HALLO-zusammen,

der 1. Mai naht. Ich war mal Funktionär. Ich war mal "Gewerkschaft". Und: Ich mag Gerechtigkeit. Überall. Im kleinsten Zirkel ebenso wie "im Großen und Ganzen". Dabei war ich und bin ich immer noch "naiv", wenn es um dieses Thema geht: Gerechtigkeit zu formulieren und möglichst herzustellen. Bekanntlich habe ich einmal während meiner BfA-Beamtenzeit einen "sicheren Ausbruch" gewagt. Habe mich von der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA / heute: "Deutsche Rentenversicherung BUND") befreien lassen, um in Westberlin den Job als Jugendsekretär bei der Gewerkschaft ÖTV anzutreten. Bin dort vom 1. November 1970 bis zum 31. März 1971 gewesen und jämmerlich gescheitert. Natürlich waren daran nicht nur "die Anderen" schuld, sondern auch meine - eben - Naivität, Gutgläubigkeit und vor allem - mein Sinn und Denken in Richtung: Es wird doch und gerade wohl hier, bei der Gewerkschaft, für die ich jahrelang in verschiedenen ehrenamtlichen Positionen aktiv war, gerecht-zugehen. Aber bald schon musste ich erfahren: Von wegen. 
Habe deshalb, als damals alles vorbei, also (mit einigen gesundheitlichen Schäden) überstanden war, einen diesbezüglichen Bilanz-Artikel formuliert, der einst in der ÖTV-Jugendzeitung "Der Schrei" erscheinen sollte, dort aber nie abgedruckt wurde. Möchte den Text zur Kenntnis geben, denn er besitzt meines Erachtens auch heute noch gesellschaftspolitische Brisanz und Aktualität. Betreffend: Opportunismus und Bevormundung. System-Ignoranz gegenüber Kritik-Gedanken. Und: Er enthält meine individuelle (von mir aus: träumerische) politische Lebenseinstellung: Es soll, verdammt nochmal, im Leben "gerecht" zugehen. Beziehungsweise: gerechter. Umkehrschluss: Es gilt, gegen Ungerechtigkeit(en) vorzugehen. Da dieser Text auf nicht mehr gänzlich lesbarem (vergilbtem) Papier vorhanden ist, habe ich ihn nachfolgend komplett nachgeschrieben. Mit der gedanklichen Überschrift: Die Siebziger  oder: Was war ich doch für ein idealistischer Spinner.

WIR SIND DIE ÖTV, Kollege Pönack! *
Jetzt, einige Zeit danach, kommt mir das Vergangene wie ein Alptraum vor, wie etwas Unwirkliches, eben Erträumtes. Der Wechsel vom BfA-Büro zum "freien Jugendsekretär". Der Glaube an die Umwandlung in der Arbeitsatmosphäre, der Wunsch auf breite, verständnisvolle Team-Arbeit, die Hoffnung auf vielseitige Unterstützung. Im nunmehr "besseren" (Gewerkschafts-)Büro. Der Anfang war seltsam, es gab gar keinen. Anstatt einer eigentlich zu erwartenden Einführung durch den langjährigen Jugendsekretär-Vorgänger, Michael Pagels, ein paar schöne Worte des ÖTV-Vorsitzenden, Dieter Schwäbl, ein paar lapidare, nichtssagende Sätze der Anderen im Sinne von: Nun mach' mal schon. Und: schön. Aber wie machen, wenn ein - wie sich dann schon bald herausstellt - überbürokratisierter und den eigentlichen Interessen der Gewerkschaftsjugend in keiner praktischen Weise mehr entsprechender Apparat umgehend zu (durch-)brechen, zu verändern war, besser: galt? Ein Apparat, der sich letztlich auf eine bequeme gestrige "Haben-wir-immer-schon-so-gemacht"- Arbeitsteilung begründete, die niemand im Sekretariat und im Hause auch nur ansatzweise zu reformieren gedachte? So werden eigene Ideen und Vorstellungen abgetan mit dem Hinweis auf bestehende wie bewährte Strukturen. Basta. Natürlich fehlte mir auch der sofortige Entscheidungsmut zu harten, aber notwendigen ersten praktischen Korrekturen, als da wären: Ständiger Kontakt mit den Mitgliedern, mit der örtlichen ÖTV-Jugend in den Betrieben; Unterstützung bei deren Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz. Ich mußte feststellen, daß Jugendsekretär der mächtigsten Gewerkschaft in der Stadt bedeutete, nur ein hochbezahlter Papiertiger zu sein, ein Job mit Außenshow, wenn belieben. Also mit Podiums-Reden und anschließendem gemeinsamen Bier-Trinken. Und Keller-Disco an den Wochenenden.

