EASY VIRTUE – EINE UNMORALISCHE EHEFRAU

EASY VIRTUE – EINE UNMORALISCHE EHEFRAU“ von Stephan Elliott (Co-B+R; GB/USA 2008; 97 Minuten; Start D: 24.06.2010); der heute 45jährige australische Regisseur und Drehbuch-Autor hat bislang einmal „größer“ von sich filmisch-reden lassen, nämlich mit seiner 1994er Schräg-Hit-Komödie um zwei „Drag-Queens“ in der australischen Einöde: „Priscilla – Königin der Wüste“. Hier nun adaptiert er das gleichnamige Theaterstück des britischen Schriftstellers, Schauspielers und Komponisten NOEL COWARD (1899 – 1973) aus dem Jahr 1924. Das kein Geringerer als ALFRED HITCHCOCK 1928 als – weitgehend vergessenen – britischen Stummfilm erstmals (und ebenfalls unter dem originalen Coward-Titel „Easy Virtue“) verwandte. Weil es sein späteres Lieblingsdauerthema beinhaltete: Die herrschende bzw. beherrschende Mutter als manipulative und zerstörerische Familien-Furie.

„Easy Virtue“, sinngemäß übersetzt „Leichtes Mädchen“ („ohne Tugend“), spielt im Britannien der 20er Jahre. Bei „feinen adligen Pinkels“ auf ihrem familiären Landsitz. Dort herrscht Mrs. Whittacker (KRISTIN SCOTT THOMAS). Die großen, SEHR großen Wert darauf legt, dass die Upperclass-Fassade stets gewahrt bleibt. „Lächeln“, immer lächeln, lautet die ständige Parole. „Mir ist aber nicht danach“, motzt eine der Töchter, „Du bist Engländerin, also tu so als ob“, grinst unterkühlt-ironisch der Hausherr, Colonel Whittacker (COLIN FIRTH), zurück. Man versteht sich untereinander, sagen wir mal, „nicht so doll“.
Seit Papa aus dem Ersten Weltkrieg beschädigt und desillusioniert zurückgekehrt ist und als depressiver Zyniker nur noch bei den permanenten Verbalduellen mit seiner Gattin „aufblüht“, hat Mrs. das absolute Sagen. Und weil die „nicht so sehr gelungenen“ Töchter Marion (Katherine Parkinson) und Hilda (Kimberley Nixon) weder Charme noch Originalität besitzen/verströmen, setzt die resolute Hausherrin alle Hoffnungen auf ihren Stammhalter John (BEN BARNES). Sprich – auf eine sowohl standesgemäße wie lukrative Verbindung für bzw. mit ihm.

Als John aber aus den USA zurückkehrt, hat er sich schon ehelich entschieden. Für die toughe wie platinblonde Amerikanerin Larita (JESSICA BIEL), eine fröhliche Witwe und erfolgreiche Rennfahrerin. Larita hat soeben den Grand Prix von Monaco gewonnen, John hat sich sofort in sie verliebt. Eine Spontan-Heirat. Mit Folgen, denn Mama ist entsetzt. „So eine“ wünscht sie sich keinesfalls im Haus. Eine, die „offen“, also öffentlich raucht und von Fuchsjagden, Fünf-Uhr-Tee-Zeremonie und Kreuzworträtseln gelangweilt ist. Die mit dieser ständig ausströmenden offenen Doppelmoral überhaupt nichts anzufangen weiß. Klar und deutlich: Weibliche wie mütterliche Abneigung pur. Fortan bemüht sich die Schwiegermama nach bzw. mit snobistischen Gemeinkräften, tatkräftig unterstützt von ihren „komischen“ Töchtern, die Beziehung der Jungvermählten „kaputt“ zu kriegen. Doch da hat sie „das amerikanische Blondchen“ im Hause gehörig unterschätzt. Denn Larita nimmt den Zickenkrieg – zunächst – voll an.

