LIEBER LEBEN

„LIEBER LEBEN“ von Grand Corps Malade und Mehdi Idir Fr 2016; B: Grand Corps Malade; Fadette Drouard; frei nach dem Roman „Patients“ von Grand Corps Malade; K: Antoine Monod; M: Angelo Foley; 111 Minuten); eigentlich heißt er FABIEN MARSAUD, geboren am 31. Juli 1977 in Le Blanc-Mesnil, Département Seine-Saint-Denis. Seinen Künstlernamen GRAND CORPS MALADE – übersetzt: „Großer kranker Körper“ – trägt der französische Poetry-Slam-Künstler seit 2003, nachdem 1997 ein Unfall seinen Unterleib teilweise lähmte.

Scheiße. Du bist 20, heißt Benjamin, hast gerade angefangen, in deinem Leben durchzustarten, spielst Basketball und wachst eines Tages – nach einem schweren Sportunfall im Schwimmbad – im Krankenhaus und ans Bett gefesselt auf. Deine eben noch so aktive, körperliche Welt besteht nur noch aus Lichtern, unbestimmten Geräuschen, das Betrachten der Halogen-Lampe an der Zimmerdecke oder Starren auf das „fröhliche Fernsehen“. Du vermagst nichts mehr selber zu machen. Privat- und Intimsphäre existiert nicht mehr. Du bist ständig auf andere angewiesen: Ärzte, Pfleger, Schwestern, die Psychologin. Doch Bens Glaube an die „Rückkehr“ seiner Bewegungen ist ungebrochen. Dann lernt er „Andere“ in seiner unmittelbaren Umgebung kennen. Steeve, Toussaint und Faride sind schon alte Reha-Typen, deren Alltagsansprachen mal mehr, mal weniger gut tun. Die große Furcht und der immense Depri-Frust vor dem endgültigen Verlust der alten Lebensqualität ist ständig in den Fluren, Zimmern und Gemeinschaftsräumen zu spüren, zu hören. Doch auch dies ist angesagt: Humor. Bitter-schwarze Selbstironie. Irgendwo angesiedelt zwischen Galgenhumor und Renitenz („Wenn schon der Körper Schrott ist, achte wenigstens auf deine Frisur“). Irgendwann aber stakst Benjamin doch aus seinem Bett, hinein in seinen Rollstuhl. Der erste Fortschritt.

Wie ist das sonst: Hier der Gesunde, dort der Erkrankte. Bewegungsuntüchtige. Mitleid mit dem Behinderten. Freude an der dann uneigennützigen Hilfe des Gesunden. Dessen Einsatz heroisch wird. Und den Anderen aus seiner Lethargie holt. „Ziemlich beste Freunde“. In vielen Variationen. Hier ganz anders. Von Anfang an: Du bist im Krankenhaus. Mit einigen Gleichgesinnten. Musst „was machen“, obwohl das mit dem Bewegen eher –  zunächst – weitgehend ausfällt. Du hast zwei Möglichkeiten. Dauer-Jammern oder schmerzhaft versuchen, den Körper wieder „einzufangen“. Außerdem: Du hast, wie draußen, tagsüber dauernd Kumpels an deiner Seite. Neue Kumpels. Die genauso bewegungsbehindert sind wie du. Also: Gleichstand. Gleiche Probleme. Austausch darüber. Zuhören oder abtauchen, lautet täglich die Selbst-Frage.

Und plötzlich befinden wir uns in einem „ganz normalen“ Spielfilm.  Nehmen bisweilen die Behinderungen, die Rollstühle, das Herumstaksen der Figuren gar nicht mehr so richtig wahr. Sehen stattdessen junge Burschen wie sie derzeit „leben“, dieses eingeschränkte Da-Sein annehmen oder nicht; hören bei aberwitzigen, melancholischen, hoffenden, deprimierenden, klagenden, fröhlichen Gesprächen zu. Werden von Denen mitgerissen in ihre „andere“ Welt und merken, wie sehr es hier nicht nur um Körperlichkeit, sondern es sich viel auch um „ganz normale“ Stimmungen handelt. Wie „draußen“ auch. Ohne Kitsch.

Ein erstklassiges Ensemble. Sorgt dafür, dass sich der Film nie in (Selbst-)Mitleid ergießt, sondern seine „Patients“ („Patienten“, Originaltitel; kann aber, auch, als Wortspiel, „geduldig“ bedeuten) ehrlich, authentisch und dabei gebrochen zwischen Hoffen und Resignieren, zwischen Bangen und Ausstieg beeindruckend einfängt. In diesem speziellen Hospital-Kosmos mit seinen vielen eigenen mechanischen Befindlichkeiten und launischen Strömungen. Wo wir es mit Charakteren aus dem „richtigen Leben“ zu tun bekommen, von Macken- und Aktions-Eskapaden durchsetzt. Wie bei uns auch. Die Identifikation mit diesen Typen gelingt. Kommt gut ‚rüber.

Ein absolut erstaunlicher, tief ansprechender exzellenter Unterhaltungsfilm, der in Frankreich ein großer Kino-Erfolg war und als Menschen-Drama positiv bewegt (= 4 PÖNIs).

 

Preis: EUR 18,98