Bulle und das Mädchen Kritik

DER BULLE UND DAS MÄDCHEN“ von Peter Keglevic (BRD/Ö 1984; B: Peter Märthesheimer, Pea Fröhlich, K: Edward Klosinski, M: Brynmor Llewelyn Jones; 92 Minuten; Start D: 19.4.1985).

Wie haben wir vor langer Zeit bewundernd und staunend vor den Gangster-Balladen eines Jean-Pierre Melville gesessen und uns genüsslich von dessen eiskalten Typen und perfekten Stories, genau in dieser Reihenfolge, berauschen lassen. Welche Wut kam stets auf, wenn in den Siebzigern den vergeblichen Anstrengungen der Helden in den italienischen Polit-Thrillern des Damiano Damiani zugesehen wurde. Wie aufregend waren einst die in den heißesten und schwärzesten Ecken und Winkeln von Down-Town New York angesiedelten Nachtreißer des Martin Scorsese. Oder kann jemand jemals die wahnsinnigen Aktionen des Outlaw-Schnüfflers Gene Hackman in William Friedkin‘s Mafia-Spannung “French Connection – Brennpunkt Brooklyn“ vergessen? Meilensteine von KINO waren das, und die buchstabierte man damals wie heute
U n t e r h a l t u n g.

Hierzulande haben wir, zumindest seit Kriegsende, mit diesem Begriff Identitätsprobleme, und spätestens seit der Auferstehung von “Uropas Kino“ mit den “Supernasen“-Witzergüssen um so mehr. Umso begrüßenswert ist es denn, dass sich seit geraumer Zeit einige talentierte filmische Unruhestifter bei uns mit der kargen Situation in Sachen Unterhaltungskino nicht abfinden wollen, sondern dieses auf eigene forsche, ungestüme Weise neu zu formulieren versuchen. Dabei ist nicht mehr Wörthersee-Klamauk gefragt, auch nicht intellektuelles Bauchweh und schon gar nicht die authentische Depression, sondern es geht einzig und allein nur darum, gutes, ansprechendes Kino in Form von glaubhaften spannenden Stories zu machen.

Dominik Graf (“Treffer“), Carl Schenkel (“Kalt wie Eis“, “Abwärts“), Roland Emmerich (“Das Arche Noah Prinzip“) sind Hoffnungen, wie es sie seit Jahren nicht mehr gegeben hat. Und natürlich Peter Keglevic, der 1985 mit seinem Erstling, dem Melodram “Bella Donna“ ein sensationelles Debüt bei den wenigen hatte, die es mitbekamen. Dass er überhaupt weitermachen konnte, ist nicht zuletzt das Verdienst des Produzenten und Verleihers Hans Eckelkamp, der seine Begabung erkannte und voll auf ihn setzte. Keglevics zweiter Wurf nun, “Der Bulle und das Mädchen“, ist ein großer geworden, der eigentlich kommerzielle Interessenten ebenso zufriedenstellen müsste wie cineastische. Dabei wird keine neue Kino-Geschichte vorgeführt, ganz im Gegenteil. Beispiele für emotionale Reibereien zwischen gestandenem Mannsbild rotzigem Aussteigergirl lassen sich in beinahe jedem Filmland finden, und dennoch haben Keglevic und seine (Fassbinder-)Autoren Peter Märtesheimer und Pea Fröhlich etwas Eigenes, etwas ganz spezifisch Spannendes herausholen können. Das vor allem mit dem stimmigen Handwerk des Regisseurs, aber auch mit seiner unübersehbaren Vorliebe für klassische Genrestreifen zu tun hat.

Die Austauschbarkeit von Gangstern und Polizisten manifestierte sich in den Melville-Filmen vor allem in den Äußerlichkeiten wie lange, schwere Mäntel, breitkrempige Hüte und dunkle, korrekte Anzüge. Heute sind zwar die Kostüme verändert, beide Seiten nehmen jetzt gerne mit Jeans, T-Shirts, lockeren Jackets und Turnschuhen vorlieb, ansonsten aber besitzt immer noch der Ausspruch Melvilles über seine Protagonisten Gültigkeit, wonach es niemals Unschuldige gibt, sondern nur Verbrecher. Die Menschen kommen zwar unschuldig auf die Welt, bleiben es aber nicht. Wie eben dieser namenlose Polyp um die vierzig hier, der durch die fast fünfzehnjährige Kripo-Arbeit „hart“ geworden ist. Ein Typ, dessen Alltag sich im Großstadtdschungel abspielt, der Tag und Nacht im Milieu herumstreunt und dabei Sprache, Gefühl und seine Frau verloren hat. Er hat auch keine Freunde mehr, ist ein Lonesome-Cowboy geworden, der nur noch ein erotisches Verhältnis zu seiner Waffe hat und sonst völlig kalt ist.

