45 years Kritik

Link für Pöni TV „45 YEARS“ von Andrew Haigh (B + R; GB 2014; nach der Kurzgeschichte „In Another Country“ von David Constantine; K: Lol Crawley; M: Connie Farr; 93 Minuten; Start D: 10.09.2015); ich mag große, bewunderungswürdige Schauspieler. Ich mag hochkarätiges Darsteller-Kino. Beides findet hier auf Spitzen-Niveau zusammen. Bei der diesjährigen Berlinale gab es für CHARLOTTE RAMPLING & TOM COURTENAY die verdienten Bären-Trophäen als „Beste Darstellerin“ und „Bester Darsteller“.

Kate & Geoff Mercer. Sie sind seit 45 Jahren verheiratet; ein Fest zu diesem Jubiläum ist in Vorbereitung. Man lebt glücklich, kinderlos und fest verankert in der ländlichen ostenglischen Grafschaft-Gegend von Norfolk. Nach viereinhalb gemeinsamen Lebensjahrzehnten sollte eigentlich mit- und untereinander alles abgestimmt sein. Überhaupt: stimmen. Schließlich: Was soll denn nach solch einer langen gemeinsamen Lebenszeit und im vorgerückten Alter noch „Extravagantes“ passieren? Das diese gut funktionierende Partnergemeinschaft „irritieren“ könnte? Ein Brief trifft ein. An ihn gerichtet.

Geoff erhält die Nachricht, dass seine Jugendliebe Katya, die einst in den Alpen verunglückte, in einer Gletscherspalte eingefroren (gut konserviert) aufgefunden wurde. Geoff Mercer war als nächster Angehöriger des Todesopfers registriert. Nun könnte man sagen: Na und? Eine Mitteilung. Nach ganz langer Zeit. Zur Kenntnis genommen. Abgehakt. Und zum schönen alten Alltag zurück. Aber: von wegen. Mr. Mercer wirft diese Post aus dem emotionalen Gleichgewicht. Erst etwas und dann immer etwas mehr. Kate beobachtet dies erst mit Unbehagen, dann mit Misstrauen. In dieser stabilen langjährigen Ehe offenbaren sich plötzlich Risse. Die schnell gekittet werden könnten, würde man sich aussprechen können. Doch damit „hapert“ es. So dass Kate sich plötzlich neue Lebens- und Sinnfragen stellt. Ob ihrer Beziehung, ihrer Ehe, ihrer zunehmenden leisen seelischen Erschütterungen. Zwischen Schmerz und Verunsicherung pendelnd. Die sicher und fest geglaubten partnerschaftlichen Gemeinsamkeiten beginnen nach 45 Jahren zu bröseln.

DIES kann nur gelingen, wenn du zwei Schauspieler hast, die es unaufdringlich, einzigartig sensibel, berührend, also absolut glaubhaft verstehen, SEELE zu zeigen und gekränkte Psyche überzeugend zu spielen. Vor allem mit der Kunst grandioser Körpersprache. Zwischen TOM COURTENAY (unvergessen: „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“; zuletzt: „Quartett“ + „Nachtzug nach Lissabon“) und CHARLOTTE RAMPLING („Der Nachtportier“; „Swimming Pool“) stimmt die hochsensible Chemie. Er, der ewig grummelnde Alt-Linke und einstige Utopist, lässt seinen starrsinnigen Altersrebellen innerlich „robben“ und hängt plötzlich wehmütig vergangenen Romantik-Zeiten nach, während sie jetzt viel Mühe damit hat, zu denken und zu empfinden, dass sie einst wohl nicht die Nr.1 in seinem Leben war. Was ihr zu schaffen macht. Mit eifersüchtiger Eleganz.

Ein brillantes Kammerspiel der Gefühle. Als intellektuelles Drama. Mit darstellerischen „Olymp“-Leistungen der Spannungsklasse A. Zum Atem-Anhalten. Als hochkarätige Qualitäts-Unterhaltung. Ein wunderbarer Erwachsenen-Film (= 4 PÖNIs).