TRANSIT

„TRANSIT“ von Christian Petzold (B + R; D/Fr 2017; nach dem gleichn. Roman von Anna Seghers/1944; K: Hans Fromm; M: Stefan Will; 102 Minuten); er war einer der besten Beiträge im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb und wurde zu Unrecht von der („merkwürdigen“) Jury nicht ausgezeichnet. Der Ausgangspunkt: Der legendäre wie zeitlose Roman der deutschen Schriftstellerin ANNA SEGHERS (19. November 1900 – 1. Juni 1983), der zwischen 1941 und 1942 im Exil geschrieben und 1944 in englischer und spanischer Sprache erschien. Die deutsche Originalfassung erschien erstmals 1947 in der „Berliner Zeitung“; die erste Buch-Ausgabe wurde 1948 veröffentlicht. Der Roman wurde mehrmals verfilmt, darunter 1977 in der BRD von Ingemo Engström und Gerhard Theuring  („Fluchtweg nach Marseille“) sowie 1991 in Frankreich von René Allio unter dem Roman-Titel.

Während der Anna Seghers-Roman zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in Frankreich angesiedelt ist, lässt ihn der Autoren-Regisseur Christian Petzold im heutigen Frankreich spielen. Wohin der deutsche Radio- und Fernsehtechniker Georg (FRANZ ROGOWSKI) als politischer Flüchtling abgehauen ist. Denn in seiner Heimat haben die Populisten, die Faschisten, das Sagen und die Herrschaft übernommen. In Paris ist er aber auch nicht mehr sicher. Während um ihn herum das ganz normale Pariser Leben von 2017 abläuft, muss er vor den anrückenden Nazis – mit denen französische Spezialeinheiten kooperieren – weiter fliehen. Georg landet in Marseille, wo Fremde sich nur aufhalten dürfen, wenn sie bald verschwinden. Er ist im Besitz zweier Briefe, die für den flüchtigen jüdischen Schriftsteller Weidel bestimmt sind, der sich gerade das Leben genommen hat. Im ersten bittet dessen Frau Marie ihren Mann, der sie verlassen hatte, nach Marseille zu kommen, sie will sich versöhnen; im zweiten befinden sich Ausreisepapiere des mexikanischen Konsulats. Georg, der jetzt die Chance hat, sich endgültig in Sicherheit zu bringen, begegnet jener Marie (PAULA BEER), die noch nicht weiß, dass ihr Mann tot ist, und beginnt mit der attraktiven Frau eine Affäre. Und verschweigt ihr, dass er längst die Pass-Identität ihres Ehemannes eingenommen hat. Zwei Menschen, zwei Pässe. Die Rettung? Glück kann in solchen Zeiten nicht entstehen.

Der Film „Transit“ besitzt einen „Casablanca“-Hauch mit aktueller politischer Tiefe. Du Mensch. Willst Da-Sein, leben, wo es Dir gefällt. Oder wo es möglich und machbar ist. Betrachtet beim Zustand dieses Kosmos. Die Herrschenden, die Bestimmenden, aber lassen das nicht zu. Du hast nur zwei Möglichkeiten: Dich zu arrangieren, mit den Faschisten zu kooperieren und gegebenenfalls Dich vernichten zu lassen, wenn es ihnen passt, oder zu flüchten. Nach Dorthin, wo dich offiziell niemand behelligt. Aber wo ist der Ort, den du künftig Zuhause nennen darfst? Unverkrampft stöbert Christian Petzold in zeitgemäßen (Flüchtlings-)Gedanken. Nirgendwo Ruhe. Sondern überall Sturm. Auch in Marseille ist das existenzielle Fegefeuer dabei, heimisch zu werden. Während ein Off-Erzähler (MATTHIAS BRANDT) die Seelen-Routen der Beteiligten beschreibt. Mexiko? Doch Mexiko?

CHRISTIAN PETZOLD, Jahrgang 1960, zuletzt mit seinen Filmen „Barbara“ (2012/s. Kino-KRITIK) und „Phoenix“ (2014) in den Kinos, erzählt von einem spannenden, bestürzenden Schwebezustand. „Mensch“ will leben, existieren, ankommen, darf es aber kaum noch. Es gibt kein Zurück mehr, aber auch kein Vorwärts. Zudem: Niemand interessiert sich für sie. Die Herumreisenden. Mit ihren Transit-Aufenthalten. Mit Ausnahme der Polizei und der Kollaborateure, die an den vielen Überwachungskameras hantieren. Ein gespenstisches Dazwischen-Leben formuliert sich. Die Gegenwart zieht – einfach so – vorbei und nimmt keine Notiz von ihren Gespenstern. Was uns zum Heute, Hier und Jetzt führt. Unweigerlich stürmen die Gedanken. Während dieses traumatischen, universellen Lebens-Taumels.

FRANZ ROGOWSKI & PAULA BEER. Er ist derzeit filmisch viel unterwegs (auch in „Victoria“- s. Kino-KRITIK –  war er 2015 überragend), er wird hofiert („Berlinale Shooting Star“ 2018) und offenbart auch hier erneut eine atemberaubende sensible Präsenz. Sie, neulich unglaublich beeindruckend in „Frantz“ (s. Heimkino-KRITIK), strahlt eine enorme Gefühlskraft aus.

„Road to Nowhere“ singen am Schluss die „Talking Heads“ und verweisen auf den politischen Takt-Trend. „Transit“ ist ein hervorragender aktueller Klima-Spielfilm (= 4 1/2 PÖNIs).