SHAPE OF WATER – DAS FLÜSTERN DES WASSERS

„SHAPE OF WATER – DAS FLÜSTERN DES WASSERS“ von Guillermo del Toro (Co-B, Co-Produzent + R; USA 2016; Co-B: Vanessa Taylor; K: Dan Laustsen; M: Alexandre Desplat; 123 Minuten); diesen Film nicht zu mögen, ist eigentlich unmöglich. Es sei denn, du verfügst wirklich über kein Herz. Um eine Schublade zu öffnen, er ist für mich so etwas Einzigartig-Märchenhaftes wie „E.T. im Wasser“. Und besitzt auch Schreckensmotive aus meinen Anfängen als kindlicher Kinogänger; als mich der heute als Genre-Klassiker geltende 3 D-Horrorfilm „Der Schrecken vom Amazonas“ von Jack Arnold an einem September-Wochenende des Jahres 1954 mächtig erschreckte. Story: Ein Kiemen-Mensch, der sowohl unter Wasser wie auch an Land atmen kann, „verunsichert“ ein US-Forscher- bzw. Forschungsunternehmen am Amazonas. Nächtelang verfolgte mich damals diese (wütende wie zärtliche) Kreatur in meinen Alpträumen. Bis heute habe ich „Creature from the Black Lagoon“ (Originaltitel) nicht vergessen. Können. Anlässlich der Vorführung von „The Shape of Water“, also „Die Form von Wasser“, begleitete sie mich wieder. Intensiv.

Wir befinden uns in der Zeit der Anfang Sechziger Jahre. Die Kalte Kriegs-Epoche. In einem geheimen Forschungslabor der US-Regierung in der Hafenstadt Baltimore herrscht helle Aufregung. Man hat sich eines „merkwürdigen Wesens“ vom Amazonas bemächtigt. Hat es hierher verschleppt. Was man „damit“ eigentlich machen will, wissen die tumben Kräfte von Militär und Wissenschaftlern eigentlich nicht genau. Nur, dass man jetzt „irgendeinen Monster-Vorteil“ gegenüber dem Feind, den Sowjets, besitzt, macht irgendwie Stolz. Vielleicht kann man den Gefangenen auch, so wird erwägt, in den Weltraum befördern, so wie es die Russen mit der Hündin Laika gemacht haben. Doch als sich die Kreatur vom Wassertank „renitent“ zeigt, befiehlt der General, es so schnell wie möglich zu vernichten. Doch sein Labor-Adlatus, Oberst Richard Strickland (MICHAEL SHANNON), genießt dagegen es erst einmal, seine schmutzige, böse Macht auszuspielen. Indem er „das Wesen“ gerne quält. Strickland ist ein Folter-Sadist, der seine „verunglückte Existenz“ und seinen Lebens-Hass einmal mehr auf diesen „gefährlichen“ Amphibien-Menschen (DOUG JONES) projiziert.

Seine Gegenspieler sind von besserer Seele: Sie heißt Elisa Esposito (SALLY HAWKINS), ist ein scheuer Mensch. Stumm seit Geburt. Sie arbeitet als Putzfrau in diesem Labor. Ihre beste Freundin ist ihre farbige Kollegin Zelda (OCTAVIA SPENCER/seit „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“; mit „Oscar“-Nominierung ein Star); sie lebt in einem kleinen, eigenwillig hergerichteten Appartement über einem Kino, ihren einzigen Privatkontakt unterhält sie zu ihrem Nachbar-Freund Giles (RICHARD JENKINS), einem gescheiterten schwulen Grafiker. Zwei gutmütige Solo-Menschen, die ab und an ihre Einsamkeit gemeinsam und humorig teilen. Doch die gutmütige Elisa hat „Herzensfeuer“ gefangen. Hat Mitleid mit der gepeinigten Kreatur in dem Wassertank und nimmt heimlich Kontakt mit ihr/mit ihm auf. Was natürlich nicht ohne emotionale Folgen bleibt. Des Weiteren noch im beginnenden Abenteuer-Spiel: ein Dr. Robert Hoffstetler (MICHAEL STUHLBARG), der als sowjetischer Spion Dimitri die politische Gegenseite über die Geschehnisse in diesem Geheimlabor unterrichtet, aber auch mit einem Mitleids-Herzen ausgestattet ist. Jetzt haben wir sie alle beieinander. Das Fabel-hafte Romanze um eine zauberhafte Fantasy-Poesie, mit geharnischtem Politik-Verstand und visueller Brillanz, kann starten. Die Waffen der Kraft gegen die Wünsche und den Einfallsreichtum der Enttäuschten. Beziehungsweise: Umgekehrt.