Ausgerechnet dieser Kerl trifft auf eine namenlose 18jährige, “die schon die ganzen Tricks drauf hat“, wie die Computerstatistik des Polizeiberichts ausweist: früh von zu Hause weg, Hausbesetzer-Szene, rumgejobbt, angeblicher Klau aus Kneipenkasse, während sie einen Vergewaltigungsversuch des Chefs geltend macht. „Seitdem untergetaucht“. Der Bulle hilft ihr aus einer bedrohlichen Situation, und sie dankt es ihm, indem sie ihm Waffe und Papiere klaut. Von nun ab hat er keine ruhige Minute mehr, denn welcher Bulle lässt sich schon gerne „die Liebste“ klauen und gibt das auch noch zu. Statt ellenlange Protokolle zu schreiben und dumme Kollegensprüche anhören zu müssen, macht er sich lieber auf die Jagd nach Weib und Waffe. Und gerät immer schlimmer ins Schlamassel. Muss Kollegen matt setzen und in die Irre führen, muss sich verstecken, landet schon mal samt Karre in einem Baggersee und zeigt langsam aber sicher Gefühle, aus dem Jäger einen Gejagten werden lässt. Während die Fahndung von „Bonnie und Clyde“ spricht und terroristische Aktionen vermutet, “knackt“ die junge Lady diesen Kühlschrank nach und nach. Eine kurze Liason, aber wer solche Geschichten, wenn sie gut und ehrlich sein wollen, können natürlich kein Happy Ends, ein solches wäre auch zu dämlich.

“Derrick“ oder „Alte“ – Fans werden schreiend raus rennen, wer aber den frühen Delon mag oder den ewigen Unruheherd de Niro („Hexenkessel“) wird voll auf seine Kosten kommen. Peter Keglevic hat sich was zugetraut, setzte präzise auf die Mechanismen amerikanischen Kinos, ohne dabei eine Absichten und Vorstellungen zu vergessen. „Mich interessieren vor allem immer ganz extreme Liebesgeschichten, immer die Beziehung zwischen Mann und Frau. Das Menschliche wie die Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit. Und das Unmenschliche dass man‘s nie erreichen kann. Das Glück, nach dem man strebt, und das man nie erreicht“, formulierte er vor zwei Jahren nach seinem überzeugenden „Bella Donna“-Debüt. Ging es damals um Gefühle-pur, geht es ihm heute auch um Action, Drive und auch um politische Stimmigkeit. Seine Beamten sind keine feinen Krawattenonkels wie die vom Freitagabend-Fernsehen, sondern kräftig prügelnde Gesetzeshüter, die bei Konfrontationen loslegen und dann die Fragen stellen. Und die ganz schön sauer und aggressiv reagieren, als sie erfahren, da einer aus ihren eigenen Reihen ausgeschert und die Seiten gewechselt hat.
Keglevic’s ganze Kunst der faszinierenden Zweistundenunterhaltung aber würde nichts taugen, hätten ihm zwei nicht so hervorragende Schauspieler zur Verfügung gestanden. Jürgen Prochnow, spätestens seit dem Kommandanten-Part im “Boot“ als internationaler Star gehandelt, ist ein echter Schmuddel-Typ mit Zynik und Fieber. Ein Mime, in dessen Gesicht sich ständig Geschichten abspielen, die keine Sekunde Ruhe geben. Für mich hat Prochnow hier seinen bislang überzeugendsten Leinwand-Auftritt. Ihm zur Seite steht die Debütantin Annette von Klier, ein Naturtalent mit einer ungeheuer kraftvoll-sinnlichen Ausstrahlung und einer faszinierend-collen Körpersprache. Ein Paar, wie es seit Ewigkeiten so überzeugend nicht mehr erlebt werden konnte, wie geschaffen fürs Kino und seine rüden Geschichten.

Natürlich gibt‘s auch Mängeleien anzusagen, etwa wenn Keglevic dem Prochnow-Kollegen Franz Buchrieser allzu alleine lässt, so dass dessen Überreaktion am Ende zu interpretationsbedürftig wird. Und auch der kleine, blonde Fuzzy aus der Clique von ihr bleibt ziemlich blass, aber das sind negative Fußnoten, die bei
diesem Spannungsknüller letztlich wenig ausmachen. Positiv dagegen bleibt auch noch Keglevics Vorliebe für die Musik zu attestieren, die mitunter hochkarätig (Alphaville, Georg Kranz) ist, sich dabei aber nie aufdrängt, sowie die wahnsinnig dichten, gefühlvollen Bilder.

Fazit: Dieser Film ist ein Gewinn, weil er ehrlich stark unterhält, Signale setzt für weitere Aktivitäten und Mut macht inmitten der hiesigen Auflösungserscheinungen. Verschärft-euphorisch annonciert, können sogar feststellen, wir haben endlich “unseren Scorsese“. Endlich (= 4 PÖNIs).