Regisseur Stephan Elliott und Co-Autorin Sheridan Jobbins entwickeln ihren Stoff auf hintergründige Weise. Die unruhigen 20er Jahre. Sprich – der gesellschaftliche Tanz auf dem Vulkan. Die Neuorientierung nach schlimmen Kriegsjahren. Während „die Einen“ auf den konventionellen, traditionellen und für sie unveränderbaren Regeln und Formen bestehen, beginnen „für Andere“ die Veränderungen, die Neuzeit. Die Regel-Änderungen. Daraus entsteht unaufdringlich, angehaucht Reiz Nr.1, der schöne Schein und das prekäre Sein. Drumherum aber entsteht „das thematische wie darstellerische Fleisch“: Das wahre Reiz-Klima: Der virtuose Weiber-Zoff. Körpersprachlich wie per messerscharfer Sprache. Worte als listige Revolverkugeln. Pointiert, geistreich, unverschämt, witzig. Süffisant doll schwarz. Frau und Frau provozieren wunderbar. Sarkasmus allerorten. Mit (sehr) viel Hexen-Charme. Auf beiden Seiten. Männer spielen hier nur eine untergeordnete Rolle. Sie zeigen sich schwächlich, ausgebrannt, bisweilen auch begriffsstutzig (was zumindest Mama-Boy John angeht).

Die Frauen müssen in den Ring, um „die Dinge“ zu klären. Und WIE sie hier DAS anstellen, ist allererste Darsteller-Sahne. Die einmal mehr großartige KRISTIN SCOTT THOMAS („Der englische Patient“; „Der Pferdeflüsterer“; „So viele Jahre liebe ich dich“) lässt als Mrs. Whittacker die unterkühlten Funken blitzen, versprüht mit ihrer Lady feinen standesgemäßen wie köstlich subversiven Charme. COLIN FIRTH („A Single Man“; „Mamma Mia!“) hält sich als „diskreter Seelenverwandter“ vom selbstbewussten „Ami-Bubikopf“ Larita mit wunderbar treffsicheren Verbal-Giftpfeilen wacker. Eine tolle Überraschung aber ist Hollywood-Weib JESSICA BIEL („Chuck und Larry – Wie Feuer und Flamme“, neben Adam Sandler + Kevin James/2007; „Der Illusionist“, neben Edward Norton/2006/DVD), die bislang eher mehr „physisch“ denn „charakterlich“ auf der Leinwand präsent war. Sie darf endlich einmal das blonde Model-Dummchen ablegen und prächtigen femininen Seelen-Ausdruck präsentieren. Mit vielen augenzwinkernden Paroli-Attacken bezaubert die 28jährige dann auch als komische Begabung, etwa wenn es gilt, das versehentlich erstickte, heißgeliebte Schoßhündchen der Grusel-Schwiegermutter auf der Couch „zu verdecken“. Eine „faszinierende Emanze“, ein sympathischer weiblicher Clown.

Wie überhaupt diese ganze Chose hier fesch-fein unterhält. Komponist MARIUS DE VRIES („Moulin Rouge“) mixt gekonnt Titel von Noel Coward mit Klassiken von Cole Porter mit Pop-Hits wie „Sex Bomb“ (Tom Jones) und „Car Wash“. Ein stimmungsvoller Stilbruch, zu dem auch eine hinreißende Jazz-Version der ausgebildeten Sängerin Jessica Biel passt, wenn sie Billy Oceans „When the Going Gets Tough the Tough Get Going“ interpretiert.
Was also für ein Vergnügen und was für eine sinnliche, vitale Kino-Alternative zum gegenwärtigen WM-Fußball in Südafrika. Allerdings – was auch für ein blöder deutscher Zusatztitel. „Eine unanständige Ehefrau“, bah. Einfältig, viel zu banal. Mittendrin fällt einmal der WAHRE SPRUCHTITEL für dieses exzellente Amüsement-hier:
„SEIEN WIR UNANSTÄNDIG!“. Genau, das wär´s titelmäßig gewesen und träfe voll und ganz den britisch-ironischen Spott-Spaßkern…..: „SEIEN WIR UNANSTÄNDIG!“, prima. Bzw. – nur zu (= 4 PÖNIs).