Blade Runner

43. BERLINALE: Sondervorführung innerhalb der Retrospektive: Die “Director’s Out“-Version: „BLADE RUNNER“ von Ridley Scott (USA 1981/1982; B: Hampton Fancher; David Webb Peoples; nach dem Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ von Philip K. Dick/1968; K: Jordan Cronenweth; M: Vangelis ; 117 Minuten; Erst-Kino-Start BRD: 14.10.1982; Start der neuen Version in D: 22.02.1993)

Es war einmal in naher Zukunft. Giftige Nebel hängen über den Dächern von Los Angeles. Die Wolken spucken unaufhörlich sauren Regen in die Gossen. In den Gedanken der Menschen ist immer Nacht. Die Gen-Technik hat alle Hemmungen überwunden. Die Wissenschaft hat all ihre Erkenntnisse verkauft. Und die Industrie hat einen neuen, ertragreichen Markt entdeckt, mit dem Handel von künstlichen Menschen, auch Replikanten genannt. Im Dutzend billiger und bestens verwendbar für die tägliche Schmutz-Arbeit. Dazu kommt: Replikanten sind immun gegen Gefühle, perfekt steuerbar und von überschaubarer Einsatz-Dauer. Sozusagen: “Menschen“ mit präzisen Verfallsdaten. Doch dann rasten einige von ihnen aus. Wenden sich gegen ihre Schöpfer und wollen “echte Menschen“ sein. Für “so was“ ist dann Rick Deckard zuständig: Ein Spezial-Ermittler, ein “Blade Runner“.

“Indiana Jones“-Darsteller Harrison Ford spielt diesen Jäger aus einer fernen Welt, die doch so nah erscheint. “Blade Runner“, bei seiner Premiere vor 10 Jahren noch kontrovers diskutiert, gilt inzwischen als Kult-Film. Doch jetzt erfahren wir: D e r Film, den wir bisher kannten, ist nicht d e r gewesen, den der Regisseur einst konzipiert hat. Denn: Gemischte Publikums-Reaktionen bei den damaligen amerikanischen Voraufführungen hatte die Produktionsfirma bewogen, verschiedene Änderungen vorzunehmen. Durch Schnitt-Manipulationen wurde die Story pathetischer gestimmt. Zum anderen wurde eine Off-Stimme von Rick Deckard alias Harrison Ford eingesetzt, um das Geschehen etwas “freundlicher“ wirken zu lassen. Und: Es wurde schließlich sogar ein happy-ähnliches Ende angefügt, das im Widerspruch zu Ridley Scotts Entwurf und Lösung von einer inhumanen Zukunft stand. Am letzten Berlinale-Samstag war im Rahmen der Retrospektive erstmals hierzulande nun d i e Version von “Blade Runner“ zu sehen, die den Intentionen des Regisseurs entsprach.

Im Zuge der Restaurationen von Klassikern war erstmals die “Director’s Cut“-Fassung zu sehen. Diese ist nur unwesentlich kürzer als die bisherige und wirkt nun düsterer und konsequenter. Allerdings ist dadurch kein neuer Film entstanden, sondern es ist jetzt nur die Wiederaufführung eines nunmehr “korrekten“ Kunst-Werkes das 10 Jahre nach seinem Entstehen nichts von seiner Faszination eingebüßt hat. “Blade Runner“ ist brillant und spannend und sehr atmosphärisch in der visuellen Beschreibung einer kalten Welt, die der unseren sehr nahe kommt. Am Film-Ende gibt es nun eine gedanklich neue, bittere Lösung: Kann es nicht vielleicht sein, dass selbst Rick Deckard auch nur ein Replikant ist? Das wir es also mit einem Helden zu tun haben, der von Anfang an “Seinesgleichen“ gejagt und zur Strecke gebracht hat?

“Blade Runner“: Großes Genre-Kino kehrt auf die Leinwand zurück und wir müssen es nun teilweise neu sehen, hören und kommentieren. Eine faszinierende Betrachtung (= 5 PÖNIs).