Saving Mr. Banks

SAVING MR. BANKS“ von John Lee Hancock (USA 2012; B: Kelly Marcel, Sue Smith; K: John Schwartzman; M: Thomas Newman; 131 Minuten; Start D: 06.03.2014); großartige Frauen beherrschen die Leinwände der Lichtspielhäuser. Weltweit. Siehe beispielsweise neulich Cate Blanchett („Blue Jasmine“; gerade „Oscar“-prämiert), soeben Judi Dench („Philomena“), hier jetzt EMMA THOMPSON und in dieser Kinostart-Woche auch Meryl Streep und Julia Roberts („Im August in Osage County“).

Apropos Meryl Streep: Sie hielt unlängst vor dem US-Kritikerverband eine Laudatio auf ihre Freundin Emma Thompson. Für deren überzeugenden Auftritt in diesem Film. In dem es – auch – um die prägende Legende und herausragende Persönlichkeit des amerikanischen Unterhaltungsbusiness des 20. Jahrhunderts geht: um WALT DISNEY (5. Dezember 1901 – 15. Dezember 1966). Meryl Streep bezeichnete Walt Disney als einen Frauenfeind und Rassisten und zitierte dabei unter anderem aus einem Disney-Brief, in dem er die kreative Arbeit in seinen Studios ausschließlich Männern zuschrieb. Das Rauschen im Blätterwald war dementsprechend. Fest steht, Disney war ein rechter Trotzkopf. Sah sich als Patriot und Antikommunist. Als die Gewerkschaftsbewegung in Hollywood anfing, auch die Trickfilmzeichner zu organisieren und seinen Betrieb 1941 bestreikte, war er außer sich. Soll als Informant aktiver FBI-Zuträger gewesen sein. Und als die Prozesse von Senator McCarthy wegen „unamerikanischer Umtriebe“ begannen, sagte er dort als Zeuge aus. Zugleich gilt es zu konstatieren, dass Walt Disney mit weit mehr als 800 Preisen und Auszeichnungen, darunter 1932 den „Ehren-Oscar“ für die Erschaffung der Micky Mouse, zu den am meisten dekorierten Künstlern des 20. Filmjahrhunderts zählt. Warum ein dermaßen ausführlicher kritischer Eingangsblick auf einen aktuellen Kinofilm von 2014?: Weil Walt Disney hier, verkörpert durch TOM HANKS, mitspielt. Und in dieser WALT DISNEY-PRODUKTION wird DER nur lieblich, freundlich, allseits beliebt und gütig dargestellt. Soll man ob dieser totalen personellen Lügen-Verniedlichung nun so sauer sein, dass man den Film abtut? Keineswegs.

Denn in „Saving Mr. Banks“ steht SIE im eigentlichen Mittelpunkt: die brillante, phantastische, hinreißende zweifache „Oscar“-Preisträgerin EMMA THOMPSON in der Rolle der P.L. TRAVERS (9.8.1899 – 23.4.1996). Pamela Lynwood Travers, mit bürgerlichem Namen Helen Lynwood Goff, war eine australische Schriftstellerin, die seit 1934 durch ihre Kinderbücher um das magische Kindermädchen MARY POPPINS Weltruhm erlangte. Natürlich hat dabei dann auch die gleichnamige Disney-Verfilmung von 1964 eine weitere maßgebliche Popularitätsrolle mitgespielt. Das Musical „Mary Poppins“ (s. Kino-KRITIK) wurde mit 5 „Oscars“ bedacht und gilt bis heute als einer der schönsten klassischen Disney-Spielfilme. Bevor es aber zur filmischen Adaption kam, gab es lange und zähe Auseinandersetzungen. Beginnend Anfang der Sechziger Jahre. Zwischen der störrischen, außerordentlich selbstbewussten und mit jedem Haar britischen Lady und dem guten Onkel „Ami“-Walt. Der endlich diesen literarischen Stoff kaufen und verfilmen will. Aber eben die Rechte nicht besitzt. Davon handelt der Film. Erstens. Dem es überzeugend gelingt, diese authentische Geschichte darstellerisch vorzüglich und in der Hauptrolle exzellent zu erzählen.

Mit einer köstlich „neurotischen“ Emma Thompson („Viel Lärm um Nichts“; „Sinn und Sinnlichkeit“; „Eine zauberhafte Nanny“), die als „britische Märchentante“ körpersprachlich herrlich bärbeißige Pointen setzt. Ihr „Anschauwert“, ihre Ausstrahlung ist enorm. Besitzt darstellerische Meisterklasse. Als P.L. Travers bewegt sie sich aus Geldnot überhaupt erst in Richtung Disneyland, um dort als „britische Furie“ für vielschichtige, vielzählige und dabei äußerst unterhaltsame Kulturschocks zu sorgen. Zweitens, aber auch: Die psychologische Ich-Komponente und titelgebende Rückblende des berührenden Films. Um die private Person von P.L. Travers. Denn hinter den Mary Poppins-Geschichten von ihr versteckt sich eine Hymne und Würdigung an ihren früh verstorbenen Vater. Einem liebevollen, aber lebensuntauglichen und dauerhaft melancholischen Alkoholiker, der seine kleine junge Tochter Helen (ebenfalls brillant: die 11jährige Australierin ANNIE ROSE BUCKLEY) mit viel Phantasie füllte, dabei aber die Familie in der australischen Einöde existenziell nicht ausreichend zu unterstützen in der Lage war. Ein kurzzeitig in einer Bank arbeitender Tagträumer mit viel Tunichtgut-Charme (COLIN FARRELL), der sich schließlich selbst zerstörte. In der Figur des Bankers George Banks und seiner überforderten Ehefrau und Mutter Winifred finden wir in den „Mary Poppins“-Geschichten die Eltern (und insbesondere den überaus geliebten Vater) von P.L. Travers wieder. Die die Erziehung ihrer Kinder lieber Nannys überlassen. Was schließlich „zum ulkigen Besuch“ von Mary Poppins führt. Und so wird hier auch wie nebenbei feinfühlig die Basis von der Entstehung von Kunst miteingeflochten. Vermittelt.

Wir vernehmen von den vielen seelischen Verletzungen während der Prägephase „Kind“. Die hier dann zur späteren literarischen Auf- und Verarbeitung führen. Regisseur John Lee Hancock, 56, vermag dies auf angenehme unangestrengte Weise leise und wunderbar sensibel aufzublenden. Sein vierter Kinofilm, nach dem Sportler-Drama „Die Entscheidung – Eine wahre Geschichte“/2002, dem patriotischen Remake-Flop „Alamo“/2004 und seinem ersten Hit „“Blind Side – Die große Chance“/2009 („Oscar“ für Sandra Bullock), ist eine HERZliche Retrogeschichte mit einer überragenden und grandios „wirkenden“ Diva EMMA THOMPSON. Die, wie sagt man so gerne, jeden Eintritts-EURO voll wert ist (= 4 PÖNIs).