Die Mitarbeiterinnen im Büro sind nett. Ihre Arbeit ist jahrelange Routine. Der gewerkschaftliche sprich politische, sprich gesellschaftliche Bewußtseinsprozeß ist eingeschrumpft, eingeschlummert. Mit "Ich bin nicht für den Sozialismus" wird die politische Richtung (und werden die allgemeinen Ängste) erklärt. Das Aufsichtsgremium, der Bezirksjugendausschuß (BJA), entpuppt sich als Wrack-Teil im Jugendbereich. Fix und fertig berieselt, politisch desinteressiert erzogen durch den Vorgänger. Doch plötzlich erhob er sich vom Totenbett und wollte "bei diesem Pönack" lauthals mitreden. In der Praxis bedeutete dies: ewiges Mißtrauen gegenüber meiner Person. Meinem Amt. Meiner Führung. Weil ich mit ihnen nicht weiterhin mit-klüngeln, sondern stattdessen künftig eigenständig, also mit neuen Ideen, handeln und auftreten wollte. Was bei denen zu Angst und Panik führte von wegen: Was hat Pönack bloß vor? Wieso will er unseren doch so bequemen Abnick-Modus korrigieren? Läuft doch alles? Dazu: Der Vorsitzende des BJA entpuppte sich dann auch noch als beamtetes Mitglied des Sicherheitsapparates in unserer Stadt, auf einmal wird  "die hohe Politik" sichtbar. Erkennbar. Motto: Achtung, Achtung, Pönack: Paß' bloß auf. 

Habe bald aufgegeben. Ein Naiver hat Federn gelassen. Viele Federn. Zynisch gesprochen: Einem politisch gutgläubigen Blinden wurde das reale Sehen beigebracht. Der neue Neue muß eine Mischung aus Genius und Verrückter sein. Immer auf einem Kritik-Seil balancierend, das viele zu gerne zerschneiden wollen. In diesem Sinne wünsche ich meinem Nachfolger, Ted Gretsch, viel, viel Mut!

Hans-Ulrich Pönack   (ÖTV-Jugendsekretär vom 1. November 1970 bis zum 31. März 1971)

* = Die Überschrift bezieht sich auf eine Äußerung im Sekretariat. 

Damit soll's in dieser Woche gewesen sein. Wünsche sonnige politische Tage.
Gute Grüße
PÖNI Pönack
 

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READY PLAYER ONE

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"READY PLAYER ONE" von Steven Spielberg (Co-Produzent + R; USA 2016/2017; B: Eric Eason; Zak Penn; nach dem gleich. Roman von Ernest Cline, 2010; K: Janusz Kaminski; M: Alan Silvestri; 140 Minuten); mit Verlaub und sofort: Dies ist einer der wenigen "unglücklichen" Werke des Steven Spielberg. Begründung folgt. 530 Seiten umfasst der verschrobene wie erfolgreiche Pop-Roman des amerikanischen Autoren Ernest …

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FILM STARS DON'T DIE IN LIVERPOOL

FILM STARS DON'T DIE IN LIVERPOOL

"FILM STARS DON'T DIE IN LIVERPOOL" von Paul McGuigin (GB 2016; B: Matt Greenhalgh; nach den gleichn. Memoiren von Peter Turner/1987; K: Urszula Pontikos; M: J. Ralph; 106 Minuten); diesen Film wird mögen, wer großes Schauspieler/Innen-Kino mag. Wir kennen sie schon seit vielen Leinwand-Jahren, von Filmen wie "Jahrhundertfrauen"/s. Kino-KRITIK; "The Kids Are All Right"/s. Kino-KRITIK"; "Mütter und Töchter"/s. Kino-KRITIK oder …

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TRANSIT

TRANSIT

"TRANSIT" von Christian Petzold (B + R; D/Fr 2017; nach dem gleichn. Roman von Anna Seghers/1944; K: Hans Fromm; M: Stefan Will; 102 Minuten); er war einer der besten Beiträge im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb und wurde zu Unrecht von der ("merkwürdigen") Jury nicht ausgezeichnet. Der Ausgangspunkt: Der legendäre wie zeitlose Roman der deutschen Schriftstellerin ANNA SEGHERS (19. November 1900 - 1. …

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GRINGO

GRINGO

"GRINGO" von Nash Edgerton (USA/Australien 2016; B: Anthony Tambakis; Matthew Stone; K: Eduard Grau; M: Christophe Beck; 110 Minuten); die darstellerische Promi-Riege ist beeindruckend, immerhin: DAVID OYELOWO ("Selma"); Charlize Theron (neulich: "Atomic Blonde"); der Regisseur-Bruder Joel Edgerton ("Loving"); Amanda Seyfried ("Mamma Mia!"); Thandie Newton ("Westworld"); das filmische Erlebnis aber hält sich - nach rasantem Anfangs-Start - dann enorm in Unterhaltungsgrenzen. …

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TATORT: ZEIT DER FRÖSCHE (2.4.2018)

TATORT: ZEIT DER FRÖSCHE (2.4.2018)

Quelle: Julia Terjung/SWR Zwei Jahre ist es her: als am Oster-Montag, den 28. März 2016, für die zum "Event" erklärte ARD-"Tatort"-Folge Nummer 981 - Titel: "Fünf Minuten Himmel" - die  Freiburger Hauptkommissarin Ellen Berlinger=  in Persona von HEIKE MAKATSCH = in den populären Krimi-Ring stieg. Mit, sagen wir mal, begrenztem Zuspruch. Sowohl Einschaltquoten-durchschnittlich, mit 7,99 Millionen TV-Zuschauern, wie auch von …

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