Sicario Kritik

Link für Pöni TV „SICARIO“ von Denis Villeneuve (USA 2014; B: Taylor Sheridan; K: Roger Deakins; M: Johann Johannsson; 121 Minuten; Start D: 01.10.2015); der kanadische Regisseur, der an diesem Samstag (den 3. Oktober 2015) seinen 48. Geburtstags begeht, ist immer ein Hingucker. Sein letzter Beweis dafür lief im Oktober 2013 in unseren Kinos an: „Prisoners“, ein aufwühlender, außerordentlicher Spannungsfilm (s. Kino-KRITIK). Hier geht er ein Thema an, das dauer-brennt. Seit vielen Jahren und Jahrzehnten. Der immerwährende und offenbar nicht aufzuhaltende Drogenkrieg zwischen den USA und Mexiko. Und umgekehrt. Olle Kamelle, meinen Sie? Dann sehen Sie sich unbedingt diesen Film an, denn er zählt zweifellos mit zu den BESTEN THRILLERN ALLER ZEITEN!!!!! Besitzt brandaktuellem Polit-Geschmack. Knallt richtig und wichtig in den Bauch und an die Birne.

„Sicario“ stammt übrigens aus dem Spanischen und bedeutet: Auftragskiller.

Es geht „so“ nicht mehr. Mit normalen demokratisch-justiziaren Mitteln ist es nicht – mehr – möglich, den Handel von Drogen und die damit einhergehende eklige, bestialische Gewalt einzudämmen. Unendlich viele Versuche sind gescheitert. Auf beiden Seiten. Dieser unendliche Drogenkrieg hat vielen Menschen inzwischen das Leben gekostet. Zwei Möglichkeiten bieten sich künftig an: Aufgabe oder mit „anderen Möglichkeiten“ einzugreifen. Anzugreifen. Zu attackieren. Dabei werden sich die Grenzen zwischen Legalität und Illegalität, inzwischen sowieso auf dünnem Fundament stehend, immens verwischen.

Wir befinden uns an der Grenze zwischen El Paso/Arizona und dem mexikanischen Juarez. Als FBI-Agentin Kate Macer (EMILY BLUNT) dort eintrifft. Kürzlich hat sie bei einem Einsatz am Stadtrand von Phoenix dutzende von eingemauerten Leichen entdeckt und überstand den folgenden Bombenanschlag. Nun hat sie sich für einen Task Force-Einsatz, also für eine verdeckte Operation, verpflichtet. Bei dem es darum geht, zusammen mit „fremden“ Kollegen d e n Drogenbaron der Region aus seinem sicheren Versteck zu locken. Dafür muss dessen Organisation provoziert, also herausgefordert, werden. Und dies geht nur, wenn man „eigenwillige Aktionen“ in Gang setzt. Unorthodoxe Handlungen.

Mit diesem Team, in dem der kolumbianische „Experte“ Alejandro (BENICIO DEL TORO) und der lakonisch-schroffe Ami Matt (JOSH BROLIN) den selbstbewussten Ton angeben. Der erste Einsatz führt direkt auf mexikanisches Gebiet. Was als Routine-Einsatz aussieht, wird zum mörderischen Hinterhalt. Der offensichtlich von Kates „Kameraden“ aber vorhergesehen, „eingeplant“, war. Und brutal abgewehrt wird. Kate und der Zweifel. Was macht sie hier und warum mit? Wenn offenbar Moral und Paragraphen keine Rolle mehr spielen? Soll sie nicht lieber aussteigen? Als Alejandro bei einer weiteren Aktion ihr aus der Patsche hilft, entscheidet sie sich fürs Bleiben. Obwohl sie inmitten dieses speziellen „Apparates“ deutlich ein Fremdkörper ist. Während man Drumherum längst auf weitere und viel heiklere Attacken setzt.

Es ist spannend. Aber, es geht hier auch reißerisch denk-spannend zu. Politisch hintergründig. Zweideutig. Zwiespältig. Was soll eine Gesellschaft machen, wenn offenbar sämtliche Mittel der „Gerechtigkeit“ wenig bis nichts bewirkt haben? Soll sie zusehen, wie das Unrecht weiterhin dominiert? Sich vehement ausbreitet? Oder darf sie sich mit ebenso (höflich formuliert) unlauteren Mitteln dagegen wehren? Und dabei „nicht dem Gesetz entsprechende“ Methoden anwenden? Gewalt mit ebenso brutaler Gewalt anwenden, um Gewalt zu bekämpfen? Zu beenden? Natürlich: Fragen / Themen 2015.

Es ist ein aktueller Kriegs-Tanz, den Denis Villeneuve nach einem Debüt-Drehbuch von Taylor Sheridan, einem neuen angesagten Hollywood Autoren, faszinierend dicht und aufregend-packend in Bewegung bringt. Unterstützt von der brillanten Optik des längst „Oscar“-überfälligen Kamera-Asses ROGER DEAKINS („Die Verurteilten“; „Prisoners“; „Skyfall“) und mit hervorragenden Akteuren aufwartend. Emily Blunt („Der Teufel trägt Prada“; „Young Victoria“) erinnert in ihrem eindringlichen Härte- und Gefühls-Part an Jessica Chastains starken Auftritt in „Zero Dark Thirty“. Benicio del Toro („Trafic –Die Macht des Kartells“; 21 Gramm“; „Che“) unterstreicht als traumatisierter Angreifer, dass er inzwischen zu den weltbesten Charakter- und Körper-Darstellern zählt. Josh Brolin („W.- Ein missverstandenes Leben“; gerade auch in „Everest“) gibt den legeren Ami, der seine Wut gerne aggressiv auslebt.

„Sicario“ bereitet faszinierendes Unbehagen. Ist großartiges, bedeutsames, aktuelles Unterhaltungskino (= 4 ½ PÖNIs).