PÖNIS BLOG 387: DEFA 80; „NÜRNBERG“; „DER VERLORENE MANN“; „ROYA“; ST. VINCENT

NOTIZEN:  Am 17. Mai 2026 jährt sich die Gründung der DEFA zum 80. Mal. Dieses Jubiläum nehmen die DEFA-Stiftung und der DEFA-Filmverleih in der Deutschen Kinemathek zum Anlass, das filmische Erbe der DEFA bundesweit in die Kinos zu bringen und für ein breites Publikum erlebbar zu machen. Vom 14. bis 17. Mai 2026 unterstützen wir das Engagement von Kinobetreibern/Innen für das deutsche Filmerbe mit einem besonderen Angebot, meldet „DEFA 80“: Alle DEFA-Produktionen, die im Rahmen des Förderprogramms Filmerbe (FFE) digitalisiert wurden, können an diesem Wochenende lizenzfrei in der neu digitalisierten Fassung gebucht werden – lediglich Versandgebühren sind zu tragen. Neben publikumsstarken Klassikern wir Konrad Wolfs „SOLO SUNNY“ (1979) stehen cineastische Dokumentarfilm-Raritäten wie Roland Steiners JUGEND-ZEIT-Reihe oder Animationsfilmkunst aus dem DEFA-Studio für Trickfilme zur Verfügung. Buchungen sind ab sofort über den DEFA-Filmverleih in der Deutschen Kinemathek möglich:   defa-filmverleih@deutsche-kinemathek.de     Eine Liste der rund 200 verfügbaren Filmtitel steht auf der Webseite der DEFA-Stiftung.

1.)       DIE AUFARBEITUNG. Titel = „NÜRNBERG“ von James Vanderbilt (B + Produktion und R; USA 2024; der Film basiert auf dem Buch „The Nazi and the Psychiatrist von Jack El-Hai/in einer deutschen Übersetzung von Henriette Heise erschien es unter dem Titel „DER NAZI UND DER PSYCHIATER“/2014; K: Dariusz Wolski; M: Brian Tyler; 148 Minuten; deutscher Kino-Start: 07.05.2026). In den Ruinen einer vom Krieg gezeichneten Stadt erhält der amerikanischen Militärpsychiater Dr. Douglas M. Kelley (RAMI MALEK) einen ungewöhnlichen Auftrag: ER soll die inhaftierten Hauptverantwortlichen des NS-Regimes in Vorbereitung auf die Nürnberger Prozesse untersuchen. Unter ihnen befindet sich der ehemalige Reichsmarschall Hermann Göring (RUSSELL CROWE), dessen Intelligenz, Charisma und manipulative Stärke Kelley gleichermaßen herausfordern wie faszinieren. Trotz anfänglicher verbaler Machtspiele gelingt es dem Arzt, Görings Vertrauen zugewinnen und Einblick in seine Persönlichkeit zu erhalten. Während im Gerichtssaal die Verhandlungen beginnen, fällt es Kelley (1912 – 1958) zunehmend schwerer, die notwendige Distanz zu wahren. „Was macht die Deutschen so anders?“, lässt er einmal im Gespräch mit einem amerikanischen Kameraden fassungslos verlauten.

Die „Oscar“-Preisträger RUSSELL CROWE  und RAMI MALEK liefern sich ein nervenaufreibendes psychologisches Duell von packender Intensität. Der spannende und bis in die Nebenrollen hochkarätig besetzte Politthriller über den folgenreichsten 1. Nürnberger Prozess des 20. Jahrhunderts  (vom 20. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946)  verbindet die Motive eines Justizdramas mit einer vielschichtigen Auseinandersetzung/Konfrontation über Macht, Schuld, Ideologie und Verantwortung.

Zwei exzellente Schauspieler begeben sich aufregend-„maskiert“ in den Gerichtsring. Während Kelley „DAS Hermann Göring-BÖSE“ über die Begegnungen/über die Gespräche zu ergründen sucht um später „darüber“ ein Buch zu schreiben, scheint er zugleich dabei so etwas wie „Freundschaft“ mit Hermann zu schließen; jedenfalls scheint DER „daran“ –  „an so etwas“ –  zu glauben.

Dabei überragend  – der Neuseeländer RUSSELL CROWE (der in der Originalfassung erstaunlich perfekt deutsch spricht): ER spielt „seinen Göring“ „in fesselnder Mischung von wuchtiger Körperlichkeit, Charisma und manipulativer Zwielichtigkeit von Intelligenz, Hochmut und intuitivem Wissen; um die Unerträglichkeit des von ihm Begangenen. „Auch wenn die Beschreibung dieser Beziehung spekulativ bleibt, ist das Geschichtsdrama historisch exakt und setzt originales Bildmaterial effektvoll ein. In dem er aus den historischen Umständen grundsätzliche Fragen über Politik und Moral ableitet, lässt der Film sich auch als generelle Warnung vor Krieg als politischem Mittel verstehen“ („Filmdienst“).

Ein bedeutsamer Kriegsfilm  (= 4 PÖNIs).

