Inside

Rückschau und Dem Wahren, Schönen, Guten – Editorials im Magazin „Inside“ 2006 von Katharina Skibowski

Rückschau

Ein Thema, das die Medienbranche 2005 intensiv beschäftigt hat, ist Schleichwerbung, Productplacement, Sponsoring, oder wie auch immer man das Kind denn nennen mag. Die Auswirkungen dieser Diskussion sind schon erstaunlich. Richten wir unseren Blick beispielhaft auf das Sat.1 Frühstücksfernsehen, nein, diesmal soll es nicht um die Qualität der einzelnen Moderatoren gehen, im neuen Jahr bleibt ohnehin nur Jan Hahn übrig (an dieser Stelle wird es auch keinen Bezug auf die Geflügelgrippe- Hysterie des vergangenen Jahres geben).

Im Sat.1 Frühstücksfernsehen gab es vor etwas längerer Zeit Kolja Kleeberg, einen sehr guten Koch, der zweimal die Woche Rezepte vorgekocht hat. Gut, wenn gerade Knäckebrotwoche war, war es schon etwas grenzwertig, aber die komödiantischen Fähigkeiten des Kochs blieben ein Vergnügen. Das eine oder andere Rezept habe ich mit Erfolg nachgekocht, beim sehr empfehlenswerten PastisHähnchen (Rezept gerne auf Anfrage) muss man ja nicht unbedingt ein deutsches Käfigtier servieren, eine französische Maispoularde tut da bessere Dienste. Kolja Kleeberg hat leider irgendwann aufgehört, seinem Nachfolger fehlten sowohl sein kochtechnisches als auch sein schauspielerisches Talent, aber das meiste kam immer noch aus deutschen Landen frisch auf den Tisch.

Seit der Schleichwerbungsdiskussion wird gar nicht mehr gekocht. Dann war da noch ein Doktor, der gab praktische Tipps zum Gesundbleiben und -werden, die alle ohne Einsatz von Medikamenten und ohne Arztbesuche auskamen. Auch der „Morningdoc“ darf nicht mehr, schließlich war er im Interesse der zahlenden Krankenkasse unterwegs, wobei seine Tipps gar nicht so schlecht waren. Ich sage nur: bei Erkältungselbst gemachte Hühnersuppe (Rezept gerne auf Anfrage). Dazu kamen noch eine Reihe anderer Beitragsserien, die immer professionell gemacht waren, aber auch Raum für das beliebte Ratespiel gaben: Wer hat’s bezahlt?

Tja, und jetzt wird munter dilettiert. Alte Kamellen wie der „Morningstar“ werden aus der Versenkung geholt, der Versuch, eigene redaktionelle Beiträge zu gestalten, scheitert in der Regel kläglich. Gesponserte Beiträge sind nun mal meistens, durchaus auch unter handwerklichen Gesichtspunkten, professionell gemacht. Es heißt übrigens, dass bei Sat.1 zwischenzeitlich ernsthaft erwogen wurde, auch das Büchervorstellen sein zu lassen, da Titel- und Verlagsnennung als Schleichwerbung verstanden werden könnten. Wenn sie dann auch noch auf die Idee gekommen wären, Hans Ulrich Pönacks Filmkritiken einzustellen, wäre fast nichts mehr geblieben.

Ich wünsche mir für das kommende Jahr einen etwas unverkrampfteren Umgang mit dem Thema. Diese Markenerwähnungsphobie wird langsam lächerlich, leben wir doch permanent umgeben von jeglicher Art von Marken. Auch wenn der Medienkonsument nicht hinters Licht geführt werden darf, ist manchmal ein guter Kompromiss besser als ein mieser selbst gestrickter Beitrag. Liebe Leserinnen und Leser, ich wünsche Ihnen ein fröhliches und entspanntes 2006, voller, wenn denn nötig, wenigstens guter Kompromisse.

Dem Wahren, Schönen, Guten

Anfang der 80er war ich in der Bonner Beethovenhalle bei einem Konzert von Georges Moustaki. Klar, der Saal war voller Romanistik-Studentinnen, die dann auch bei dem einen oder anderen Lied ein Tränchen verdrückten. In der Pause kam einer der wenigen männlichen Konzertbesucher auf mich zu. Ein Freund von mir, der freiberuflich für das Feuilleton schrieb: „Sag mal, über was singt der eigentlich? Ich versteh doch kein Wort Französisch.“

Dem Kollegen konnte geholfen werden: Freiheit, Einsamkeit und Liebe und südliche Gestade. Soweit ich mich erinnere, kamen dann auch in der Konzertberichterstattung genau diese Begriffe vor. Vor ein paar Tagen war ich auf der Bonner Museumsmeile (dort, wo jetzt die Guggenheim-Ausstellung zu sehen ist) auf einem Konzert von Juanes, dem südamerikanischen Latino-Pop-Sänger. Der warme Sommerabend hätte eigentlich ganz gut zur Musik gepasst. Allerdings fing das Konzert mehr als eine halbe Stunde zu spät an, die nicht wirklich tragende Stimme des Sängers wurde in keiner Weise von der Technik gestützt, und zu hören war ein ausgesprochen schlecht ausgesteuerter Klangbrei. Da war es dann nicht besonders schlimm, dass das lieblos heruntergespielte Konzert nach genau einer Stunde und 20 Minuten vorbei war.

Nach dem Konzert habe ich mich richtig auf die Kritik des Bonner General-Anzeigers gefreut, die auch ein paar Tage später erschien. Nur schade: Anstatt auf die gravierenden qualitativen Mängel, die schon an Zuschauerbeleidigung grenzten, einzugehen, berichtete uns die Kollegin vor allem vom sozialen Engagement des Sängers und vom politischen Inhalt seiner Lieder. Allerdings waren die Texte bei diesem Konzert überhaupt nicht zu verstehen. Wenn ich auf einem Konzert war, will ich doch wissen, ob ich mit meiner Meinung darüber alleine dastehe oder ob andere auch so urteilen. Hintergrundinformationen über den Künstler interessieren eher in der Vorberichterstattung. Bei der Konzertkritik will ich von kompetenter Seite gesagt bekommen, ob das Konzert gut war oder nicht und warum. Nicht mehr, nicht weniger. Das ist Service, auch für die zu Hause Gebliebenen.

Diese Kunst beherrscht übrigens wie kaum ein anderer der Berliner Filmkritiker Hans- Ulrich Pönack. Der sagt: Reingehen! Unbedingt reingehen! Nettes Popkornkino! Aber auch ganz dezidiert: Bloß nicht reingehen!!! Und das mit einem enormen Hintergrundwissen und ohne dass ihn irgendwer oder etwas beeinflussen kann. Das nenne ich leser- beziehungsweise zuschauerorientierten Kulturjournalismus. Aber den muss man sich trauen können dürfen. Dann ist er wahr, schön und gut.