Die letzte Kriegerin – Das neuseeländische Kino

Die letzte KriegerinDIE LETZTE KRIEGERIN“ von Lee Tamahori (Neuseeland 1994; B: Riwia Brown; nach dem Debüt-Roman „Once Were Warriors“ von Alan Duff/1991; K: Stuart Dryburgh; M: Murray Grindlay, Mirray McNabb; 99 Minuten; Start D: 14.09.1995).

1981: Filmfestspiele in Cannes. Zu den großen internationalen Entdeckungen zählt das Filmland Neuseeland. Dabei wurde auf dieser Inselgruppe schon 1896 die erste Filmvorführung organisiert. 1898 wurde dort der erste Film gedreht und 1916 mit “The Test“ der erste Spielfilm realisiert.
Allerdings: Hätte damals, 1981, in Cannes, nicht die Filmredaktion des ZDF reagiert und 6 Werke des jungen neuseeländischen Kinos eingekauft und seinen Zuschauern im Herbst 1982 vorgestellt, wäre dieses innovative, spannende Kino auch weiterhin hierzulande ziemlich unbekannt geblieben. So aber waren Filme wie “Mach‘s gut, Pork Pie“ von Geoff Murphy und
“Schlafende Hunde“ von Roger Donaldson plötzlich im cineastischen Gespräch. Übrigens: Die beiden Regisseure, Geoff Murphy und Roger Donaldson, gehören heute zum guten Personal in Hollywood! Während Filme aus und Co-Produktionen mit Neuseeland: heute zum internationalen Tages-Filmgeschäft gehören. Siehe Jane Campions Meisterwerk. “Das Piano“ und siehe auch „Heavenly Creatures“ von Peter Jackson, der im Frühjahr dieses Jahres leider viel zu wenig beachtet wurde. Jetzt taucht in unseren Kinos ein bereits 2 Jahre alter neuseeländischer Film auf, der inzwischen nicht weniger als 19 internationale Preise bekam: “DIE LETZTE KRIEGERIN“.

Das Spielfilmdebüt des 43jährigen Malers, Fotografen und ehemaligen Werbefilmers Lee Tamahori basiert auf dem Roman “Once Were Warriors“ von Alan Duff. Und “ONCE WERE WARRIORS“, “Es waren einmal Krieger“, ist dann auch der Untertitel des Films. Thema: Eine Familien-Geschichte im Ghetto. Am Anfang allerdings sieht alles noch ganz passabel aus: Wälder, Wasser, Weiden, unberührte Natur. Der gewohnte Postkartenblick auf Neuseeland kommt hier aber nur von einem großen Plakat. Dahinter: Beton und Schrott. Und Lärm. Viel Dauer-Lärm.

Die Szenerie: Ein typischer Großstadtdschungel. In dem leben die Maoris, die früheren Ureinwohner. Sie wurden “zivilisiert“. Sie wurden eingemeindet und gleich-, also “ruhig“ gestellt. Einzig die eigenartigen Tätowierungen an einigen männlichen Körpern zeugen manchmal noch von der Vergangenheit. Ansonsten: Viele Maoris vegetieren am Rande der Gesellschaft. So wie Beth und Jake. Sie sind seit 18 Jahren verheiratet. Sie haben 5 Kinder und hausen in einem heruntergekommenen Haus in der Nähe der Autobahn. Die Beziehungen innerhalb der Familie sind längst brüchig geworden. Jake, wieder einmal arbeitslos, hockt die meiste Zeit mit Kumpels saufend in der Kneipe. Abends zieht dann die ganze Meute in sein Haus, um weiter zu feiern. Jake ist ein aggressiver Typ, der seine Frau des Öfteren im Suff verprügelt. Beth hat bislang alle Schläge ausgehalten. Sie bemüht sich nach Kräften und meistens ohne jede Unterstützung die mehr und mehr auseinander brechende Familie zusammenzuhalten. Als aber ein Sohn ins Heim gesteckt und ihre Tochter Grace von einem Familien-Mitglied vergewaltigt wird, begehrt sie auf. Zieht Bilanz und einen Schlussstrich.

“Die letzte Kriegerin“ oder; Szenen einer Maori-Ehe. Im Mikrokosmos einer neuseeländischen Familie spiegeln sich die Probleme einer ganzen Gesellschaft. Und speziell: Das Dilemma vieler Maoris im eigenen Land. Der Film ist ein hintergründiges wie brutales Familien-Drama, das mit viel Deutlichkeit und Härte packt und argumentiert.

Rena Owens und Temuera Morrison überzeugen in den schwierigen Hauptrollen und vermeiden jedwede Klischeezeichnung. Sind, sehr dicht und nahe an ihren Figuren dran und lassen durch ihre “Echtheit“ ebenso ‚erschrecken‘ wie ‘berühren‘. Wegen seiner rüden Sprache und Bilder wurde; der Film zuhause in Neuseeland heftig attackiert und diskutiert. Nichtsdestotrotz traf er offensichtlich den Nerv vieler Leute, denn er erreichte in Neuseeland mehr Zuschauer als jeder andere Film überhaupt und überrundete in der Publikumsgunst sogar den amerikanischen Mega-Hit “Jurassic Park“ von Steven Spielberg. Doch das ist verständlich, denn in “Die letzte Kriegerin“ geht es nicht nur um ein Einzelschicksal, sondern auch um die verlorene Identität eines ganzen Volkes und um das Selbstverständnis eines Landes im Umgang mit der eigenen Geschichte und Kultur.

“Die letzte Kriegerin“ von. Lee Tamahori ist Anklage und Schock zugleich und wirkt auch in unseren Breitengraden noch lange nach (= 4 ½ PÖNIs).