LOVING

„LOVING“ von Jeff Nichols (B + R; GB/USA 2015; inspiriert durch den Dokumentarfilm „The Loving Story“ von Nancy Buirski aus dem Jahr 2011; K: Adam Stone, M: David Wingo; 124 Minuten); die Pressevorführung fand schon im Januar statt, weil der Kino-Start für den 23.2.2017 vorgesehen war. Doch dann hieß es, nein, Kino-aus, der Film wird gleich – am 25. Mai – auf dem Heimkino-Markt platziert. Dann wieder Umkehr, jetzt doch erst der Leinwand-Start. Man darf sagen, gut so, denn dieser Film, der im Vorjahr bei den Filmfestspielen von Cannes im Wettbewerb auffiel, hat es verdient, auch hierzulande im Kino vorgestellt und beachtet zu werden.

Schließlich stammt er von JEFF NICHOLS, der mit seinen ersten vier Filmen durchgängig für neugieriges, spannendes Außenseiter-(Independent-)Kino sorgte und weltweit viel (Festival-)Beachtung fand: „Shotgun Stories“ (2007); „Take Shelter – Ein Sturm zieht auf“ (2011/s. Kino-KRITIK); „Mud – Kein Ausweg“ (2012/s. Heimkino-KRITIK) sowie zuletzt „Midnight Special“ (2016/s. Kino-KRITIK). Jeff Nichols, am 7. Dezember 1978 in Little Rock, Arkansas, geboren, interessiert sich für heimatverbundene Menschen-Themen und deren „Orts“-Geschichten. Wie hier.

Richard Loving  und Mildred. Sie lernen sich in den Fünfziger Jahren in Virginia kennen und lieben. Alles wie normal? Keineswegs. Denn im Staate herrscht immer noch das so genannte „Racical Integrity Act“, ein Rassengesetz, das gemischt-rassige Eheschließungen unter Strafe stellt. Richard ist weiß, sein Frau schwarz. Die Beiden heiraten trotzdem und werden fortan vom rassistischen örtlichen Sheriff und seinen stupiden Adlaten verfolgt.

Um es gleich klarzustellen: „LOVING“ ist kein politischer Ausrufungszeichen-Film, mit bösen Details und lautstarken Verkündigungen und emotionalen Ausbrüchen, sondern Jeff Nichols geht es vielmehr darum, eine „einfache“, aber wahre amerikanische Geschichte ruhig und dank hervorragender Darsteller sehr kopf-spannend wie besonnen zu erzählen. Mit einer Art interner schleichender Immer-Mehr-Wut. Vom ersten Moment an geht es „nur“ um den Wunsch zweier Menschen, zusammen sein zu können. Zusammen leben zu dürfen. Ihre Nähe ist absolut diskret, basiert auf gegenseitigem Vertrauen und großer Zuneigung. Das Ehepaar wird verhaftet  und verurteilt, den Bundesstaat zu verlassen. Sie ziehen nach Washington, D.C., wo besonders Mildred unter Heimweh leidet. Als sie schließlich 1964 ein Gesuch an den Generalbundesanwalt Robert F. Kennedy schreibt, kommt „ihr Fall“ ins rechtliche Rollen.

Keine stereotypen Bilder des amerikanischen Rassismus in jenen Jahren. Viel mehr blickt Jeff Nichols auf ihn in eher beiläufigen Dialogen, Blicken, Alltagssituationen, was die Wirkung, besser: Auswirkungen um so deutlicher werden lässt. Bewundernswert wie Mildred und Richard Loving immer darauf achten, als Paar und nicht als Mitleidfiguren oder Ankläger wahrgenommen zu werden. Sie wollen nur „normal“ leben und müssen unglaublich viele (Um-)Wege gehen, bis dies möglich werden soll. RUTH NEGRA, die für ihren Part als Mildred eine „Oscar“-Nominierung bekommen hat, und ihr fast schon beängstigend unaufgeregt auftretender Richard Loving-Partner JOE EDGERTON (zu seinen bekanntesten Rollen gehört die des Owen Lars in den beiden „Star Wars“-Episoden II und III) zeigen sich als stille Helden vom Feinsten: Ihnen geht es nicht um den großen Unrechts-Kampf, sondern um die ganz simple, selbstverständliche Gerechtigkeit, um die Anerkennung ihres privaten Glücks.

Fazit: Die unterhaltsame Solidarität an und mit diesem wunderbaren Menschen-Film ist enorm, „Loving“ hinterlässt kluge wie emotionale Gedanken-Spuren (= 4 PÖNIs).