DIE WELLE

DIE WELLE“ von Dennis Gansel (Co-B+R; D 2007; Co-B: Peter Thorwarth; nach dem gleichn. Roman von Morton Rhue/1984; K: Torsten Breuer; M: Heiko Maile; 107 Minuten; Start D: 13.03.2008). Der 34jährige Hannoveraner drehte zunächst Kurzfilme und kam dann mit Filmen wie “Mädchen, Mädchen“ (2001) und zuletzt mit “Napola – Elite für den Führer“ (2004) ins Spielfilm-Gespräch. Sein neuer Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von MORTON RHUE von 1984, wo er mit dem deutschen Buch-Zusatztitel: „Bericht über einen Unterrichtsversuch, der zu weit ging“ veröffentlicht wurde. Die Geschichte, basierend auf einem tatsächlichen Experiment, das 1967 in Kalifornien stattfand, wurde bereits 1981 unter gleichem Namen von Alexander Grasshoff für das US-Fernsehen verfilmt. (Der Film ist in einer deutschen Synchronisation bei Landesbildstellen als Unterrichtsmaterial im Verleih erhältlich).

Der Roman “Die WeIle“ schildert eine wahre Begebenheit, die sich im April 1967 an der “Cubberley High School“ im kalifornischen Palo Alto zutrug. Als Reaktion auf Aussagen in der Klasse, dass Verhaltensnormen des Nationalsozialismus “bei uns nicht vorkommen könnten“, begann der Geschichtslehrer Ron Jones zusammen mit Schülern und Lehrern ein Experiment: Die Schüler wurden als “The Third Wave/Die Dritte Welle“ organisiert. Bekamen Rollen zugeteilt, wurden Einschränkungen unterworfen. Verhaltensnormen wurden aufgestellt und streng durchgesetzt. Das ursprünglich für einen Tag vorgesehene Experiment ging über 5 Tage. Aufgeschreckt durch die Leichtigkeit, mit der Schüler sich vereinnahmen und manipulieren ließen, brach Ron Jones den Versuch abrupt ab, indem er in einer Schulversammlung den begeisterten Anhängern der “Dritten Welle“ einen direkten Vergleich mit Jugendorganisationen im “Dritten Reich“ vorführte. Jahre später verfasste Ron Jones seine Erfahrungen in dem Buch “No Substitute for Madness: A Teacher, His Kids, and the Lessons of Real Life“ zusammen.

Der heutige deutsche Film ist an einem fiktiven Ort im heutigen Deutschland angesiedelt. Als der Gymnasiallehrer (und ehemalige Hausbesetzer) Rainer Wenger (JURGEN VOGEL) während einer Projektwoche das Thema Faschismus anspricht, geht ein Stöhnen durchs Auditorium. “Ihr seid also der Meinung, dass eine Diktatur heute in Deutschland nicht mehr möglich wäre?“, empört sich der engagierte Pädagoge und beschließt, seine wohlbehüteteten Mittelstandskinder “auf die Probe“ zu stellen.

MACHT DURCH DISZIPLIN/ MACHT DURCH GEMEINSCHAFT/ MACHT DURCH HANDELN lautet fortan sein Credo, das bald schon “funktioniert“. Und dann außer Kontrolle gerät. ABSICHT wieder einmal gut, packend, diskussions-stark, Ausführung aber in Personen- wie Motiv- Schilderung schwächelnd. Psychologische Entwicklungen verdunsten irgendwo im Nirwana, viele Dialoge wirken angestrengt-papierhaft-einstudiert, die Stimmung im Klassenzimmer bleibt eher hölzern, steif, ungelenk, die Szenerie ist bisweilen zu “deutsch“-oberlehrerhaft-belehrend. Figuren-Klischees werden weder selbstironisch betrachtet noch DICHT-ernsthaft angenommen. RICHTIGE Spannung entsteht erst zum Schluss, wenn sich “Die Welle“ verselbständigt und die Schüler ihren blutigen Gefühlen freien Lauf lassen. Das Ensemble, darunter Frederick Lau, Max Riemelt und Christiane Paul, bemüht sich redlich; Frontkämpfer Wenger-Vogel (“1. Mai – immer dabei!“) besitzt charismatische Kraft.

Ein ebenso aktuell-wichtiger wie kinomäßig-zwiespältiger deutscher Film; die gute Polit-Unterhaltungs-Absicht kämpft mit harten Schnitten und fetziger Musik (die Titelmusik stammt von der Berliner Rockband “Empty Trash“/Song “Garden Of Growing Hearts“) gegen die zahlreichen (bedauerlichen) Ermüdungserscheinungen (= 3 PÖNIs).
DIE WELLE