ES

„ES“ von Andrés Muschietti (USA 2016; B: Cary Fukunaga; Gary Dauberman; Chase Palmer; nach dem gleichn. Roman von Stephen King/1986; K: Chung-Hoon Chung; M: Bejamin Wallfisch; 135 Minuten); ER ist gerade 70 geworden, und diese filmische Adaption seines Roman-Klassikers aus den Achtzigern, den er in „erheblich angeschlagenem Gemüts- wie Körperzustand“ zwischen 1981 und 1985 verfasste (Alkohol, noch mehr: Drogen), adelt IHN: STEPHEN KING. Geboren am 21. September 1947 in Portland im US-Bundesstaat Maine zählt er heute zu den erfolgreichsten amerikanischen Schriftstellern. Mehr als 50 Romane hat er geschrieben, seine Bücher wurden weltweit mehr als 400 Millionen Mal im mehr als 50 Sprachen ver- bzw. gekauft; 2015 ehrte Präsident Barack Obama ihn mit der „National Medal of Arts“. Die „International Movie Datei“ listet gegenwärtig 238 filmische Produkte „nach Stephen King“ auf. Wobei: Die Zahl der Adaptionen, die er nicht ausstehen kann, ist Legende, und dazu zählt auch eine der zweifellos besten: „Shining“ von Stanley Kubrick von 1980 (mit Jack Nicholson als eine dämonische Typen-Art „Pennywise“, allerdings ohne Maske).

Mein Lieblingsfilm NACH STEPHEN KING stammt von 1986, basiert auf einer Kurzgeschichte, die innerhalb der Novellensammlung „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“ von 1982 unter dem Titel „Die Leiche“ veröffentlicht wurde und im Kino unter dem Titel „STAND BY ME“ (Regie: Rob Reiner) – hierzulande mit dem Zusatz: „Das Geheimnis eines Sommers“ – herauskam und heute oft in Bestenlisten genannt wird (s. Kino-KRITIK). Thema: Vier 12jährige Jungs aus einer amerikanischen Kleinstadt und ihre „speziellen“ Spätsommer-Erlebnisse von 1959. Wenn man so will: „Stand by me“ war die überaus gelungene Ouvertüre, und jetzt ist „ES“ – soeben als Taschenbuch mit 1534 Seiten (bei „Heyne“) neu herausgekommen (bearbeitet und teilweise neu übersetzt von Anja Heppelmann) – die überragende Vervollkommnung.

Schon einmal war der King-Roman Grundlage für eine Verfilmung: für die zweiteilige TV-Serie „Stephen Kings ES“ von 1990 (Regie: Tommy Lee Wallace); in dieser Co-Produktion USA/Kanada spielte der unvergessliche TIM CURRY die Titelfigur Pennywise.

Als der erste Trailer zum Remake „ES“ in diesem Frühjahr veröffentlicht wurde, stellte er sogleich mit 197 Millionen Aufrufen einen neuen Klick-Rekord im Internet auf – wohlgemerkt: in den ersten 24 Stunden! Seit dem Kino-Start in den USA und Kanada am 5 September 2017 hat „ES“ – Herstellungskosten um die 35 Millionen Dollar – bereits mehr als 250 Millionen Dollar eingespielt. Was für einen Streifen mit hoher Altersfreigabe dort schon verblüfft. Hierzulande wurde „ES“ freigegeben ab 16 Jahren.

„Der Schrecken… begann…mit einem Boot aus Zeitungspapier, das einen vom Regen überfluteten Rinnstein entlangtrieb“, lautet der erste Roman-Satz und ist auch heuer bildlicher Auftakt. Ort: die (fiktive) Kleinstadt Derry im Bundesstaat Maine. Zeit: Oktober 1988. Es ist die Zeit, in der Kids nicht am „Computer“ sitzen, sondern die Songs von „New Kids on the Block“ hören, draußen Fahrrad fahren oder phantasievoll ‚rummachen. Der sechsjährige Georgie Denbrough (JASON ROBERT SCOTT) spielt mit seinem Papierboot im Regen. Als dieses in einen Abfluss fließt, versucht er es herauszubekommen, blickt aber plötzlich auf ein „verführerisches“ Clowns-Gesicht, das sich als Pennywise (BILL SKARSGARD) vorstellt, ihn schließlich in das Dunkel der Kanalisation zieht, wobei der Junge einen Arm verliert.

