Schtonk

Wann haben Sie das letzte Mal herzhaft und mit Köpfchen gelacht? Ich meine nicht dieses gewisse Schmunzeln über die Eskapaden von Loriot, sondern lautes, schönes, befreiendes und wirklich komisches und dabei intelligentes lachen?…

Mir fällt dazu nur noch “Eins, zwei, drei“ von Billy Wilder ein, der vor Jahren ein triumphales Comeback feierte. Und das war, natürlich, ein Film aus Hollywood. Bislang konnte man es sich lange Jahre nicht vorstellen, im Kino auch über einen deutschen Film ausgiebig zu lachen. Kleine, feine Ausnahmen von Fernseh-Größen wie Loriot oder Polt mal abgesehen. Jetzt aber ist die
Überraschung, ja Sensation perfekt.

SCHTONK“ von Helmut Dietl (B+R; D 1992; 115 Minuten; Start D: 12.03.1992) heißt das Schmuckstück, das uns jetzt den Atem verschlägt, weil man aus dem Amüsement über soviel Lachen und Denken gar nicht mehr rauskommt. Auch hinterher übrigens nicht, wenn dar eigentliche FILM längst schon vorbei ist…

“Schtonk“, das ist ein makaberer Begriff aus dem Chaplin-Film “Der große Diktator“. Immer, wenn der Chaplin-Hitler dort in Rage gekommen ist, brüllt er “Schtonk“, was soviel heißen soll wie “Stunk“. Stunk. Und für den sorgt nun der Münchner Autor und Regisseur Helmut Dietl. Ihn kennen wir bereits vom besseren Fernsehen her durch seine witzigen, originellen Serien “Monaco Franze“ und vor allem natürlich “Kir Royal“. Fast 5 Jahre hat Helmut Dietl an seinem ersten Kinofilm gebastelt, in dem es um eine der unrühmlichsten Geschichten im deutschen Nachkriegs-Journalismus geht: Um die angeblichen Hitler-Tagebücher, die der “Stern“ einst lauthals und stolz präsentierte. Und die sich dann als die größte Fopperei seit dem “Hauptmann von Köpenick“ rausstellten. Dietl macht daraus allerdings keine brave Dokumentation, sondern lässt das Thema, die Story wunderbar-kitzelnd ausufern: Er macht eine Komödie daraus, eine Komödie über uns, über “das Deutsche“ und “die Deutschen“. Und er überdreht das so züngig und zünftig, dass man total überrumpelt ist und wird. Sozusagen: Spott mit Niveau und Pfiff, der Sarkasmus ist hochprozentig und urkomisch-bitter.

Im Mittelpunkt: Kleine Leute, die so gerne “mehr“ wären. Die nach Anerkennung und D-Mark gieren und dabei alle Skrupel vergessen.
Der eitle Journalist und der arme Künstler. Man kommt ins Geschäft. Und: Der Verlagschef des Hamburger Magazins fängt
Feuer. Erklärt diese geheime Angelegenheit zur Chefsache. Zwar ist der
Ressortleiter noch etwas verunsichert, doch dann überwältigen auch ihn die “Fakten“
Allerdings: Erst gilt es noch, einen kleinen Rückschlag hinzunehmen, denn der Herr Künstler und “Beschaffer“ der Hitler-Tagebücher hat Bedingungen. Doch Geld vermag bekanntlich alles zu regeln und überhaupt: “So was“ kann sich doch niemand entgehen lassen. Und so machen sich alle ans Werk. Der Poet im entfernten Dorf, der Journalist mit seiner Karriere, der Verlag ans große nationale und internationale Geschäft. Eines Tages ist es dann soweit, die Tagebücher werden präsentiert.

“Schtonk“ ist Musik. Musikalität in Sprache, Gesten, Bewegungen, Bilder. Helmut Dietl schafft es auf wunderbare Weise, von der ersten Sekunde an, als Zarah Leander zu Aufnahmen vorn zerstörten Berlin und letzten Kriegsereignissen ihr “Davon geht die Welt nicht unter“ singt und ein Soldat Mühe hat, Adolf Hitler zu verbrennen, eine ebenso schöpferische wie hinterhältig-doppelbödige, doppeldeutige Szenerie zu schaffen. Wir geraten in einen Taumel der stimmungsvollen, obwohl bitter-schwarzen Emotionen. Eben: Musikalität total. Es kommt auf das kürzeste Wort, die kleinste Bewegung, die scheinbarste Nebensächlichkeit an: Alles hat und macht Sinn. Ein “Gesamtkunstwerk“ Film entsteht, das als phantastische Komödie in die Leinwandgeschichte eingehen und ganz oben rangieren wird. Dietl ist ein perfekter Zauberer, ein kluger Autor, ein überragender und sehr unterhaltsamer Dirigent. Dessen Bilder an filmische Groß-Taten wie “Der Untertan“ von Wolfgang Staudte ebenso erinnern wie an die couragierten, spaßigen Leicht-Faszinationen eines Ernst Lubitsch oder des “Wir Wunderkinder“-Regisseurs Kurt Hoffmann aus den deutschen 50er Jahren. Aber was wäre solch ein Genie ohne seine grandiosen Akteure.

Dietl liebt Schauspieler und bringt sie dermaßen in Form, dass man seinen Augen und Ohren kaum glaubt: Das Ensemble um Uwe Ochsenknecht als schöpferischer Fälscher, Christiane Hörbiger als späte Göring-Nichte, Harald Juhnke als aufgeregter Ressortleiter und Ulrich Mühe als nationalbewusster Verlagsleiter sowie Rolf Hoppe, Karl Schönböck, Martin Benrath, Veronica Ferres und all die anderen ist top. In Sprache, Bewegung und Figur genau auf den sinnigen Punkt gebracht. Doch ER schließlich, als Aushängeschild und Story-Träger, ist schlichtweg die darstellerische Sensation: Götz George.

Wir wussten und wissen natürlich um seine Qualitäten, die er nicht nur für und als “Schimanski“ ausstellte. Dass er aber auch solch ein durchtriebener, unglaublich komischer, böser, brillanter Komödiant sein kann, dafür fehlten bislang die Beweise. Was und wie Götz George hier was vorführt, ist allererste Schauspielkunst und zugleich so komisch, dass er sich nun auch in die erste Reihe der großen Clowns und Mimen einreiht. Was Frankreich an seinem Gerard Depardieu, Italien an Marcello Mastroianni und England an einem Albert Finney besitzt, das ist bei uns mit gleicher, absoluter Star-Qualität Götz George. Soviel Kraft und Können, soviel Kunst, Verstand und Humor ‚ da darf man nur noch überwältigt und begeistert sein.

Was für ein Film, was für ein Spaß, was für ein Ereignis: “Schtonk“ von Helmut Dietl. Prädikat: Ansehen, unbedingt ansehen. “Schtonk“ ist ein Muss-Film! Er ist seit Urzeiten die beste deutsche Komödie (= 5 PÖNIs)!

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