EIN ENGEL IM WINTER

Gleich der erste DVD-Spielfilm des Neuen Jahres 2008 paßt in diese Jahreszeit wie die berühmte „Faust aufs Auge“. Wobei es sich hier um eine Co-Produktion Frankreich/Kanada/D aus dem Jahr 2007 handelt, die jetzt „per Scheibe“ deutsche Premiere hatte. Der französische Originaltitel lautet „Et aprés“; der englische „Afterwards“ und der deutsche

EIN ENGEL IM WINTER“ von Gilles Bourdes (Co-B+R; D/Fr/Canada; 107 Minuten; DVD-Veröffentlichung: 08.01.2008).

Der hierzulande unbekannte 46jährige französische Filmemacher GILLES BOURDOS adaptierte den gleichnamigen Roman des heute 35jährigen französischen Schriftstellers GUILLAUME MUSSO, der 2004 wochenlang die Bestsellerlisten in Frankreich anführte und dort über 1,5 Millionen Mal verkauft wurde, und dann 2005 bei uns herauskam, wobei hier inzwischen auch schon über 100.000 Exemplare über den Ladentisch gingen.

Wenn Sie wissen könnten, wann Sie sterben, wann würden Sie es wissen wollen? Mit dieser „merkwürdigen“ Frage taucht bei dem französischen Anwalt Nathan Del Amico (ROMAIN DURIS) in New York ein Dr. Kay (JOHN MALKOVICH) auf. Der Mitte-Dreißiger-Typ ist empört. Zählt er sich doch zu den jungen, dynamischen, Erfolgreichen. Zudem fühlt er sich prächtig, hält sich für völlig gesund. Was soll also DAS? Was will DIESER TYP? Der sich tatsächlich als Leiter einer „realen“ Krankenhaus-Station in der Nachbarschaft entpuppt. Und ständig behauptet, ihm, Nathan, unbedingt helfen zu wollen. Helfen? Verdammt nochmal, wobei? Und wieso faselt dieser stets gut gekleidete, seriös wirkende und „merkwürdig“ argumentierende Dottore andauernd vom Sterben? Vom Tod? Der eventuell bevorsteht? Was hat ER denn, verdammt nochmal, DAMIT zu tun?

Nathan ist wütend wie mißtrauisch. Aber auch „aufgescheucht“. Läßt sich umgehend rundum untersuchen. Die Diagnose: Völlig okay. Gesund wie fast fit. Also??? Der weiteren Aufsteiger-Karriere des brillanten Anwalts steht also EIGENTLICH nichts im Wege, oder? Dennoch ist er beunruhigt: Was ist bloß los? Was soll DAS ALLES? Na gut, er hat sich in letzter Zeit nur noch auf seine Arbeit gestürzt, nachdem ihn seine Frau Claire (EVANGELINE LILLY/die „Kate Austen“ aus der TV-Serie „Lost“) mit der gemeinsamen Tochter verlassen hat. Der Grund: Ihr kleiner Sohn starb den „plötzlichen Kindstod“, und das konnte Nathan nicht verwinden, gab sich DAFÜR die Schuld. Jetzt ist er ein Getriebener, der sein Ich gut verpackt und umhüllt hat. Und seine ganze Energie in den Beruf steckt.

