Der Schrei

„Der Schrei“ (Magazin der ÖTV-Jugend-Berlin) Nr. 25 ca. März 1970

BERLINALE 70 – KRACH BEI DER JUGENDJURY
ARBEITSKREIS JUNGE FILMKRITIK…

…nannten wir uns diesmal, die Jugendjury der vergangenen Jahre wurde für tot erklärt, etwas (angeblich) viel Besseres, Progressiveres galt es aufzubauen. Das es aber im Gegenteil noch schlechter als in den Jahren zuvor wurde, dass die aus 12 Personen bestehende Gruppe noch wirkungsloser arbeitete, dass als Ergebnis ein mehr als unbefriedigendes und nicht einmal von allen erarbeitetes und gebilligtes Papier herauskam, dass persönliche Abneigung anstatt faire Konfrontation im Vordergrund stand, dass Personen in der Gruppe waren, die sich bislang lediglich nur ab und an als Kinogänger betätigten und nicht, wie eigentlich die Mitgliedsvoraussetzung war, bereits als Jung-Journalisten in Sachen Film tätig waren, das sind einige der zahlreichen Aspekte, die zu diesen fatalen Fehlgriff in diesem Jahr führte.

Auffallend war wiederum, dass seitens der verantwortlichen Stellen, also Senat, Festspielleitung und letztlich Landesbildstelle als ausführendes Organ, aus den gemachten Fehlern der Vergangenheit nichts gelernt worden ist. Man lud erst wieder drei Wochen vor Beginn der Festspiele ein, ließ dann völlig unmotiviert zu, der aus anfangs sechs Personen bestehende Kreis durch Hinzuziehung von Freunden oder Bekannten auf zwölf erhöht wurde, versuchte wiederum nicht, der sich nun zu konstituieren versuchenden Gruppe Anhaltspunkte für die auf sie zukommenden Aufgaben zu geben, von den nicht geschaffenen technischen Voraussetzungen ganz zu schweigen (Arbeits- bzw. Dienstbefreiung für die Dauer der Berlinale). Selbstverwaltung und Selbstverantwortung sind schöne hohle Worte, wenn sie so zur Anwendung gelangen, nämlich unorganisiert und immer nur hoffend auf die Jungen, die das schon ordentlich machen werden. Sie machen es eben doch nicht, vielleicht weil sie es noch gar nicht können. Die gesamten verantwortlichen Stellen müssen sich schon heute endlich neue Wege und Methoden einfallen lassen, will man sich nicht weiterhin Jahr für Jahr sagen lassen müssen, dass die Einrichtung solcher Gruppen letztlich doch nur als Alibi für den ganzen Festspielmodus dienen soll.

Meines Erachtens sind die grundlegenden Voraussetzungen für die Schaffung eines entsprechenden Gremiums:

1) Das mindestens dreimonatige vorherige Zusammenholen der in Frage kommenden jungen Beute, wobei vom Veranstalter der Festspiele der Jugendjury eine weitaus größere Bedeutung zugeteilt werden muss, so dass bei den verschiedensten Berliner Institutionen Interesse und Anreiz geschaffen wird, ihre Vertreter in diesem Kreis zu wissen,

2) unter Leitung eines berufenen Filmmannes während dieser Vorbereitungszeit sollen die Aufgaben erarbeitet und klargestellt werden, damit die Eigenverantwortlichkeit während der Festspiele zeitlich rechtzeitig geordnet und somit gewährleistet wird,

3) die technischen Voraussetzungen zur Möglichkeit der intensiven Mitarbeit müssen geschaffen werden, wie z.B. die Arbeits- bzw. Dienstbefreiung für jedes einzelne Mitglied gewährleistet sein muss.

Diese ersten Gedanken sind unvollkommen und natürlich unvollständig. Aber sie dürften die Grundlage für hoffentlich jetzt schon beginnende Diskussionen sein.

Unter den 22 Wettbewerbsfilmen waren vielleicht fünf oder auch sechs Produktionen, die als sehenswert oder mehr einzustufen sind. Von den anderen wurde Kenntnis genommen und mehr nicht. Absolute Fehlgriffe kamen aus Brasilien („Die Götter und die Toten“), aus Argentinien („Der Erbstreit“), aus den Staaten („Dionysos 69“) und aus Japan („Abseits des Lebens“ ). Nicht umsonst meinte einmal ein Kritiker spöt­telnd, dass während dieser 12 Tage die eigentliche Berlinale im City (Informationsschau), in der Filmbühne Wien (großer Erfolg der Retrospektive) und im Arsenal (ausgezeichnet es Sonderprogramm und hervorra­gende Ergänzung zu anderen Veranstaltungen) stattgefunden habe!

Der filmische Höhepunkt – ein deutscher Beitrag! Unglaublich, aber Tatsache. „WARUM LÄUFT HERR R. AMOK?“ war ein perfekter Hieb auf deutsche Gegenwarts-Verhältnisse, inszeniert vom Münchner Wunderkind Fassbinder. Treffsicherer, erkennbarer, zielsicherer, aussagestärker und wirkungsvoller kann es im Kino schon gar nicht mehr zugehen. Es bleibt zu hoffen, dass sich Fassbinder noch eine Weile gegen den etablierten Filmbetrieb zu behaupten versteht, bevor auch er zwangsläufig eingeordnet werden wird.

„EINE SCHWEDISCHE LIEBESGESCHICHTE“ wurde zum großen Favoriten. Viel Beifall, viel lobende Worte, vielleicht weil’s gar so vielen gefiel, lehnten ihn in unserer Gruppe die meisten ab. Das Erstlingswerk von Roy Andersson war für mich ein Erlebnis. Inmitten einer mehr und mehr resignierenden, enttäuschten und für den Beschauer so faszinierend echt wiedergegebenen (schwedischen?) Erwachsenen-Welt begegnen sich zwei ganz junge Menschen und entwickeln erste Zuneigung. Andersson beobachtet seine sich nach außen so heil zeigende Umwelt und baut eine gesellschaftskritische Analyse auf, die in Schweden wie auch hier bei uns aktuell und gegenwartsbestimmend ist. Man muss nur hinsehen!

„DER SCHAKAL VON NAHUELTORO“ aus Chile und „DER HUNGERPROPHET“ aus Brasilien waren weiterhin zwei ganz starke und außergewöhnlich gute Filme, die sich zwar mit sozialkritischen Dingen in ihren Heimatländern auseinandersetzten, aber auch für den Westeuropäer von letztlich wichtiger Bedeutung sind. Es wäre begrüßenswert, wenn wir diesen Filmen demnächst im Kino oder im Fernsehen begegnen würden.

Deutschlands zweiter, jetzt als umstritten empfundener Film „O.K.“ ist für mich die bare Enttäuschung gewesen.. Michael Verhoeven („Der Bettenstudent“) drehte einen klischeefreudigen Anti-US-Beitrag in Bayern. Ich nehme ihm seine Deutung vom schrecklichen, tierischen Verhalten von Menschen in einem Kriege in dieser Form nicht ab. Es macht eher den Eindruck, als wollte Verhoeven in einer vorüberziehenden Anti-Welle mitmachen, umso leichter den Kunstschleier über den erhofften geschäftlichen Erfolg legen zu können. Engagement ist hier Fehlanzeige.