FRANTZ

„FRANTZ“ von Francois Ozon (Co-B + R; Fr/D 2015; Co-B: Philippe Piazzo; nach Motiven des Films „Der Mann, den sein Gewissen trieb“ von Ernst Lubitsch/1932; K: Pascal Marti; M: Philippe Rombi; Kino-Start: 29.9.2016; Heimkino-VÖ: 23.3.2017); er ist einer der wenigen Ernst Lubitsch-Filme, die ich nicht kenne: „Broken Lullabay“ bzw. „The Man I Killed“ wie er im Original heißt, der 1932 unter dem Titel „Der Mann, den sein Gewissen trieb“ in Deutschland in die Kinos kam, bevor er am 17. Mai 1933 von der nationalsozialistischen Filmzensur verboten wurde.

Bedauerlicherweise habe ich dieses Meisterstück „FRANTZ“ anlässlich seiner hiesigen Kino-Premiere am 29.9.2016 verpasst, umso mehr will ich die jetzige Heimkino-Veröffentlichung zum Anlass nehmen, dringend auf ihn hinzuweisen. Denn hier handelt es sich um ein Film-Juwel, das die selten gewordenen Kostbarkeit besitzt, eine „umfangreiche“ dramatische Geschichte ausführlich und in aller Erzähl-Lust und angemessener Ruhe faszinierend zu erzählen.

Quedlinburg. Im Jahr 1919. Der Erste Weltkrieg ist vorbei und hat tiefe seelische Wunden hinterlassen. Und sehr unterschiedliche. Hier reaktionäre, von wegen „was die Franzosen uns angetan haben“, dort Schuld-Qualen. Eines Tages taucht ein junger Franzose namens Adrien (PIERRE NINEY) am Grab des im Krieg gefallenen Deutschen Frantz auf. Um Blumen hinzulegen. Dies bemerkt die junge Anna (PAULA BEER), die mit Frantz verlobt war. Sie kommt mit dem Fremden ins Gespräch und hört aus dessen Andeutungen, dass er mit Frantz bekannt, ja offensichtlich befreundet war. Beide hätten sich einst in Paris bei einem Museumsbesuch kennengelernt und über die gemeinsame Liebe zur Kunst und Musik angefreundet,weiß Adrien mitzuteilen. Anna und ihre Schwiegereltern, bei denen sie wohnt, sind angetan von diesem jungen scheuen Franzosen, der jedoch keineswegs nach Quedlinburg gekommen ist, um Eltern und Verlobte seines „Freundes“ kennenzulernen, sondern sie um Vergebung zu bitten. Denn er war es einst, der Frantz in einem Schützengraben erschossen hatte. Doch dies „aufzuklären“, gelingt ihm und später auch Anna, der es Adrien schließlich beichtet, nicht. Zu sehr haben sich die Eltern in und mit ihrem schmerzhaften Verlust „beruhigt“ und den völkischen Hass verdrängt. Seit sie wissen, welchen „besonderen Freund“ und was für glückliche Zeiten ihr Sohn vor dem Krieg in Paris hatte.

Doch diese ebenso schöne wie sanft-tieftraurige Geschichte geht weiter. Als Anna endgültig für sich beschließt, die Lüge um den wahren Tod von Frantz nicht öffentlich zu machen und dem inzwischen nach Frankreich zurückgekehrten Adrien nachzureisen, beginnt eine weitere erzählerische Facette. Doch wer die doppelbödigen Werke eines FRANCOIS OZON (wie „8 Frauen“; „Swimming Pool“ oder „Das Schmuckstück“) kennt, ahnt, wie einfühlsam, aber auch überaus Gefühls-kontrolliert, er Schicksale zu beobachten und zu konsequentem Ende zu schildern weiß. Will sagen: Larifari Happy um des Endes willen, gibt es bei ihm nicht. Stattdessen wird „nur“ beziehungsweise hier = nun eine mögliche neue Lebensfreude angedeutet.

Schuld, Versuchs-Sühne und eine heilende friedliche Fiktion bestimmen diesen leisen, opulenten Schicksals- und Seelen-Film, dessen Schwarz-Weiße- und Bunt-Farben die jeweiligen Stimmungslagen beschreiben. Ozon bezeichnet seinen Film als einen „Suspensefilm der Liebe“. Was über die großartigen Schauspieler überzeugt: An der Rampe dominieren Pierre Niney, der wie eine untröstliche Francois Truffaut-„Antoine Donel“/Jean-Pierre Léaud-Figur zweifelt, und die hin- und mitreißende PAULA BEER, bekannt aus „Poll“ von Chris Kraus/2010 (s. Kino-KRITIK), die nach der Vorführung bei den vorjährigen Filmfestspielen von Venedig zu Recht als „Naturtalent“ benannt, mit einer „jungen Romy Schneider“ verglichen wurde und den „Marcello-Mastroianni“-Nachwuchs-Preis zugesprochen bekam. In der Tat ist ihr Spiel von unglaublich spannend-sensibler, emotionaler Intensität. Allerdings begeistert es auch, was der 49jährige französische Autoren-Regisseur Ozon aus seinen deutschen Ensemble-Darstellern wie ERNST STÖTZNER als zwiegespaltenem Vater von Frantz, MARIE GRUBER, oder ANTON VON LUCKE und TORSTEN MICHAELIS an atmosphärischer Tiefgründigkeit heraus zu puzzeln vermag. Gleichsam: Formidabel ansprechend wie klug unterhaltsam.

Sich entwickeln und dann mehr und mehr wirken lassen: „FRANTZ“ von Francois Ozon bewegt auf wunderbare Weise Kopf-Gefühle (= 4 1/2 „PÖNIs).

 

Heimkino-Anbieter: „Warner Home Video“