Almanya – Willkommen in Deutschland Kritik

ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND“ von Yasemin Samdereli (R) und Nesrin Samdereli (B; D 2009/2010; 101 Minuten; Start D: 10.03.2011); die aus Dortmund stammenden Schwestern türkischer Abstammung haben nach dem deutsch-persischen Schmankerl „Salami Aleikum“ von Ali Samadi Ahadi von vor zwei Jahren einen weiteren „leichten“, aber keineswegs seichten deutschen Film zum gesellschaftlichen Dauerthema INTEGRATION gedreht. Denn wie ist das normalerweise so im hiesigen Lichtspiel: Wenn von türkischen Mitbürgern die Rede ist, blicken wir auf fundamentalistische Strenge, auf traditionelle Seelen-Enge. Auf viel, viel autoritäre Bitterkeit, Kopftuch-Düsternis und familiäre Kälte. Dass „DIE“ auch lachen können und durchaus „stimmungsvoll“„zu leben verstehen“, ist im deutschen Migranten-Kino die Ausnahme. Dabei gilt doch nach wie vor der berühmte Ausspruch von Max Frisch: „Wir riefen Arbeitskräfte, es kamen Menschen“. So wie anno 1964, als Hüseyin Yilmaz als Gastarbeiter aus Anatolien nach Deutschland kommt. Eigentlich ist ER ja der eine millionste Zuwanderer, der in Köln „amtlich“ und mit einem Moped-Geschenk zu begrüßen wäre. Doch aus Höflichkeit überlässt Hüseyin dem Portugiesen Armando Rodrigues de Sá den Vortritt in der Schlange. So ist er also „nur“ der Gastarbeiter Nummer Eine Million und eins.

Der inzwischen mit seiner nachgeholten Familie hier „eingemeindet“ und nun auch mit deutschen Pässen ausgestattet ist. Die erwachsenen Kinder sind längst integriert. Der 6jährige Cenk (RAFAEL KOUSSOURIS) allerdings, jüngster Spross der hier geborenen 3. Zuwanderer-Generation, versteht die Welt nicht mehr, als er in der Schule weder in der türkischen noch in der deutschen Fußballmannschaft „willkommen“ ist. Also stellt er Zuhause die „komische“ Frage an seine deutsche Mutter und ihren türkischen Vater: „Wer oder was bin ich eigentlich – Deutscher oder Türke?“ Um ihn „zu beruhigen“, erzählt ihm seine 22jährige Cousine Canan (AYLIN TEZEL) die Geschichte ihres Großvaters. Wie DER nach „Almanya“ kam, arbeitete, die Familie nachholte, wie man sich hier „einrichtete“. Und sich mit den „merkwürdigen“ deutschen Gebräuchen wie „dieser Jesus am Kreuz“ oder diesem „eigenartigen Weihnachten“ mehr oder weniger „anfreundete“.

Als die Yilmaz-Family ganz neu in der BRD ist, sprechen im übrigen alle Deutschen so eine seltsame Kauderwelsch-Sprache (Chaplins Rumpel-Deutsch aus „Der große Diktator“ lässt charmant grüßen); ein hübscher Kunstgriff der beiden Filmemacherinnen, um zu orten, wie sich Ausländer gefühlt haben müssen, als sie hier „sprachlos“ ankamen und zurechtkommen mussten. Wie überhaupt es hier angenehm augenzwinkernd, charmant-hintergründig und eher lebensfroh-zustimmend denn verbissen-zugig zugeht. Im Dasein dieser längst „gemischten“ Familie (Canan hat einen britischen Freund, ist schwanger), in der das Opa-Oberhaupt Hüseyin schließlich die überrumpelnde Meldung verkündet, er habe „Zuhause“, in der Türkei, in Anatolien, ein Haus gekauft. Welches es nun in den kommenden Sommerferien zu besichtigen gilt. Einspruch – nicht gestattet. Also macht sich die gesamte Familie (einschließlich bislang verheimlichtem deutschen Anhang) im gemieteten Kleinbus auf, den „Zweitwohnsitz“, der möglicherweise zum Erstwohnsitz bzw. Alterswohnsitz mutieren soll, zu besuchen. Konflikte sind vorprogrammiert, aber ganz anders, als man vielleicht vermutet.

Unser Hamburger Türke Fatih Akin („Gegen die Wand“/“Soul Kitchen“) ist nicht mehr alleine. Die beiden Dortmunderinnen YASEMIN & NESRIN SAMDERELI, jeweils mit abgeschlossenem Filmhochschulabschluss (in München bzw. Berlin), haben für das Fernsehen gearbeitet (z.B. für die TV-Serie „Türkisch für Anfänger“), Kurzfilme geschaffen und sich nun an ihren ersten Kinolangfilm „getraut“. Und DER ist ihnen bestens gelungen. Liebevoll, melancholisch, feinironisch werden die beliebten Vorurteile und Klischees beider Nationalitäten unangestrengt wie köstlich unterhaltsam beleuchtet, inmitten menschlicher Lebensentwürfe und Identitäten. Von einfallsreich bis ausgesprochen komisch wird die Palette ums türkisch-deutsche Eingemachte pointiert abgeklopft.

Motto: Hey, es ist längst nicht alles so „voll krass“ wie man zu wissen glaubt. Oder: Migration mündet keineswegs ständig ins gesellschaftliche Abseits. Oder zwangsläufig in die dauerbehauptete gefährliche Parallelgesellschaft. Entspannt Euch, Leute. Es geht zwischenmenschlich auch ganz anders (zu). Viel besser nämlich. Wie es dieser tolle Film hervorragend (emotional) zu vermitteln weiß. Der übrigens auch in türkischer (Synchron-)Sprache im Kino angeboten wird!!! (= 4 PÖNIs).