Underdogs, die mit Swingmusik, gekochten Eiern und viel Tapferkeit gegen das verkommene Establishment aufbegehren. Klingt das nicht auch nach dem Heute? Zustand? Randgruppen-Menschen laufen listig Sturm, wenn es darum geht, Ungerechtigkeit endlich anzugehen. Anzuprangern. Und auszumerzen. Elisa, behindert, mit lateinamerikanischen Wurzeln; mit einer afroamerikanischen Freundin und Gehilfin; dazu ein melancholischer, homosexueller älterer Vater-Freund-Kumpel gegenüber; man kennt sich aus in Abfälligkeiten und Ausgrenzungen. In gesellschaftliche Wunden und Narben. Merke: Außenseiter begehren gegen dieses autoritäre und Gewalt als Lösung begreifende arrogante Weiße „America first“-System auf inmitten dieser ekligen, diktatorischen Atmosphäre der (Noch-)“Weißen“ Sechziger Ami-Jahre: der aus Mexiko stammende, 53jährige Co-Drehbuch-Autor, Co-Produzent und Regisseur GUILLERMO DEL TORO („Pans Labyrinth“; „Crimson Peak“) weiß, wovon er – gerne, süffisant und hinreißend schelmisch – denken und sprechen lässt. „Shape of Water“ erinnert an das ganz große, pralle Erzähl-Kino vieler Ami-Klassiker über die Jahrzehnte, nun verbunden mit den künstlerischen Hit-Effekten der Gegenwart. Ist ein gewaltiges, vielfältiges Schau-Erlebnis, in der überzeugenden Mixtur aus Horror- und Liebesfilm, aus Melodrama, Komödie und Fantasy-Thriller mit Slapstick-Gesten, und mit außerordentlich spannendem Polit-Charme. Und sogar: mit pfiffigen Musical-Elementen. Eben noch brutal, dann wieder zauberhaft schwebend. Als reales Märchen, das wunderbar tief zu empfinden ist. Mit einer imposanten Chaplin-Humanität der Außergewöhnlichkeit ausgestattet ist.

Das Ensemble, ein Erlebnis von feinen Sensibilisten. Einschließlich des prächtigen Herrenmenschen-Schurken, den derzeit niemand im US-Kino so funktionierend-grandios-fies zu interpretieren vermag wie der unwiderstehliche MICHAEL SHANNON („Zeiten des Aufruhrs“; „Take Shelter – Ein Sturm zieht auf“; „Premium Rush“). Der Britin SALLY HAWKINS („Happy-Go-Lucky“; Maudie“) aber gehört der Thron; ihre leise Elisa-Kraft ist ungeheuerlich; eine wahre „Prinzessin ohne Stimme“, wie es eingangs heißt; ihre Interpretation dieser verletzlichen, schüchtern-starken Figur ist herzzerreißend-toll. Die „Oscar“-Nominierung vollauf verdient.

„Shape of Water“, eine Brillanz der Magie. Der Film wurde am 31. August des Vorjahres beim Festival von Venedig uraufgeführt und gewann dort den Festival-Hauptpreis, den „Goldenen Löwen“. Neulich bekam er zwei „Golden Globes“, und für die „Oscar“-Nacht Anfang März ist das Meisterstück gleich 13fach nominiert: KINO kann so einzigartig sein! (= 5 PÖNIs).