PÖNIs: (4,5/5)
EIN TRIUMPHALER FILM! Titel = „GELBE BRIEFE“ von ILKER CATAK (Co-B + R; D/Fr/Türkei 2024; Co-B: Ayda Meryem Catak; Enis Köstepen; K: Judith Kaufmann; M: Marvin Miller; 128 Minuten; deutscher Kino-Start: 05.06.2026). Synchronisiert. ===== Die Hauptrollen in dieser internationalen Koproduktion übernahmen ÖZGÜ NAMAL und TANSU BICER. Das Werk in türkischer Sprache wurde in Deutschland gedreht. BERLIN und HAMBURG dienten als Ersatz-Drehorte für ANKARA und ISTANBUL, was durch bildfüllende Schrifteinblendungen offengelegt wurde. Bewusst wurde auf Orientalismus verzichtet, und es wurden Verweise auf die deutsche Geschichte eingestreut. =====
Der Kinofilm „davor“ von Ilker Catak war 2023 „Das Lehrerzimmer “ und fand bereits beachtlichen Zuspruch (s. Kino-KRITIK /2023/3 PÖNIs). Sein aktuelles Filmwerk gewann kürzlich auf der diesjährigen BERLINALE den Hauptpreis, den „Goldenen Bären“. Der Autoren-Regisseur erläutert zu seinem fünften Kinospielfilm dazu: „Wie gehen wir damit um, wenn wir es mit einem Regime zu tun haben, das uns daran hindert, unsere Arbeit so auszuüben, wie wir es für richtig halten, unsere Meinung so zu sagen, wie wir sie sagen wollen? Wir gehen wir mit einem System um, das uns in den zivilen Tod schickt, also vom gesellschaftlichen Leben ausschließt, uns zwar physisch am Leben lässt, doch rechtlich, sozial und beruflich auslöscht?“
Derya (ÖZGÜ NAMAL) und Aziz (TANSU BICER), ein gefeiertes Künstlerehepaar aus Ankara, führen mit ihrer 13-jährigen Tochter Ezgi (LEYLA SMYRNA CABAS) ein erfülltes Leben – bis ein Vorfall bei der Premiere ihres neuen Theaterstücks alles verändert. Über Nacht geraten sie ins Visier des Staates und verlieren ihre Arbeit und ihre Wohnung. Sie gehen nach Istanbul, wo sie vorläufig bei der Mutter von Aziz unterkommen. Während sich Aziz mit Gelegenheitsjobs durchschlägt und an seinen Überzeugungen festhält, sucht Derja nach einem Ausweg, der sie finanziell unabhängig macht. Nach und nach vergrößert sich die Distanz zwischen ihnen und ihrer Tochter, bis sie sich zwischen ihren Wertvorstellungen und der gemeinsamen Zukunft als Familie entscheiden müssen.
Was für ein packender, Thriller-artiger Politfilm. Die Idee kam Ilker Catak 2019, als er für einen früheren Film Istanbul besuchte. Künstler berichteten ihm von Kündigungsschreiben und Disziplinarverfahren mit zum Teil absurden Begründungen, wie zum Beispiel vom Vorwurf, in der Umkleide eines Theaters geraucht zu haben. Laut Catak wurden zwischen 2026 und 2019 ungefähr zweitausend Künstler und Akademiker in der Türkei suspendiert und vor Gericht gestellt. Gründe dafür seien die Unterzeichnung einer Friedenspetition gewesen. Es habe sich um „umfassende Säuberungen in den Bereichen Wissenschaft und Kultur“ durch die Regierung gehandelt, so der Filmemacher. Nach dem Putschversuch Mitte Juli 2016 habe sich die Situation noch verschärft und die Unterzeichner der Petition wurden mit Berufsverboten und langen Wartezeiten auf Gerichtsverfahren bestraft.
„GELBE BRIEFE“ zählt zu d e n neuen Kinofilmen, die 2026 UNBEDINGT gesehen / erlebt werden müssen (= 4 1/2 PÖNIs).
