komik und Tragik wunderbar ausgetimt, sprich wirkungsvoll ist und leise und ganz und gar unangestrengt wie angenehm-melancholisch ´rüberkommt: „Ich zeige die Welt in ihrer natürlichen Traurigkeit“, fügt Lanners an. Und „kommentiert“ sie musikalisch mit feinem, exzellentem, stimmungsvollem Indie-Rock. Wie es sich für ein phantastisches, schräges Road-Movie auch gehört. Das ohne Rührseligkeiten berührt, bewegt. Und wer schließlich auf das balladenhafte Happy-Ende setzt/hofft, muß sich erst einmal gewaltig von seinem Hals-Kloß befreien. „Eldorado“ ist eine großartige filmische wie menschliche Kostbarkeit. Bitte nicht aus den Augen verlieren (= 4 PÖNIs)!