Doch nun ist dieser „blöde“ Dr. Kay da. Stellt so „komische Fragen“, benimmt sich „so eigenartig“, läßt sich nicht aus der Ruhe bringen. Und behauptet, ER könne erkennen, daß jemand stirbt. Bald, demnächst, absehbar. Nur den genauen Tag und den Ort kann er nicht vorhersagen („Niemand hat Macht über die Stunde des Todes“). Dr. Kay stellt sich als menschlicher BOTE vor („Es gibt Menschen unter uns, die im voraus wissen, daß jemand sterben wird“). Der rationale Nathan ist entsetzt. Hält DAS für ein hinterhältiges, gemeines, abgekartetes, perverses Spiel. Will DAVON nichts mehr wissen. Und muß mehr und mehr „unangenehme Ereignisse“ in seiner unmittelbaren Umgebung zur Kenntnis nehmen. „Man kann dem Tod ins Gesicht schauen und trotzdem weiterleben“, behauptet Dr. Kay. „WICHTIG IST ES ZU LEBEN, BEVOR MAN STIRBT“, lautet sein Credo. Heute, jetzt, sofort. Man kann sein Leben in jedem Moment ändern, korrigieren, „neu abstimmen“. Man kann sich in jeder Sekunde seines Lebens „anders orientieren“, DAS möchte er vermitteln und sonst nichts. Sagt Dr. Kay. Auf dessen Station Todgeweihte „warten“. Nathan kommt mit ihnen in Kontakt. Sieht, hört, denkt. Fühlt sich zunehmend verunsicherter. Ist beunruhigt. Und plant fortan wie intensiv, dem Schicksal, seinem Schicksal, wie er glaubt, auszuweichen, „aus dem Weg“ gehen, entkommen zu können. Die Schluß-Pointe kommt dann auch nicht nur für ihn völlig überraschend. Dabei durchaus plausibel „wirkend“.

Ein spiritueller Thriller. Ein starkes Stück sanftes Seelen-Kino. Mit außerordentlich eindringlichen Bildern, Motiven, Gedanken. Ohne dabei unangenehm aufdringlich, platt, albern oder „spektakulär“ zu sein. Ein geheimnisvoller Spannungsfilm, der uns mehr und mehr in seinen faszinierenden Nerven-Sog zieht. Und dabei einer möglichen Quatsch-Blöd-Stimmung angenehm ruhig, seriös, aus dem Weg geht. Bei solch einem heiklen Thema, wunderbar. „Ein Engel im Winter“ erzählt von Emotionen, Ideen, Empfindungen, „Geräuschen“ im Zusammenhang mit menschlicher Endlichkeit. Handelt von einem möglichen „Frühwarnsystem“, von Hinweisen, es, das Leben, BESSER zu gestalten, planen, auszufüllen. Und ist dabei in seiner „Aktion Seelenbefindlichkeit“ ganz und gar nahegehend, berührend, aufregend. Mit atmosphärischen, sensiblen Motiven von Kameramann MARK PIN BING LEE ebenso wie auch mit der wunderbar begleitenden, „erklärenden“, mit-eingebundenen „Stimmungs“-Musik von ALEXANDRE DESPLAT.

Der 35jährige französische Schauspieler ROMAIN DURAS („Gadjo Dilo“/1997; „L`auberge espagnole“/2002 + „L `auberge espagnole – Wiedersehen in St. Petersburg“/2005) spielt den Nathan-Karriere-Überflieger auf gebremster Überholspur mit überzeugender Wut-Kraft und glaubwürdigem Verzweiflungs-Charme. Mensch-Marke „Ich doch nicht“, bin doch noch viel zu jung, mittendrin aktiv und überhaupt…., da soll doch noch SO VIEL kommen/passieren….. Währenddessen tritt der einmal mehr großartige (56jährige) JOHN MALKOVICH (zuletzt in Eastwoods „Der fremde Sohn“) sensibel, diabolisch, souverän, sehr charaktertief auf. WIE er als Dr. Kay diese emotionale Achterbahnfahrt für Nathan vorbereitet, in Bewegung setzt, ausführt, ist beeindruckend wie – vor allem – immer glaubhaft, glaubwürdig. Und DARAUF kommt es an. „EIN ENGEL IM WINTER“ ist ein spannend-menschelndes, schönes Seelen-Abenteuer, mit viel Herz. Gefühl und noch mehr Verstand. Kluge, empfindsame „Winter-Unterhaltung“-pur.
Jetzt DIE ENTDECKUNG auf DVD.

Anbieter: „Sunfilm Entertainment“/München.