SIEBEN MINUTEN BIS MITTERNACHT

SIEBEN MINUTEN NACH MITTERNACHT von Juan Antonio Bayona; nach dem gleichnamigen Roman von Patrick Ness (ES/USA/UK 2016; B: Patrick Ness; K: Óscar Faura; M: Fernando Velázquez; ca. 108 min.)

– Gastkritik von Caroline Steinkrug

Man stelle sich Folgendes vor: Eine junge, begabte Frau, ihres Zeichens Schriftstellerin, verstirbt viel zu früh mit 47 Jahren an Krebs. Dabei hinterlässt sie auf tragische Weise nicht nur ihre Familie, sondern auch eine wunderschöne Romanidee, die dann – eher unbemerkt – in irgendeiner britischen Verlagsschublade verschwindet. Wenige Zeit später, wird diese aber glücklicherweise doch noch von einem Kollegen entdeckt; 2011 zu einem Roman weiterentwickelt und 2012 mit der Carnegie Medaille ausgezeichnet – DEM britischen Preis für Kinder- und Jugendliteratur. Alleine das klingt schon wie ein Märchen, oder? Und das ist es auch, denn Siobhan Dowd war die Gedankengeberin, Patrick Ness ist der Autor und SIEBEN MINUTEN NACH MITTERNACHT (A MONSTER CALLS) der Titel der Geschichte. Nun soll diese herzzerreißende Erzählung über einen Jungen und sein Monsters auch das Kinopublikum begeistern.

Die Entstehungsgeschichte des Buches macht deutlich, wie behutsam der katalanische Regisseur J.A. Bayona bei seiner Umsetzung sein musste. Vor allem in Bezug auf die bildsprachliche Ausformulierung feinbesaiteter Emotionen wie Trauer, Verlust oder Schmerz, die hier neben positiven Gefühlen wie Liebe und Hoffnung aus dem Blickwinkel einer geschundenen Kinderseele erzählt werden.

Der dreizehnjährige Conor O`Malley (Lewis MacDougall) hat es nicht leicht. Sein Schulalltag ist von Mobbing geprägt, seine Eltern sind geschieden und sein Vater (Toby Kebbell) lebt seitdem in Amerika. Quasi auf der anderen Seite des Ozeans. Der Junge hingegen wohnt bei seiner Mutter (Felicity Jones) in Großbritannien. Als diese nun auch noch die fürchterliche Diagnose erhält, unheilbar an Krebs erkrankt zu sein, bricht für Conor im wahrsten Sinne des Wortes die Welt zusammen. Ein Alptraum, den das junge Menschenleben – gefangen zwischen Kind-sein und Mann-werden – fortan immer wieder durchleben muss. Bis zu jener Nacht, in der pünktlich um sieben Minuten nach Mitternacht, ein Baum-Ungeheuer vor seinem Fenster erscheint (im Original gesprochen von Liam Neeson). Die alte Eibe ist gekommen, um ihm drei Geschichten zu erzählen. Allerdings nur im Austausch gegen eine vierte. Ihr Inhalt: Conors eigene Wahrheit. Und diese ist zerrissen… zerrissen zwischen Verdrängung und Akzeptanz eines nicht aufzuhaltenden Abschiedes.

 

Eines sei vorweg gesagt: Eine Kritik ist unglaublich schwer in Worte zu fassen, wenn der Wunsch darin besteht, sie eigentlich nur mit Hochachtung füllen zu wollen. Denn dieser Film ist ein Kunstwerk.

 

SIEBEN MINUTEN NACH MITTERNACHT ist zugegeben traurig. Tot-traurig sogar. In seiner gesamten, erzählerischen Ruhe. Klingt wie ein Widerspruch? Ist es aber nicht, denn die Verbildlichung von Empfindungen ist hier wörtlich zu nehmen. Sie werden lebendig durch aquarellartige Animationen, die auf der Leinwand malerische Märchengleichnisse entstehen lassen. Auf einem musikalischen Teppich wandelnd, der die Bilder sensibel trägt. Und dass auf einem unglaublich hohem handwerklichen Niveau.

Emotional zu tiefst aufwühlend ist, dass dabei hauptsächlich negative Gefühle im Mittelpunkt stehen. Betrachtet durch die unschuldigen Augen eines Kindes, gleichberechtigt neben allen positiven Gedanken. Als Teil des Lebens, als Ereignisse, als Ängste – als Teil des Mensch-seins. Ebenso wie das Monster, das wohl in jedem von uns irgendwo schlummert. Aber es ist nicht böse, es hilft dabei Dinge zu überwinden und auch düstere Wahrheiten anzunehmen! Sie loszulassen, um frei zu sein.

Wow! Ein ziemlich krasser Spiegel, den uns das Kino da vor die Nase hält. Ergreifend und poetisch-schön! Dieses blättrige Ungetüm fordert dazu auf Verständnis zu zeigen. Es warnt vor Vorurteilen und Verurteilungen: Jede Münze hat zwei Seiten und jedes Lebewesen von Natur aus in gleicher Weise eine dunkle. Sie anzunehmen ist die Rettung. Nicht nur für Conor. Nein, für uns alle!

 

Als Beispiel dient unter anderem hier die Rolle der Großmutter. Über die Qualität einer Sigourney Weaver, welche die strenge „Oberin“ mit weichem Kern verkörpert, die schließlich AUCH ihre Tochter verliert, muss nicht viel gesagt werden. Ihr zur Seite steht die zerbrechliche Felicity Jones, die in ihrer Figur den Inbegriff von Mutterliebe nach außen trägt. Diese Verzweiflung angesichts des Todes nicht mehr für ihren Sohn da sein zu können, gepaart mit dem Wunsch, ihm eine harte Rüstung für das Leben „danach“ überzustreifen, geht derbe an die Herzsubstanz. Und dann wäre da noch die Stimme von Liam Neeson als Monster. Unbändig wild und väterlich-fürsorglich zugleich. Was braucht es mehr? Einen kleinen Schotten von erst 14 Jahren: Lewis MacDougall!

Was dieser Kleine da in seinem Job leistet, wird noch viele Große aufhorchen lassen. Er schreitet sanft durch das Seelenleben des jungen O`Malleys, der uns vor allem eines lehren will: Eine Fantasie-Welt dient nicht allein der Flucht vor Problemen oder Ängsten! NEIN! Sie lagert sie aus, auf eine andere Ebene, diskutiert sie dort neu und hilft uns so das Leben besser zu verstehen. Es besser zu bewältigen! Es anzunehmen mit ALL seinen Seiten! Eine wichtige Botschaft, nicht nur für Fantastik-Liebhaber!

 

Kurzum: Dieses fabelhafte Werk entkommt der plumpen Filmmasse, ist über die Maße empathisch erzählt und verdient es gesehen zu werden! Ein Monster ruft sein Publikum an die Kinokassen! Folgt ihm – es lohnt sich!

4 ½ Pönis; …und Taschentücher nicht vergessen!