Who Am I Kritik

WHO AM I – KEIN SYSTEM IST SICHER“ von Baran bo Odar (B + R; D 2013; K: Nikolaus Summerer; M: Michael Kamm; 103 Minuten; Start D: 25.09.2014); DU heißt Benjamin. Benjamin Engel (TOM SCHILLING). Bist so um die Ende 20. Bist nie aufgefallen, fällst auch weiterhin wenig bis eigentlich gar nicht auf. DU bist ein völlig belangloses Blümchen unter vielen. So jedenfalls fühlst du dich. Immer schon. Von Anfang an. Seit jeher. Denn du bist nicht allzu groß, schon gar nicht „laut“ und kannst auch nicht mit „Irgendwas“ glänzen. Irgendwas vorzeigen. Vorführen. Glaubst Du jedenfalls. Das heißt, du läufst einfach saudämlich, sauunglücklich mit. In der Menge, in der Meute, in der Masse. Ohne dass DICH jemand überhaupt wahrnimmt. DICH sieht / beachtet einfach niemand. Du bist quasi unsichtbar. Für die Anderen. Seit jeher. Und immer schon.

Aber das bleibt nicht so. DU triffst zufällig auf Max (ELYAS M’BAREK). Das personifizierte Gegenteil: Charismatisch, angeberisch, laut. Extrem geil auf das Machen im Leben. Auf das Mehr-Machen. Max will herausstechen aus diesem Mittelmaß-Volk. Drumherum. Will etwas „bewegen“. Möchte dadurch berühmt werden. Das Gewinner-Gefühl haben. Erleben. Auskosten. Unter Seinesgleichen. Der coole Max ist in Sachen Hacker-Alarm unterwegs. Gemeinsam mit seinen Kumpels , dem impulsiven Stephan (WOTAN WILKE MÖHRING) und dem cleveren wie stets „vorsichtigen“ Paul (ANTOINE MONOT, Jr. als Fussel-Ebenbild von Zach Galifianakis, dem „Hangover“-Clown). Sie provozieren als Hacker-Club „CLAY“ (CLOWNS LAUGHING @ YOU) mit subversiven Gesellschafts-Späßen. Ihr Motto: „Dreistigkeit siegt“. Jetzt noch mehr, denn ihr neues Team-Mitglied Benjamin erweist sich als technischer Volltreffer. Ein Computer-Genie. DER es „drauf hat“. DER noch viel mehr „kann“. Durch Benjamin wird aus – kriminell angehauchtem – Voll-Vergnügen „mehr“. Die neuen Aktionen zielen „höher“. Werden „gesellschaftlicher“, politischer. Machen Nazis lächerlich, führen Finanzspekulanten vor, attackieren Pharmaunternehmen. Das Hack-Fieber steigt.

Während Benjamin hofft, endlich seiner Flamme Marie (HANNAH HERZSPRUNG) 1:1, also „auf Augenhöhe“ wie er meint, imponieren / begegnen zu können, sind die drei Freaks in seiner neuen Family vor allem daran interessiert, den legendären Cyber-Hacker „MR X“ auf sich aufmerksam zu machen. „Dafür“ ist ihnen jedes aufsehenerregende Hacker-Mittel recht. Mit ihren Attacken auf das Innere beim Bundesnachrichtendienst (BND) allerdings begeben sich die „CLAYs“ mitten hinein in die Groß-Scheiße. Gelangen ins Visier von – weitaus „schlimmeren“ – Cyber-Gangstern („Welcome to the Underground“) und geraten auf die Fahndungslisten von BKA und Europol. Aus den „kleinen Wüterichen“ in rebellischer Party-Stimmung werden verfolgte Kriminelle.

Was geht ab: Ein faszinierendes, grandios durchexerziertes Thriller-Puzzle. Mit rasanten Ideen und Schnitten. Mit einem atmosphärischen Twist, der fetzt. Vor allem, wenn der „Krieg im Darknet“, im anonymen dunklen Netz, beschrieben wird. Um die Herrschaft im System. Das offensichtlich nirgendwo mehr sicher ist. Von „Darth Vader“-Nerds mit Pickeln und markigen Tätowierungen andauernd wie genüsslich aufgemischt wird. Von wegen – wir haben BEI EUCH keine Chance, können uns aber UNTER EUCH prächtig austoben. Ihr Hirnies. Wir haben den voll-coolen Technik-Verstand. Besitzen treffsichere „Finger“. Wenn es um den Elektro-Saft des Planeten geht. Ihr probiert, WIR MACHEN ES. Wir sind die wahren Kings. Im allumfassenden NETZ. Vor UNS solltet Ihr Euch fürchten.

Ein Hammer-Film. In Spannung, Rasanz, Überraschungen. Nie ist „was so“ wie wir es gerade vermuten. Raffinesse überall, ausdrucksstark in Gestaltung und Motiven. Und Darstellung: Mit einem exzellent ausdrucksstarken Ensemble. Anführer TOM SCHILLING, seit „Oh Boy“ (2012) filmisch erwachsenen geworden, ist der Kevin Spacey aus „Die üblichen Verdächtigen“. Nie weiß man eigentlich, wie er „richtig“ tickt. Also sorgt er auch für die verblüffenden Spannungspointen. Allerdings – gegen Ende kommt der Schweizer Drehbuch-Autor und Regisseur BARAN BO ODAR, dessen Debüt-Kinofilm „Das letzte Schweigen“ 2010 fürchterlich daneben lag (s. Kino-KRITIK), ins erzählerische (selbstverliebte) Trudeln. Sein filmisches Herausgehen wirkt überkonstruiert, kann aber an dem großartigen Unterhaltungsgesamteindruck nicht mehr viel ändern: Mit diesem tollen @-Knaller hat er sich aus der Filmemacher-Anonymität herauskatapultiert.

„WHO AM I“ zählt zum deutschen Kino-Besten seit langer, langer Genre-Zeit (= 4 PÖNIs).