MAGICAL MYSTERY ODER: DIE RÜCKKEHR DES KARL SCHMIDT

„MAGICAL MYSTERY ODER: DIE RÜCKKEHR DES KARL SCHMIDT“ von Arne Feldhusen (D 2016; B: Sven Regener; nach seinem gleichn. Roman/2013; K: Lutz Reitemeier; Christoph Iwanow; M: Deichkind; Carsten Meyer; Modeselektor; Patrick Reising; WestBam; Francesco Wilking; 111 Minuten); wir kennen Karl. Karl Schmidt. Im ersten Roman von Sven Regener (2001) und in dessen Verfilmung von Leander Haußmann (2003) – „Herr Lehmann“ (s. Kino-KRITIK) – tauchte er als Nebenfigur auf. Detlev Buck spielte damals sehr eindringlich diesen Lebens-Künstler aus Berlin, SO 36. Auch als Kreuzberg bekannt. Heuer mimt der aus Neustrelitz in Brandenburg stammende Carsten Johannes Marcus Hübner alias CHARLY HÜBNER den Karl Schmidt, während Detlev Buck den in die Jahre gekommenen „Blondling“-Techno-Star Ferdi besetzt. Buch und Film bilden quasi eine Fortsetzung von „Herrn Lehmann“.

Die Mitte-Neunziger Jahre. Die Einen sind Stuben-brav; die Anderen machen „Aufregung“. Genannt: Techno. Flippen gerne total aus. Es ist d e r Rhythmus ihres Lebens. Karl ist „beschädigt“ und sieht auch so aus. Stränige lange klebrige Haare, Bauch-rund, eine ungepflegte Masse Mensch. Aber offenbar inzwischen „ungefährlich“. Lebt nach fünfjährigem Aufenthalt in einer Nervenklinik Unterkunft in einer Drogen-WG in Hamburg-Altona. Karl hat seinen inneren Frieden gefunden. Sagt er glaubhaft. Geläutert. Bis er auf Alt-Kumpel Raimund (MARC HOSEMANN) trifft. Der hat – gemeinsam mit Techno-Oldie Fredi und über ihr Label „Bumm Bumm Records“ – Kohle ohne Ende gescheffelt. Angehäuft. Jetzt wollen sie auf Rave-Tour gehen. Mit Karl. Weil der nicht mehr säuft und auch keine Drogen mehr nimmt: „Du sollst uns nur fahren. Ein bisschen auf uns auf passen“, wird Karl geködert. „Wir brauchen wen für die Seele. Geld ist nicht alles“. Also trickst Karl seinen kotzigen Betreuer Werner (BJARNE MÄDEL) aus. Anstatt auf Kur in die Lüneburger Heide zu fahren, verschwindet er lieber in Richtung Berlin. Schließt sich dieser zehnköpfigen „Bumm Bumm“-Chaos-Truppe im 9 Personen-Kleinbus an. Bremen, Köln, München, Hamburg und Dortmund lauten die Ziele. Während die anderen zumeist zugedröhnt abfetzen, ‚rum-machen, am DJ-Pult auflegen und abhotten, putzt Karl den Transporter und pflegt zwei Meerschweinchen. Wird zwischen „den Tobenden“ zur väterlichen Ruhe-Station. Sogar für Ober-Macker Ferdi (Buck), der natürlich unterschwellig sich schon mal eifrig fragt, wie lange sich diese „Magie“ noch durchhalten lässt, mit diesem Hype und der vielen Kohle, und überhaupt: Ferdi will unbedingt diesen „Spirit“ und das volle „Hippe-Programm“ noch einmal durchziehen. „Bevor die andere Scheiße losgeht“. Schließlich tanzt er auf die 50 zu.

Es dröhnt. Es spukt. Es fiebert. Das ganze Anti-Programm. Was kostet die Welt, nein, wie koste ich die Welt aus. Ich, Pöni, habe zunächst einige Mühe, mich in diesem Dauer-Rotz einzufinden. DAS und DIE soll ich damals versäumt haben? Ja. Macht aber nichts: ES muss ja DIE und DIE geben. Ich war bei Denen halt. Zurück: Die knallharte Jodelei wirkt. Will sagen: Dieser Sog. Hinein in diese Film-Sucht. An ständiger Bewegung. Beim „reizenden“ Dauer-Spaß. Und permanentem Abfüllen. Bis kein Arzt kommt. Die Techno-Mucke kocht. Und dies riecht immer ansteckender durch. Anfangs noch höhnisch belächelt, entpuppen sich diese Kreuz- und Quer-Rüpel, pardon -Sich-Sättigende, als furiose Exoten. Wobei allerdings die meisten nur als mit-feierndes „Bedienungspersonal“ auftritt, während einige Wenige die totale Präsenz bekommen. Ganz vorne: Der sagenhafte Oldie-Kobold DETLEV „Ferdi“ BUCK, der sich ja immer wieder diese (Regie-)Pausen gönnt, um für das deutsche Lichtspiel nette, erfolgreiche Kinder- und Tiere-Filme zu drehen („Bibi & Tina“ x 4), der aber hier die volle innere Sau als Darsteller-Bombast herauslassen darf. Als Macker-Clown par excellence. Und, noch vor ihm und d i e eigentliche Leinwand-Überraschung: CHARLY HÜBNER, mehr im Fernsehen („Polizeiruf 110“) als im Kino zuhause, kriegt die lässig-lakonische „Dröhnung“ Karl wunderbar hin. Was eingangs „bekloppt“ ausschaut, wirkt und überzeugt bald als sensationelle Seelen-Power eines sympathischen Outlaws. Der, stoisch bis zum Weiter-Machen, seine „schlimme“ Tour-Family zusammenhält und dabei neue eigene Freude(n) spürt. Was für eine hammer-schöne Ausstrahlung von einer „Kaurismäki“-ähnlichen Menschen-Type.

Natürlich der Regisseur: ARNE FELDHUSEN, Jahrgang 1971, aus Rendsburg. Der hat uns schon 2014 zum besseren Lachen gebracht; mit „Stromberg – Der Film“ (s. Kino-KRITIK). Wie er hier im wahrsten Sinne und Sinnlichkeit „Atmo“ zusammen-raved, ist die brachiale Wucht. Mit seinem zweiten Spielfilm verbreitet er ganz viel heißen Spaß-Dampf, der locker-schnoddrig be-rauscht (= 4 PÖNIs).