Der Schrei: Knef 1970

Der Schrei Nr. 15 ca. 1970

FÜR LIEBHABER UND SOLCHE, DIE WELCHE WERDEN WOLLEN: Knef Concert Stern Musik Decca, SD 3000/1-2 (Doppel -LP)

Wir haben in der Bundesrepublik fast gar keine Künstler, di e auf musikalischer Ebene im großen, international en Show-Business Anklang und Beifall finden. Zu diesem „Fast-Keine-Kreis“ ist einmal Catarina Valente zu zählen, die nun schon seit Jahren die geradezu unwahrscheinlichsten Triumphe feiert und als eine der besten Show-Stars auf der Welt gilt.

Die zweite, leider aber auch gleich letzte angenehme Ausnahme bildet eine Frau, für die ich eine sehr große Bewunderung empfinde: Hildegard Knef. Sie ist nicht so sehr schön, sie ist nicht so attraktiv und sie hat beileibe nicht eine so große Stimme. Und dennoch wird sie bewundert, verehrt und geliebt. Was aber ist es, was „die Knef“ so faszinierend, so überaus interessant, so liebenswert macht? Ist es ihre rauchig-zarte, rauchig-herbe Stimme? Sind es ihre vielfach selbst verfassten Texte, die so mitten aus dem Leben Gegriffenes erzählen, Dinge, di e man ja eigentlich in einem Lied nicht zu hören wünscht (wenn man sie tagtäglich schon erleben muss)? Sind es ihre oftmals ungewöhnlich klingenden Kompositionen? Ist es ihre unbeschreibliche Ausstrahlung, die Ausstrahlung einer Frau um die Vierzig, der das
Leben, wie so viele anderen, schon mehr als dreckig mitspielte? Ehrlich gesagt, genau weiß ich es auch nicht. Vielleicht von jedem etwas, vielleicht aber auch noch etwas Nichtbewusstwerdendes dazu? „Wir waren Kriegskinder“, sagt sie, „Wir kamen gar nicht dazu, ein bisschen jung, ein bisschen verrückt zu sein. Wenn ihr mir meine Fehler vorwerft, kann ich nur sagen, na und?“

Und genauso singt sie. Von sich, von Erlebtem, von Erwünschtem, vom Hoffen und Träumen, vom Glück und von der Verzweiflung, vom Gestern und vom Morgen. Und irgendwie glaubt man di e Ehrlichkeit zu spüren.
Das Bemühen, nicht falsche Romantik oder primitive Taschentuchsentimentalität aufkommen zu lassen. Sie feilscht nicht um di e Gunst ihrer Hörer, sie erkämpft sie sich. Nicht mit gewohntem, triefendem Edelschnulzengesäusel, sondern mit der ganzen Kraft ihrer Stimme und ihres Ausdrucks. Ohne lässige, selbstherrliche Ironie, ohne den Ausdruck der Blasiertheit stellt sie sich vor das Mikrophon und singt. „Ich glaub ’ne Dame wird‘ ich nie“, behauptet sie. „Na und?“ kommt daran anschließend. Sie gibt Ratschläge für ihn, „Wenn du mich einmal loswerden willst „, um ihn aber kurz danach daran zu erinnern, „Dein erstes graues Haar“.

25 Songs auf dieser Doppel-LP, jeder irgendwie anders, aber doch „knefig“ – sind zusammengetragen. Alle sind es gute, interessante Aufnahmen. Und doch scheint jeder Song für sich wiederum etwas ganz Besonderes zu sein.

In eine Frau wie Hildegard Knef verliebt zu sein, ist etwas Wunderbares.