Monate später. Georgies älterer Bruder Bill (JAEDEN LIEBERHER/gerade auch großartig im Kino in „The Book of Henry“) ist immer noch verzweifelt über den Verlust seines kleinen Bruders. Bill ist Mitglied im „Club der Verlierer“: so nennen sich sechs Jungs und ein Mädchen. Sie sind diejenigen, die in der Schule und auch außerhalb ständig malträtiert werden von Größeren; sie werden verspottet, attackiert, als „unnormige“ Einzelgänger gedemütigt, andauernd fies behandelt. Abgestraft. Für nichts. Da ist der Übergewichtige, die Brillenschlange oder „die Schlampe“…, und da es keinen Schutz von den entweder abwesenden oder gestressten oder selbst gewalttätigen Erziehungsberechtigten gibt, haben sie sich zusammengetan, um sich zu wehren. Aber auch: um herauszufinden, was damals mit Georgie passierte. Dessen Ableben Bill weiterhin nicht akzeptieren will. Ben, der pfiffige Dicke in der Runde (JEREMY RAY TAYLOR), recherchiert in der örtlichen Bücherei und kommt zu einem furchtbaren Ergebnis: offenbar taucht im Abstand von 27 Jahren immer wieder eine „böse Macht“ in der Region auf, um sich an den Ängsten von Kindern „zu laben“. Und ES, genannt Pennywise, so hat es den Anschein, ist gerade wieder unterwegs und aktiv, um seinen „Appetit“ zu stillen.

„Sie begeben sich auf eine Reise von der Kindheit in das Erwachsenenalter, und unterwegs müssen sie lernen, nicht länger Opfer ihrer eigenen Alpträume zu bleiben“, beschreibt der argentinische Regisseur ANDRÉS MUSCHIETTI, 44, die Entwicklung der Kinder im Presseheft. Muschietti, der die Regie vom ursprünglich vorgesehenen Cary Fukunaga („True Detective“) übernahm, der wegen „kreativer Differenzen“ mit den Produzenten ausschied und „nur noch“ als Co-Drehbuch-Autor aufgeführt wird, hat Stephen King sowohl atmosphärisch wie szenisch verinnerlicht. Er, der 2008 mit seinem Horror-Kurzfilm „Mama“ bekannt wurde und diesen Stoff als Langfilm noch einmal erfolgreich verfilmte („Mama“/2013/mit Jessica Chastain und Nikolaj Coster-Waldau), setzt nicht, einfach formuliert, auf plumpe Hackebeil-Grusel-Stimmung, sondern auf subtilen Schrecken. Bei dem eine solche Figur wie die des Horror-Clown im Grunde nur die menschliche Übel-Statue der ignoranten, unsensiblen, einfältigen Schlicht-Erwachsenen darstellt. „ES“ ist der Ausdruck, das personifizierte Unterbewusstsein, der vielen Erzeuger-Schuld. Die sich einen feuchten Dreck um die Belange ihrer Kinder scheren, so dass – Stephen Kings Lieblingsthema – sich einmal mehr „kleine Helden“ aufmachen müssen, um gegen ihre Ängste, Neurosen und vor allem: Minderwertigkeitsgefühle anzukämpfen. Durchzustarten. Deshalb ist „ES“ auch weniger brutaler Schock(er) und mehr psychologischer Horror aus dem normalen, also schlimmen amerikanischen Provinz-Alltag, der sich mitunter weitaus grauslicher anschaut als das „daraus resultierende“ Monster. Schwarze werden gejagt, Schwule verprügelt, Mädels belästigt, da bräuchte es eigentlich gar keinen Noch-Schlimmeren-Clown. Die Erwachsenen sind die wahren Übel-Dämonen und sorgen durch ihr widerwärtiges Verhalten erst dafür, dass solch eine Ekel-Figur wie ES-Pennywise hier auftaucht und sich genüsslich „austoben“ kann. Darf. Muss.

„ES“, „der Typ“, PENNYWISE, ist, natürlich, in und mit dieser irre-faszinierenden-spektakulären Masken-Figur eine herrlich-schauerlich-brillante Schreckens-Wonne innerhalb des vielzähligen, vielschichtigen maskierten Schurken-Personals in der Horrorfilmgeschichte. Nach dem Pappmaché -Typen Tim Curry aus der – trick-filmisch – vergleichsweise „unschuldigen“ Achtziger-(TV-)Epoche mimt der Sohn des schwedischen Schauspieler-Stars Stellan Skarsgard – BILL, 27 – einen grandios-grausig-verkleideten tollen Alptraum-Satan. Der ab sofort das umfangreiche Film-Panoptikum „der Schrecklichen“ wunderbar mit-bestücken wird. Aber, Auch-Gewinner: die großartigen Jung-Darsteller. Die sind mit ihren überzeugenden 1:1-Auftritten von sagenhafter Verbal- und Körpersprache. Nichts von altklugen Bewegungen und Papier-Sprache, sondern jederzeit glaubhaft, nahe-gehend in dem Wirrwarr von extremen Gefühlen = diversen Stimmungsschwankungen und ihren aufwühlenden Wut-Mut-Abenteuern.

Und es geht weiter. Denn Andrés Muschietti adaptierte hier „nur“ den ersten Teil des Stephen King-Mammut-Romans; Teil 2, 27 Jahre später spielend, befindet sich gerade in Vorbereitung. Nach diesem phantastischen Spannungs-Auftakt: Ja, gerne. Unbedingt (= 5 PÖNIs).