Monsieur Claude und seine Töchter

MONSIEUR CLAUDE UND SEINE TÖCHTER“ von Philippe de Chauveron (Co-B + R; Fr 2013; Co-B: Guy Laurent; K: Vincent Mathias; M: Marc Chouarain; 97 Minuten; Start D: 24.07.2014); ich nehme ansonsten nie Stellung zu Ansichten/Meinungen von Kollegen/Innen, aber diesmal doch ganz kurz: Wenn ein ausgewiesener UNTERHALTUNGSFILM es vermag, durch politische Unkorrektheit nicht nur gut zu amüsieren, sondern auch innerhalb dieser Performance für freche Toleranzgedanken zu sorgen, dann ist das Unterhaltungsziel mit Köpfchen und Pfiff prima erreicht.

„Die neue Multikulti-Erfolgskomödie aus Frankreich fährt einen Kuschelkurs und meidet die echten Reizthemen“, heißt es in der Überschrift zur Kritik im ´Film-Dienst´“ (Ausgab 15/2014). Echt, na und? Ein Thesenfilm ist ein meist langweiliger, trockener, belehrender Botschaftsfilm. Eine Komödie ist eine gute Komödie, wenn sie es schafft, in einem Spaß vergnüglich gesellschaftliche Vorurteile, zum Beispiel „den bürgerlichen Rassismus“, augenzwinkernd offen zu attackieren. Wie hier. „Qu´est-ce qu´on a fait au bon Dieu?“ / „Was haben wir dem lieben Gott bloß getan“? / „Monsieur Claude und seine Töchter“ ist ein prächtig durchtriebenes französisches Vergnügen. Und – endlich – ein würdiger Nachfolger für Pointen-Hits wie „Willkommen bei den Sch’tis“ und „Ziemlich beste Freunde“.

Wir befinden uns bei den Gut-Gutbürgerlichen. Also nicht bei den Vorstädtern, sondern bei der gesellschaftlichen Mitte-Elite. Bei Claude und Marie Verneuil. Sie leben großzügig. In einem hochherrschaftlichen Anwesen im Loire-Tal. Sind bekennende Katholiken und auch „Gaullisten“. Wie Monsieur, der erfolgreiche Notar, gelegentlich zu erwähnen pflegt. Das schöne „Pech“: Madame und Monsieur haben vier prächtig entwickelte Töchter. Ausgestattet mit eigenem Willen. Und dieser, also der jeweilige Liebes-Wille der Töchter, hat dazu geführt, dass sich drei Mädels bereits „unstandesgemäß“ vermählt haben: Mit einem Juden, mit einem Araber sowie mit einem Asiaten (Chinesen). Kein „braver Katholik“ weit und breit. Deshalb, siehe Originaltitel, stoßen die fassungslosen Eltern schon mal diesen Spruch heraus. Man kann sich mit den Partner-Entscheidungen ihrer doch eigentlich „wohlerzogenen“ Töchter einfach nicht abfinden. Was bei familiären Begegnungen schon zu einigen heftigen, sprich saukomischen Gemein-Gesprächen, also Diskussionen, führt.

Monsieur Claude sieht sich auf gar keinen Fall als Rassisten, betrachtet aber solch „geballte migrante Ehemänner-Ladung“ eher dauer-skeptisch. Was zu ganz schönen Missgeschicken und delikaten Katastrophen führt. Etwa beim jüdischen Beschneidungsritual, etwa bei den ebenso offensiven wie speziellen Äußerungen über Wertebetrachtungen bei Tisch oder wenn ein Familienessen gar zu einer „Sitzung der Liga gegen Rassismus und Antisemitismus“ ausartet. Wie Monsieur behauptet. Doch noch gibt es Hoffnung. Auf wenigstens EINE „Normalität“. Stichwort: Die jüngste Tochter. Das ausgereifte Nesthäkchen Laure. Sie kündigt nun ebenfalls einen kommenden Ehe-Partner an. Und: er ist – zur Freude des Papas – ein angekündigter Katholik. Allerdings „vergisst“ Laure dabei mitzuteilen, dass ihr Auserwählter Charles von der Elfenbeinküste stammt. Ein Schwarzer ist. Jetzt bricht die Überforderung aus. Bei allen. Die Folge: Handfeste wie intrigante Hinterlistigkeit. Komische Chaos-Komik, wohin man schaut. Und denkt. Nun aber auch beim Vater von Charles. Einem „extrem“ selbstbewussten Afrikaner. Und schwierigen Schwiegervater. Mit dem Monsieur schon mal skyped. Der mit den Weißen noch (s)ein Rassismus-Hühnchen zu rupfen hat. Demnächst. Wenn er mit seiner Muschpoke anrückt. Zu den Hochzeitsfeierlichkeiten. Der Trubel bewegt sich immer doller in Richtung satirische Spitze.

„Drei Kanaken, ein Schwarzer, für deine Eltern ist DAS schlimmer als Fukushima“, meint Charles einmal zu Laure spöttisch. In dieser Spaß-Art wird hier für verbale Denk-Stimmung gesorgt. Während die Bilder gen KINO-hafter Harmonie träufeln. Minus mal minus ergibt schließlich plus. Auf der nach oben offenen Schelmen-Skala. Populär sei Dank: Über das Genre der Komödie werden auf eine sehr direkte Art sehr heikle gesellschaftliche Themen angegangen. Ohne holzschnittartige Figuren, ohne erhobenen Zeigefinger, mit ironischem Tiefgang. „Monsieur Claude und seine Töchter“ ist eine lakonische Show. Motto: Multikulti ist ebenso normal wie eine spannende menschliche Bereicherung. Und: Vorurteile haben keine Chance, wenn man sie in ihrer ganzen Lächerlichkeit vorführt. Ad absurdum tretelt.

Spaß haben und dabei clever denken und komisch empfinden: Mehr als zehn Millionen Franzosen haben sich „Monsieur“ bisher in französischen Kinos angetan. Mit einem herrlich vital aufgedrehten CHRISTIAN CLAVIER, 62, der 1998 und 2002 als Asterix in den ersten beiden Comic-Realverfilmungen auch hierzulande für Heiterkeit sorgte („Asterix & Obelix gegen Cäsar“ + „Asterix & Obelix: Mission Kleopatra“) und DER hier als bourgeoiser Narr und Patriot einiges Herbes durchläuft, bis er kapiert: Es darf munter „multi“ getanzt werden. Eine köstlich unanständige französische Komödie (= 4 PÖNIs).