KÖRPER UND SEELE

„KÖRPER UND SEELE“ von Ildikó Enyedi (B + R; Ungarn 2016; K: Máté Herbai; M: Ádám Balázs; 116 Minuten); die andere Seite des Kinos; der cineastische Blick, das faszinierende ausdrucksstarke Spiel mit der Körper-und Symbol-Sprache. „Körper und Seele“ war der ungarische Vertreter für die Auslandsfilm-„Oscar“-Nominierungen in diesem Jahr und erhielt auf der diesjährigen Berlinale den Hauptpreis zugesprochen, den „Goldenen Bären“.

Eine Liebesgeschichte. Beginnend an einem krassen Ort, wo alles andere als eine „freundliche Atmosphäre“ herrscht: In einem ungarischen Schlachthaus. Wo Kühe in die Sonne blinzeln und wissen, was sie sogleich „erwartet“. Dort begegnen sich die introviertierte Maria (ALEXANDRA BORBÉLY), die neue Qualitätskontrolleurin, und Endre (GÉZA MORCSÁNYI), dem Leiter des Schlachthofs. Maria wird ob ihres „anderen“ Auftretens misstrauisch beäugt; sie bewegt sich seltsam steif, fast roboterhaft, hat einen starren Blick, gibt sich einsilbig, meidet jeden Kontakt mit den Kollegen/Innen. Eine Fremde an einem kalten Ort.

Zwischenschnitt. Des Öfteren. In einem winterlichen Wald treffen sie aufeinander, in dem sie sich offenbar alleine bewegen: ein stattlicher Hirsch und eine zarte Hirschkuh. Streifen gemeinsam zwischen den Bäumen, suchen unter dem Schnee nach Futter, trinken nebeneinander aus dem Bach. Eine eigenartige Ruhe breitet sich aus. Bilder eines wahren Friedens sind wahrnehmbar. Die Zweisamkeit einer Zuneigung. Frei und würdevoll. Im Einklang mit der friedlichen Natur. Die vollkommene Harmonie.

Er, Endre, der besonnene Zahlenmensch,  bemüht sich ruhig, sanft um sie, Maria. Sie kann damit nicht umgehen. Zunächst. Die junge Frau zeigt deutliche Anzeichen von Autismus und kann offensichtlich mit sozialen Beziehungen oder gar einer näheren Bindung nichts anfangen. Doch in ihren Augen „entdeckt“ Endre anderes. Als bei einer psychologischen Untersuchung innerhalb der Firmen-Belegschaft Fragen nach ihren Träumen gestellt werden, sind ihre Antworten identisch: Offenbar träumen sie beide jede Nacht denselben Traum: DEN von den beiden Paarhufern im Wald.

Die Effektivität. Eine „schlimme“, aber notwendige Arbeit wird gemacht. Vollzogen. Hart und – gefühlt – grausam. Tiere werden routiniert geschlachtet. Dann geht man in die Kantine und isst sich satt. Dann wieder zurück zur Arbeit. Hier soll eine berührende, ganz und gar empfindliche Beziehung von emotionaler Seelenverwandtschaft beginnen? Genau so ist es. Endre und Maria als „krasses“ Paar im profanen Alltag. Zaghaft und ergreifend. Erschütternd und poesievoll. Du kannst dir nicht aussuchen, wann und vor allem wo es passiert, dass dir „dein Mensch“ begegnet. Hier geschieht es an einem der traurigsten Orte überhaupt. Und „es“ wird wundervoll nahegehend und bildersprachlich überwältigend erzählt. Verfeinert wird diese beklemmend-visuelle und enorm emotionale Wirkung durch eine wundervoll zurückhaltende Darstellung durch die beiden Hauptdarsteller, deren eindringlich-spartanische Interpretation lange nachhallt.

Die zwei Ebenen des Kinos: das „fröhliche“ Sehen und das „innig-andere“ Dahinter-Empfinden; die 61jährige ungarische Autoren-Regisseurin ILDIKÓ ENYEDI , deren Erstling „Mein 20. Jahrhundert“ schon 1989 für hymnische Anteilnahme sorgte und beim Cannes-Festival damals die „Goldene Kamera“ bekam, wickelt uns subtil um den Gefühlsfinger, bindet uns mit-ein in diesen extrem grauen wie irritierend-zärtlichen Rhythmus eines schließlich, am Ende, schockierenden Poems und hinterlässt aufwühlende Momente des Gegen-Kinos (= 4 1/2PÖNIs).