Sin Nombre

SIN NOMBRE“ von Cary Joji Fukunaga (B+R; Mexiko/USA 2008; 96 Minuten; Start D: 29.04.2010); Ende April/Anfang Mai beginnt im Kino alljährlich die Zeit „der vermehrten Überraschungen“. Der „speziellen“ Entdeckungen. Denn jetzt und in den nächsten (sommerlichen) Wochen und Monaten ist die Zeit „der Sleeper-Filme“ angesagt. DER neuen Filme, die zunächst kaum auffallen, weil ihr Werbe-Budget gering ist und sie vom Titel her „wenig sagen“. Und die sich dann als „Klasse Filme“ herausstellen. Solch ein „HAMMER-Außenseiter-Film“ ist dieser hier. Er wurde beim letztjährigen renommierten „Sundance-Festival“ entdeckt, deren Jury „Sin Nombre“, also „OHNE NAMEN“, für die „beste Kameraführung“ und für die „beste Regie“ auszeichnete. Seitdem ist der Film weltweit „unterwegs“ und findet viel globalen Zuspruch.

Es ist ein harter, konsequenter, den Kopf erschütternd „durchspülender“ Realitäts-Thriller. Aus einem Teil der Welt, der sich. pardon, Gott sei Dank, ziemlich weit weg „von uns“ befindet. Der sich uns in der Regel nur für einen kurzen Augenblick erschließt, wenn wir in den Zeitungen oder in den TV-Nachrichten von den dortigen fürchterlichen Lebensumständen oder den grausamen täglichen Verbrechen lesen/hören. Wie am letzten Wochenende auf Seite 3 der „Berliner Zeitung“ (24./25.4.), als unter der Überschrift „Die Wut einer Mutter“ ganzseitig von den widerlichen „Normal“-Morden mexikanischer Drogenkartelle die Rede war. Will sagen, dieser Film ist (auch) der Film zum Artikel. Der dadurch „lebendig“, nachvollziehbar“ und somit noch „wichtiger“, interessanter, bedeutender wird. Lesen und gedankenlos „weiterzumachen“, ist nun nicht mehr möglich: Jetzt gibt es die entsprechenden Bilder „und Menschen“ dazu. Und DIE verlieren sich nicht so einfach aus dem Kopf…..

Cary Joji Fukunaga: Geboren am 10. Juli 1977 in Oakland/Kalifornien als Sohn eines japanischen Vaters und einer schwedischen Mutter. Absolvent der Universität von „California Santa Cruz“. Lebte in Frankreich, Japan und Mexiko City. Er studierte FILM in New York, wo er heute lebt, spricht fließend französisch, spanisch und natürlich englisch. Sein Kurzfilm „Victoria para Chino“ von 2004 gewann viele internationale Preise, darunter auch den Studentenfilm-„Oscar“. Sein erster Langfilm, der im letzten Oktober auf den 43. Hofer Filmtagen erstmals hierzulande vorgestellt wurde, blickt in das Innere einer Parallelwelt von Mexiko, in das Innere der MARA SALVATRUCHA. 13 Sekunden dauert es, um „bei denen“ aufgenommen zu werden. 13 Sekunden, in dem das künftige Mitglied von seinen künftigen Kumpels mit allen Mitteln verprügelt und getreten wird. 13 Sekunden, die es durchzuhalten gilt. Dann hat man sich „bewährt“, ist man aufgenommen. Die „Maras“ zählen mit geschätzten 100.000 Mitgliedern zur größten und gefährlichsten Gang der Welt. Diese findet vor allem in Zentralamerika großen Zuspruch. Denn dort bietet die Organisation in einem wirtschaftlich und sozial zerrütteten System Rückhalt und Sicherheit, allerdings um den Preis schwerster Verbrechen. Die Mara gilt gewaltbereiter als andere Banden: Mord, Vergewaltigung, Körperverletzung, Erpressung sind „im Kampf gegen Feinde“ „erwünscht“. Ein Aussteigen ist unmöglich.

Als wir in diesen Film hineinkommen, wird gerade der 12jährige Smiley „bearbeitet“. Danach ist er bei der Mara aufgenommen. Und begegnet Willy, den alle El Casper nennen. Der 18jährige ist seit Jahren Mitglied und erledigt Botendienste. Sein Herz gehört aber schon längst nicht mehr nur „seiner Gang“, sondern auch einem Mädchen aus dem Nachbargebiet. Als der Anführer dahinter kommt, bringt er Martha Marlene um. Für El Casper ändert sich alles. Während eines Überfalls auf einen mit Flüchtlingen überladenen Zug, der in Richtung Grenze fährt, fällt er eine folgenschwere Entscheidung. Trifft auf die junge Sayra aus Honduras, die mit ihrem Vater und Freunden in die USA flüchten will. Das Schicksal nimmt seinen brutalen Lauf.

Ein ungeheuerlicher Film. Weil er nicht „ausweicht“. Weil er nicht „schön“ redet und nach Gerechtigkeit und (Kino-)Heldentum zielt. Sondern das ganze Elend menschlich, also körpersprachlich, seelisch, fühlen läßt. Dennoch dokumentiert er nicht „edel“, sondern ist ein SPIELfilm. Muß also die Kriterien von Story, Spannung und Neugier erfüllen. Als Road-Movie, mit Figuren-Nähe, mit Western-Geschmack, mit Thriller-Atmosphäre, mit der ganzen Reiz-Breite von imponierendem KINO. Dem (damals) 31jährigen Drehbuch-Autoren und Regisseur Cary Joji Fukunaga gelingt dieser Spagat brillant. Einerseits „interessiert“ er mit einer „mächtigen“, informativen wie SEHR unterhaltsamen Geschichte mit Realitätsniveau, andererseits gelingt ihm dabei die wichtige politische Epos-Botschaft: Schaut auf dieses traurige, miese Leben, es geht Euch auch an, macht Euch darüber mal Gedanken.

Ein aufwühlender, ein bärenstarker, ein großartiger Spannungsfilm mit viel Wut-Gefühl. Der in der Tradition von unvergessenen, vielfach preisgekrönten Perlen wie „Amores perros – Von Hunden und Menschen“ von Alejandro González Inárritu (Mexiko 1999); „City of God“ von Fernando Meirelles + Kátia Lund (Brasilien/Fr/USA 2001) sowie „Tropa de Elite“ von José Padilha (Brasilien 2007/“Goldener Berlinale Bär“) und „LA VIDA LOCA“ von Christian Poveda (Fr/Sp/Mexiko 2005-2008; der gerade auf DVD veröffentlichte authentische Dokumentarfilm über die „Mara“, bei dem der renommierte französische Dokumentarfilmregisseur während der Dreharbeiten erschossen wurde) steht. Mit den (noch) unbekannten Akteuren EDGAR FLORES (El Casper), PAULINA GAITAN (Sayra) und dem jungen Kristyan Ferrer (als Smiley) in den packenden Hauptrollen. „SIN NOMBRE“ ist ein in jeder Beziehung beeindruckendes Filmwerk; ein faszinierendes Road-Movie, wunderbar direkt und ganz tief in unsere Augen und ins Hirn zielend (= 4 ½ PÖNIs).