Mr. Turner

MR. TURNER – MEISTER DES LICHTS“ von Mike Leigh (B + R; GB/Fr/D 2013; K: Dick Pope; M: Gary Yershon; 149 Minuten; Start D: 06.11.2014).

Über den heute 71jährigen britischen Allrounder und feste Größe des Weltkinos MIKE LEIGH weitere Lobeshymnen zu verfassen, wäre sicherlich erneut angebracht, dennoch verweise ich diesbezüglich (und platzsparend) auf seine letzten Werke wie „Another Year“ (s. Kino-KRITIK), „Happy-Go-Lucky“ (s. Kino-KRITIK), „Vera Drake“. Vielmehr ist es mir ein außerordentliches Anliegen und „erhebliches“ Vergnügen, endlich einmal IHN anzupreisen. Ihn, DEN wir seit vielen Jahren oft – in beeindruckenden Nebenrollen – erlebt und dennoch nie so „richtig“ wahrgenommen habe. Wie endlich HIER.

Als „Mr. Turner“ füllt TIMOTHY SPALL, geboren am 27. Februar 1957 in London, SEINE BÜHNE. Im wahrsten Sinne des Körper-Wortes. Diesen bulligen, pausbäckigen, mit knittrigem Pokerface ausgestattetem und immer so reiz-intensiven Kerl kennen wir vor allem als Peter Pettigrew, auch genannt „Wurmschwanz“, aus der Harry Potter-Filmreihe. In „The King’s Speech“ war er als Winston Churchill präsent. (Wie auch mit diesem Part bei der Schlussfeier der Olympischen Sommerspiele 2012). Seit 1999 trägt der britische Charakter-Mime der britischen Verdienstorden „Order of the British Empire“. Auf den Frühjahrs-Filmfestspielen in Cannes wurde TIMOTHY SPALL für seine Hauptrolle in „Mr. Turner“ als „Bester Darsteller“ ausgezeichnet. Und völlig zu Recht gefeiert.

WILLIAM TURNER. Geboren am 23. April 1775 in London; gestorben am 19. Dezember 1851 in Chelsea, London. Das Lexikon registriert nüchtern: Britischer Maler, führender Vertreter der Romantik, gehört zu den größten englischen Künstlern. JOSEPH MALLORD WILLIAM TURNER war ein Gigant unter den Künstlern seiner Epoche. Er war zielstrebig und kompromisslos; außerordentlich produktiv, visionär in seinem Handwerk, ein Meister der Gestaltung von Licht. Und seinem Lieblingsmotiv: dem Meer. Turner gierte nach intensiven Natur-Erfahrungen. Als Mensch liebte er Unausstehlichkeit. Er war exzentrisch, anarchistisch, verletzlich, unberechenbar, mitunter gerne ungehobelt. Eine typische Künstler-Zwiespalt: Balancierend zwischen bösartig und sanftmütig. Leidenschaftlich wie poetisch. Immer aufgewühlt. Fasziniert von den Errungenschaften der Industrialisierung, wie der Fotografie und der Eisenbahn. Und eben von den vielen, die Seele streichelnden Errungenschaften des Lichts. Zuletzt als mächtiger Brummbär mehr grunzend denn wortreich „wütend“ kommunizierend.

Heute werden für seine Bilder auf Auktionen schon mal bis zu 30 Millionen EURO bezahlt.

Drehbuch-Autor und Regisseur Mike Leigh interessiert kein Biopic, nach dem Motto – der Herr Künstler hat dies und das chronologisch (durch-)gemacht, sondern ihn interessiert der Mensch. William Turner. Als wir ihm erstmals begegnen, befinden wir uns bereits im Jahr 1826. Turner ist ebenso renommiertes wie „berüchtigtes“ Mitglied (und Professor) der „Royal Academy“. Er lebt mit seinem geliebten Vater William (Paul Jesson) und seiner ihn still und zumeist stumm verehrenden Haushälterin Hannah Danby (DOROTHY ATKINSON) in London. Der Egomane, der keinerlei Autoritäten anerkennt, ist viel unterwegs, hält sich ebenso genussvoll bei Adligen wie in Bordellen auf. Lässt nichts aus, um dem Phänomen der Wahrnehmung „auf die Schliche“ zu kommen. Etwa, wenn er sich bei einem eisigen Schneesturm an einen hohen Schiffsmast binden lässt, um das Unwetter später so authentisch wie möglich malen zu können. Ganz besonders interessiert ihn: LICHT. Deshalb zieht es ihn immer wieder in die malerische Küstenstadt Margate. Wo er bei der zweifachen Witwe Sophia Booth (MARION BAILEY) eine Freundin, Seelenverwandte und „endgültige“ Geliebte findet.

„Wenn ich mich im Spiegel betrachte, sehe ich das Gesicht eines Scheusals“: Mr. Turner in Ekstase. Den Rücken zur Kamera/zu UNS hin stehend, beide Hände verschränkt „arbeitend“, voller Gefühlswallungen, die er sich aber nur „alleine“ gestattet, dann und wann mal „herauszukommen“. Mike Leigh & Timothy Spall malen Gedanken- und Tiefen-Bilder. Auf der ununterbrochen Augen-reich und Sinne-betörenden voll & prall gefüllten Leinwand. Der Film bewegt sich selbst wie in ständigen Gemälden. Wirkt kostbar wie vergnüglich und sagenhaft atmosphärisch unter dem Scharfblick des Film-Künstlers und des massigen Exzentrikers, von dem ein Gemälde gerade von Königin Viktoria in der „Royal Galerie“ arg verhöhnt wurde. Und der sich von den eitlen Kommentaren einer Kunst- und Lobby-Schickeria angewidert fühlt, sie aber öffentlich gelassen erträgt.

DER FILM IST EIN EREIGNIS: Keine Kunst-Theorie, sondern praktische Voll-Kunst. Visuell atemberaubend. Im Sinne von Picasso: KUNST WÄSCHT DEN STAUB DES ALLTAGS VON DER SEELE. Ein brillanter Film des wunderbaren Reichtums. Voller nachempfindbarer Lust. Mit einer „malenden“ einzigartigen Kamera von Mike Leighs Lieblings-Kameramann DICK POPE („Oscar“-Nominierung für „The Illusionist“ /2006). In Architektur und Landschaft. Und mit eben diesem Pracht-Exemplar von einem Menschen. Der sich gesellschaftlich organisierte und dabei doch stets frei blieb. Als ihm Joseph Gillott (Peter Wight), Hersteller von Schreibfedern und reicher Kunst-Mäzen, die ungeheure Summe von 100.000 Pfund für sein Gesamtwerk anbietet, lehnt Turner ab. Er sieht seinen Nachlass vielmehr in den frei zugänglichen Galerien seines Landes.

Sensationell: TIMOTHY SPALL in der Rolle seines Lebens. Sein “Mr. Turner“ ist eine phantastische Darstellung, die sagenhafte Performance eines Vollblut-Schauspielers. In einer Wahrhaftigkeit, Direktheit, Lebendigkeit, Reizbarkeit, dass man völlig vergisst, es hier mit einem KINO-SPIEL zu tun zu haben. Verdiente Lobeshymnen: Charismatisch, präsent, speziell. Immens angehend. Spannend. So aufwühlend „weg“ war ich schon lange nicht mehr im Parkett. Ein Meisterstück (= 5 PÖNIs).