Überglücklichen Kritik

DIE ÜBERGLÜCKLICHEN“ von Paolo Virzi (Co-B + R; It/Fr 2015; Co-B: Francesca Archibugi; K: Vladan Radovic; M: Carlo Virzi; 116 Minuten; Start D: 29.12.2016); mit seinem vorletzten Film, „Die süße Gier“ (s. Kino-KRITIK), konnte der italienische Filmemacher PAOLO VIRZI, Jahrgang 1964, exzellent punkten. Sein aktueller Nachfolge-Streich ist misslungen.

Der Film bewegt sich im „Gestörten-Milieu“. In einer offenen psychiatrischen Anstalt. Wir lernen von Moment eins an Maria Beatrice Morandini Valdirana (VALERIA BRUNI TEDESCHI) kennen. Eine Blondine im Etwas-Älteren-Alter, ebenso temperamentvoll wie adlig und permanent sprechend. Mehr brabbelnd. So dass ab sofort klar ist und deutlich wird: Madame hat einen an der Waffel. So wie sie auftritt. Sie ist gegen alles und jeden, haut ununterbrochen auf die verbale Kacke, benimmt sich wie eine aufdringliche Furie. Die in der rustikalen Toskana-Villa Biondi angestellten Mitarbeiter können mit ihr halbwegs umgehen, dem Zuschauer fallen dieser dauernden Ausfälle schon bald auf den Wecker. Keks. Zumal an ein verbales Beschimpfungs- und Kommandogeben-Ende nicht zu denken ist. Eine unangenehme Person. Die sich wohl mit einem Berufsverbrecher eingelassen hatte, dabei das Familien-Vermögen durchgebracht hat und seitdem polizeilich „auffällig“ wurde. Damit war sie für die feine Gesellschaft „out“. Jetzt soll sie hier „zur Wiedereingliederung“ therapiert, psychisch „aufgepeppelt“ werden. Doch Madame denkt gar nicht daran, ihr Lauthals-Feuerschimpfwerk abzustellen. Geschweige denn, anderen zuzuhören. Oder mit ihnen umgänglicher zu kommunizieren.

Als die junge apathisch-depressive Donatella eingewiesen wird (MICAELA RAMAZZOTTI/Ehefrau des Regisseurs), die gemeinsam mit ihrem kleinen Kind von einer Brücke ins Wasser sprang, nimmt sich ausgerechnet Maria ihr an. Tönt sie voll und kriegt tatsächlich mit Donatella „Kontakt“. Diese will zu ihrem Sohn zurück, der zur Adoption freigegeben wurde. Und tatsächlich, eines schönen Tages vermögen die beiden Frauen abzuhauen. Stromern durch die Region, erleben „Normal-Verrückte-draußen“ Abenteuer, Streiche, Begegnungen und Verwicklungen, bevor es zum emotionalen Countdown kommt.

Paolo Virzi erklärt seinen Film zu einem überspitzten Sittenbild der italienischen Gesellschaft. Wo Irrationales und Reales oftmals austauschbar sind; wo Tragisches in Komisches mündet und Konflikte sich mit Krisen originell abwechseln.

Verstehe: Wer oder was ist nun wirklich verrückt? Lautet die Film-Suche. Jedoch: Paolo Virzi erzählt dies viel zu hysterisch, schon mal hübsch überkandidelt frech, aber auch pointiert eher schmal. Begrenzt. Mehr plump denn raffiniert. Das Interesse an seinen beiden gestörten „Heldinnen“ verliert sich bald. Mögen und Nähe – und umgekehrt – sind anders (= 2 PÖNIs).