MITTERNACHTSSPITZEN

„MITTERNACHTSSPITZEN“ von David Miller (USA 1960; B: Janet Green, nach ihrem Bühnenstück „Matilda Shouted Fire“, sowie Ivan Goff; Ben Roberts; K: Russell Metty; M: Frank Skinner; Curly Howard; 108 Minuten; BRD-Kino-Start: 23.12.1960; deutsche Heimkino-„Blu ray“-Version: 7.12.2017); als ich ihn das erste Mal sah, war ich im festen Glauben, dieses elegante, wunderbar ausgestattete, feinfühlig-spannende Werk ist vom Meister himself, von Alfred Hitchcock. Diese erhabene, mysteriöse, psychologische Kunstfertigkeit, Bedrohung zu inszenieren; eine „schadhafte“ Blondine in gefährlichen Schwierigkeiten; dieses britische Selbstbewusstsein, selbst im schlimmsten Falle, „Haltung“ zu zeigen; diese unheimlichen Nachstellungen, bei denen man nie sicher ist, ob Kit Preston (DORIS DAY/deutsche Stimme: Edith Schneider) diese sich einbildet, also ob sie nicht vielleicht doch eine Macke hat, oder ob diese „Belästigung“ womöglich tatsächlich…, aber ja, wir vernehmen ja die gekünstelte Stimme eines Mannes, der ihr offensichtlich übel nachstellt. Doch für die Anderen, für ihre Umwelt, und momentweise auch für uns, wirkt sie in ihrer labilen Nervosität und mitunter „komischen“ Hysterie etwas überkandidelt, nicht wahr?

Natürlich wissen wir heute, dass dieses kleine, feine, süffisante, glänzend beeindruckende Meisterwerk der Spannung nicht von Hitchcock stammt, sondern vom US-Regisseur DAVID MILLER (28.11.1909 – 14.4.1992), der zweifellos hier auf Hitchcocks Premium-Spannungs-Spuren wandelte, und von dem zum Beispiel auch die Lustspiel-Köstlichkeit „Love Happy“, deutscher Kino-Titel: „Die Marx Brothers im Theater“/1950 (mit Marilyn Monroe in einem Nebenpart), stammt und der bereits 1938 für seinen Kurzfilm „Penny Wisdom“ mit einem „Oscar“ belobigt wurde.

Ferner ist die Freude immer wieder groß, die beiden hochkarätigen Hauptakteure zu genießen: DORIS DAY (am 3. April 2017 wurde sie 80) und Sir Reginald Carey „Rex“ Harrison alias REX HARRISON (5.3.1908 – 2.5.1990) – mit seiner hervorragenden deutschen „Britisch“-Stimme: Erich Schellow von den damaligen „Staatsbühnen“ in Berlin -, beide in den typischen Geschlechterrollen von damals: Sie, eine reiche Amerikanerin, Kit Preston, die prächtige Kleidung und gutes Benehmen schätzt und deshalb den seriösen britischen Geschäfts-Gentleman Anthony Preston geheiratet hat. Man lebt in London, die Hochzeitsreise gen Venedig ist in Vorbereitung. Vorher muss er noch ein paar „Geschäfte“ erledigen. Frau darf noch einige Momente „luxuriös-umsorgt“ warten.

Zwischenzeitlich beabsichtigt jemand, sie umzubringen. Mit einer fiesen Fistelstimme (brillant in deutsch: Klaus Miedel) setzt er sie zunächst unter erheblichem Hör-Druck. Ehemann und Polizei sind daraufhin auch besorgt.

Und auch ER taucht hier mit-auf: ANTHONY DAWSON (18.10.1916 – 8.1.1992), ein schottischer Mime mit extremer „Hackfresse“, der sich auch schon mal für Hitchcock an Grace Kelly in „Bei Anruf Mord“ 1954 „vergriff“. Und danach auch in drei Bond-Filmen („Dr. No“ / „Liebesgrüße aus Moskau“ / „Feuerball“) als – natürlich – Schurke mitmischte. 1970 trat er auch in Roland Klicks legendärem Deutsch-Western „Deadlock“ auf. Hier beabsichtigt er Doris Day = Kit meucheln, aber, soviel darf verraten werden, er kriegt das natürlich nicht „vollendet“. Damals (oft) eine Nebenfigur, heute eine schurkische Film-Legende, diese gute Fies-Type.

Und auch IHM begegneten wir schon in dem Hitchcock-Klassiker „Dial M for Murder – Bei Anruf Mord“: JOHN WILLIAMS, dort damals als Chefinspektor (Hubbard), hier („lediglich“) als cleverer Londoner Inspektor Byrnes, der vom Ober-Bösewicht einmal mehr völlig unterschätzt wird: „Ich glaube, der Ruf der britischen Polizei ist in der Welt zu Unrecht verpönt“. Seine deutsche Stimme wird ihm übrigens von damaligen deutschen Schauspieler UND Synchron-Sprach-Genie Siegfried Schürenberg verliehen; dessen „deutsche“ Sir John-Rollen in den folgenden Edgar Wallace-Krimi-Verfilmungen angelehnt waren an die lieblich-ironische Arroganz eines britischen Inspektor Byrnes.

Ein großartiger, weil exzellent entwickelter Edel-Klassiker aus dem Genre Kriminalfilm wird jetzt – in einer Super-Scope-Fassung auf Blu-ray – wieder-entdeckt: „Mitternachtsspitzen“, dieses Spannungs-Juwel ohne Leichen , besitzt viel prickelnde Hitchcock-Atmosphäre und liefert auch 2017 erneut brillant-„diskrete“ Thriller-Unterhaltung (= 5 PÖNIS).