Das schreckliche Mädchen

Ort: Eine bayerische Kleinstadt namens Pfilzing. Dort lebt die nette
Schülerin Sonja. Gut behütet und brav, also katholisch, erzogen. Ihr Onkel ist Domvikar in der Bischofsstadt. Ihr Vater ist Schuldirektor, die Mutter eine angesehene Lehrerin. Kurzum: Eine saubere deutsche Familie. Sonja ist nicht nur brav, sondern auch klug und fleißig. Sie gewinnt als beste
Deutsche den 1. Preis bei einem europäischen Aufsatzwettbewerb: Eine Reise nach Paris.

So beginnt einer der besten deutschen Filme seit langem: „DAS SCHRECKLICHE MÄDCHEN“ von Michael Verhoeven (B+R; BRD 1990; 92 Minuten; Kino-Start: 15.2.1990/BRD + 31.8.1990/DDR; 92 Minuten).

Er basiert auf einer wahren Begebenheit, der nahezu unglaublichen Geschichte der Passauer Schülerin und Bürgerin Anja Elisabeth Rosmus. Der Autor und Regisseur Michael Verhoeven erzählt diese Geschichte frei nach der Begebenheit und siedelt sie in der fiktiven Stadt Pfilzing anstatt im wirklichen Passau an.
Der ‚Sprengsatz‘ entsteht, als der verantwortungsbewusste Bundespräsident Karl Carstens den deutschen Nachwuchs erneut um einen tollen Aufsatz bittet. Dabei stehen zwei Themen zur Auswahl: „Der europäische Gedanke“ oder „Meine Heimatstadt im 3. Reich“. Sonja ist begeistert und weiß sofort, was sie will und beginnt auch gleich vor Ort, im bischöflichen Archiv, mit den Recherchen. Jetzt tauchen erste Schwierigkeiten auf, doch Sonja bleibt „am Ball“, am historischen Geschehen und bekommt dadurch plötzlich Argwohn und Misstrauen in ihrer Umgebung zu spüren. Und: Das Stadtarchiv will die erforderlichen Akten nicht herausrücken. Von wegen Datenschutz und ähnlichem, Sonja ahnt, dass da irgendwas nicht stimmt und gibt nicht auf. Ihre hartnäckigen Bemühungen, endlich etwas über die Ereignisse in ihrer Stadt im 3. Reich zu erfahren, stoßen mittlerweile auf breite und laute Ablehnung. Sie wird in der Schule und im Ort geschnitten. Ihren Eltern wird sogar übel mitgespielt, wobei die Mittel immer härter und gemeiner werden.

Sonja aus Pfilzing gibt erst einmal Ruhe. Lässt den Abgabetermin für den Aufsatz verstreichen, taucht ins Privatleben ein. Heiratet ihren geliebten Lehrer, bekommt zwei Kinder und ist ein gücklicher Mensch in einer wieder zufriedenen Bischofsstadt. Jahre verstreichen und wieder führt der Weg ins bischöfliche Archiv und wieder verweigert man ihr die Akten-Einsicht.
Doch Sonja ist nicht mehr die brave Schülerin von einst, sondern eine resolute, selbstbewusste junge Frau und Bürgerin. Jetzt erst recht, sagt sie sich entschlossen, und handelt entsprechend.
Doch die Stadt versucht mit allen Mitteln und Tricks die Herausgabe der Akten zu verhindern. Man versucht jetzt mit allen legalen und schmutzigen Möglichkeiten, Sonja und ihre Familie einzuschüchtern und kleinzukriegen Sonja lässt nicht locker, obwohl die Konfrontationen immer brutaler werden.

Die Rolle der Sonja spielt die heute 34jährige Schauspielerin Lena Stolze. Die kennen wir bereits aus Filmen wie „Die weiße Rose“ und „Fünf letzte Tage“. Der Münchner Michael Verhoeven hat mit seinen Spielfilmen nicht immer eine glückliche Autoren- und Inszenierungs-Hand gehabt – siehe neulich „Killing Cars“ oder früher zum Beispiel „MitGift“. Filme wie „Die weiße Rose“ oder 1970 „O.K.“ dagegen waren wenigstens diskutabel. Hier aber, mit „Das schreckliche Mädchen“, ist ihm sein Meisterstück gelungen. Ein filmischer Volltreffer, der Kopf und Bauch gleichermaßen berührt und auf angenehm unangestrengte Weise beschäftigt, lenkt.

„Das schreckliche Mädchen“ ist ein unterhaltsames, hintergründiges, witzig-pointiertes Polit-Kabarett
a la „Scheibenwischer“. Politisch brisant und engagiert, kompromisslos und sehr stimmungsvoll in seiner temporeichen, stilisierten Montage. Ein Triumph des Geistes und der Fingerfertigkeit, und mit diesen permanenten schwarzhumorigen Zwischen- und Untertönen, mit diesen attackierenden Nuancen, ein lange nicht mehr bewundertes Erlebnis im deutschen Film. „Das schreckliche Mädchen“ ist das Beste, was man sich derzeit im deutschen Kino antun kann und sollte (=5 PÖNIs).