La Isla minima – Mörderland Kritik

LA ISLA MINIMA – MÖRDERLAND“ von Alberto Rodriguez (Co-B + R; Spanien 2014; Co-B: Rafael Cobos; K: Alex Catalán; M: Julio de la Rosa; 105 Minuten; Start D: 04.08.2016); 2015 war es ein argentinischer Spielfilm, der von mir zum „besten Kinofilm des Jahres“ gekürt wurde, „Wild Tales – Jeder dreht mal durch“ (s. Kino-KRITIK), in diesem Jahr wird mit Sicherheit dieser großartige spanische Thriller mit-dazuzählen.

Es muss ja nicht immer die bedrohliche Sumpflandschaft am Mississippi oder in Louisiana sein (= wo „True Detective“ angesiedelt ist), wohin sich Aufklärer begeben, wenn sich Schreckliches ereignet hat, auch das Marschland am Unterlauf des Guadalquivir im Süden von Spanien, mit seinen verzweigten Flusslandschaften, hat „so seine“ geheimnisvolle und außerordentlich „prekäre“ Stimmung. Ab der ersten Minute = sensitive Wirkung. Toll.

Dort: Andalusien, Herbst 1980. Diktator Franco ist seit fünf Jahren tot, die Demokratie zwei Jahre alt. Zwei Kriminalbeamte aus Madrid werden hierher beordert, in ein kleines „mürrisches“ Dorf, wo die politische Wende zwar zur Kenntnis genommen, aber längst noch nicht angekommen, angenommen, ist. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes machen zu schaffen. Ein Streik signalisiert die Änderung. Aber noch herrschen auch „die Fürsten“ als Bestimmende. Arbeit-Geber genannt. Wollen sich ihre Privilegien nicht nehmen lassen. Unruhige Zeiten. Lässt auch die melancholisch-spannende Musik vermuten, die angenehm Unheilvolles leise wie dauerhaft verspricht.

Zwei junge Schwestern sind verschwunden, der örtliche Polizeichef ordnet Diskretion wie schnelle Aufklärung an. „Sie wissen überhaupt nicht wie die Dinge hier laufen“, lautet das ablehnende Motto, wenn Juan, der ältere Kollege mit düsterer Franco-Vergangenheit (JAVIER GUTIÉRREZ), und Pedro, sein aufstrebender jüngerer Kommissar-Partner (RAÚL ARÉVALO), ermitteln. Als sie die Leichen der beiden hingerichteten Mädchen im Wasser finden, stellt sich bald heraus, dass diese nicht die einzigen Opfer sind. Offensichtlich ist in der Region seit geraumer Zeit ein Serienmörder „unterwegs“. Dabei nutzt er das Bestreben junger Frauen aus, möglichst schnell von hier wegzukommen. Weg von dieser Einöde, der Armut und der Unterdrückung. Doch die Ermittlungen erweisen sich angesichts der bockigen Einwohner als schwierig. Zudem herrscht hier die Bakschisch-Regel: Eine Hand wäscht die andere. Informationen gegen „was“. Die beiden Polizisten, die sich anfangs zuwider sind, nähern sich an: Auch mit den und über ihre ruppigen Methoden, wenn es darum geht, voranzukommen. Bei diesem fiesen Fall.

An-Spannung von der ersten Sekunde an. Erst außen: Mit diesen „Merkwürde“ versprechenden kargen wie schönen Landschaftsbildern aus der Vogelperspektive. Dann innen: Aus der Nähe betrachtet stehen die Signale auf „stillen Sturm“. Ohnmacht und Wut. Fremde, lasst uns in Ruhe. Wir kommen schon alleine klar. Ihr habt uns gerade noch gefehlt. Erst als die toten Mädchen gefunden sind, können Juan & Pedro ihrer kriminalistischen Spür-Arbeit „richtig“ nachgehen. Buchstäblich: Wühlen im Schmutz. Auch im politischen. 37 Jahre Diktatur lassen sich nicht so einfach und verordnet abhaken. Auch – und gerade nicht – unter den beiden Staatsdienern.

Ein aufwühlender Thriller. Bisweilen an die atmosphärischen (schwarz-weißen) französischen Unterweltsfilme der Nachkriegszeit erinnernd. Von wegen Trümmer. An Gebäuden wie in den Menschen. Und an Melville: Zwei eigenwillige Terrier beißen amtlich. In einem Dickicht aus Verschwiegenheit, Angst und Herrschaftsgier. Mit den süffisanten politischen Zeit-Zeichen: Nichts ist vertrauenswürdig, vieles trügerisch. Während im Hintergrund die flotten Töne des Disco-Hits „Yes Sir, I Can Boogie“ vom Gesangsduo „Baccara“ trällernd betäuben.

Diese beiden hervorragenden Hauptdarsteller, Gegensätze-pur: JAVIER GUTIÉRREZ & RAÚL ARÉVALO als System-Träger im Spanien von 1980 sind ein charakter-tiefes, beeindruckendes, herausragendes Team-Erlebnis.

Co-Autor und Regisseur ALBERTO RODRIGUEZ, bei uns bekannt durch seine Filme „7 Jungfrauen“ (kam am 9. November 2006 in unsere Kinos) sowie „Kings oft he City“ (hatte am 6. Juni 2013 Heimkino-Start), schuf ein Spannungs-Meisterstück. Sein Film war 2014 in Spanien der viert-erfolgreichste Kinofilm; bekam im Jahr darauf 14 „Goya“-Nominierungen, die spanischen „Oscars“, und gewann 10; darunter für >Film, Regie, Javier Gutiérrez, Kamera, Drehbuch und Musik. Ebenfalls 2015 bekam „LA ISLA MINIMA – MÖRDERLAND“ den Publikumspreis beim „Europäischen Filmpreis“.

Zweifellos: Der aktuelle Kino-Sommer kann mit einem überragenden Spannungs-Volltreffer aufwarten (= 4 ½ PÖNIs).