 

2.)       LIEBE. DIE FOLGEN. Titel = „DER VERLORENE MANN“ von Welf Reinhart (Co-B + R; D 2025; Co-B: Tünde Sautier; K: Micky Graeter; M: Pablo Jókay; 101 Minuten; deutscher Kino-Start: 101 Minuten). Irgendwo. In Deutschland. Die Künstlerin Hanne (DAGMAR MANZEL)  und der pensionierte Pfarrer Bernd (AUGUST ZIRNER)  sind ein „gepflegtes“ Ehepaar. Man mag sich, weiß mit den trockenen Dingen des Alltags „gepflegt“ umzugehen. Doch dann passiert ES, als Bewegung in die Gemeinschaft gerät. Als Kurt (HARALD KRASSNITZER) überraschend auftaucht. Der frühere Ehemann von Hanne. DER vermag sich aufgrund seiner Demenzerkrankung nicht mehr erinnern, dass er und Hanne seit zwanzig Jahren geschieden sind. Er ist gerade aus seiner Pflegeunterkunft abgehauen und bittet nun bei „seiner Frau“ um Einlass. Nach einigen verbalen Duellen akzeptieren Hanne und Bernd „den Gast“, wenngleich „Schwierigkeiten“ auftauchen. Während Bernd dem neuen Mitbewohner einen Platz in einer Demenz-Wohngemeinschaft organisiert, fühlt sich mehr und mehr Hanne für ihren „EX“ verantwortlich.

Film. Als Kammerspiel. Mit drei Spitzenkräften an der Front, darunter der Wiener „Tatort“-Kommissar Moritz „Krassnitzer“ Eisner. Gefühle öffnen sich. Man empfindet angenehme Empathie. Mit sanftem Humor besetzt. Eher sympathisch denn schwermütig. Gut stimmend  (= 4 PÖNIs).

 

3.)       GEMEINES SYSTEM. Titel = „ROYA“ von Mahnaz Mohammadi  (B + R; D/Tschechien/Luxemburg/Iran 2025; K: Ashkan Ashkani; 92 Minuten; deutscher Kino-Start: 07.05.2026). Roya, eine iranische Lehrerin, die wegen ihrer politischen Überzeugungen im Teheraner Evin-Gefängnis inhaftiert ist, steht vor einer Entscheidung: ein erzwungenes, im Fernsehen übertragenes Geständnis ablegen oder weiterhin in ihrer drei Quadratmeter kleinen Zelle verharren. Während Vergangenheit und Gegenwart zunehmend ineinander übergehen, bewegt sie sich zwischen Erinnerungen, inneren Bildern und ihrer gegenwärtigen Realität. Der Film zeigt, wie Isolation, Wahrnehmung und Identität verändert  – und wie unter diesen Bedingungen eine fragile Form von Widerstand möglich bleibt.

MAHNAZ MOHAMMADI ist eine iranische Filmemacherin und Frauenrechtsaktivistin. Mit ihrem starken Hintergrund im Dokumentarfilm hat sie sich in ihrer Arbeit seit vielen Jahren mit den Kämpfen und der Widerstandskraft von Frauen im Iran auseinandergesetzt. Für ihre Filme und ihr Engagement wurde sie wiederholt verfolgt – darunter mehrere Verhaftungen sowie eine siebenjährige Haftstrafe wegen der Vorwürfe der „Gefährdung der nationalen Sicherheit“ und der „Propaganda gegen das Regime“. Mehrere Monate verbrachte sie im Evin-Gefängnis. Obwohl das Urteil später aufgehoben wurde, lebt sie weiterhin unter erheblichen Einschränkungen. Ihr Reisepass wurde für zehn Jahre eingezogen, und nach ihrem ersten Spielfilm „Son-Mother“ (2019) erhielt sie keine Genehmigung mehr, Filme zu drehen.

„Der Film folgt einer Lehrerin, die wegen ihrer politischen Überzeugungen inhaftiert wird und erkundet menschliche Verletzlichkeit, Widerstandskraft und innere Stärke angesichts systematischer Repression unter dem autoritären Regime. „Dieser zweite Spielfilm von Mahnaz Mohammadi ist sehr persönlich, was sich auch in der optischen Ähnlichkeit zwischen der Filmemacherin und ihrer türkischen Hauptdarstellerin MELISA SÖZEN  spiegelt, die als ihr Alter Ego brilliert“ („Filmdienst“).

Das aktuelle und tief berührende Drama der iranischen Autorin-Regisseurin wurde heimlich u.a. im Iran gedreht. Mit „ROYA“ bekräftigt die Filmemacherin erneut das Kino als Akt des Widerstands und setzt dabei künstlerisch auf eine innovative Form und Bildsprache  ( =  5 PÖNIs).

St. Vincent at The Hollywood Palladium (Quelle: Justin Higuchi from Los Angeles, CA, USA, St. Vincent 10 29 2018 -2 (44237126380)CC BY 2.0)

4.)       Der Song der Woche kommt diesmal von der US-amerikanischen Multiinstrumentalistin, Sängerin und Songwriterin Annie Clark alias St. Vincent, die, obwohl sie erst 2007 ihr erstes Album veröffentlichte, bereits 6 Grammys gewonnen hat (drei davon im vergangenen Jahr). Mehrere Fachmagazine zählen sie zu den besten GitarristInnen des 21. Jahrhunderts, und da ist es auch kein Wunder, dass sie sich eine eigene E-Gitarre entworfen hat.

Hier ist ein Live-Mitschnitt ihres Hits „New York“, den sie 2025 gemeinsam mit dem 60-köpfigen Jules Buckley Orchestra bei den BBC Proms in der Londoner Royal Albert Hall präsentiert hat.

Beste PÖNI-Grüße

PÖNI Pönack

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