INNEN LEBEN

„INNEN LEBEN“ von Philippe Van Leeuw (B + R; Belgien/Fr/Libanon 2016; K: Virginie Surdej; M: Jean-Luc Fafchamps; 85 Minuten); dieser Film tut – bewusst – weh. Ist angefertigt, um Schmerzen anzurichten beziehungsweise: nachvollziehen zu können. Seelische wie physische Schmerzen. Für mich war „InSyriated“, so der Originaltitel, der wichtigste Film der diesjährigen Berlinale, wo er im „Panorama“ lief und mit dem „Publikumspreis“ bedacht wurde.

Stell‘ Dir vor, draußen ist Krieg. Ekliger, widerwärtiger, laut hörbarer höhnischer gemeiner Krieg. Du hälst Dich in einer Wohnung im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses auf. In Damaskus, Syrien. Fünf abgedunkelte Zimmer, ein Bad, eine Küche. Gemeinsam mit neun anderen Personen. Alten wie jungen Menschen. Einige planen die Flucht, können aber wegen der Heckenschützen nicht weg. Immer wieder sorgen die Geräusche von Schüsse, Explosionen und Hubschrauberlärm für Ängste. Signalisieren ständig Bedrohung. Es gibt kein fließendes Wasser mehr, Strom und Telefon funktionieren nur zeitweise. Dein Heim ist zugleich auch Gefängnis. Ein junger Mann und Vater will einiges für die geplante Flucht von hier organisieren, geht nach draußen. Auf ihn wird geschossen, er bleibt gegenüber getroffen liegen. Die Hausherrin, die in dieser Enge bemüht ist, eine Art Alltag aufrechtzuerhalten, kriegt es mit, verbietet es aber, dies seiner jungen Frau mitzuteilen. Die wartet und hofft auf baldige Rückkehr ihres Mannes. Vehement ist die Patriarchin-hier, Oum Yazabn (eindringlich: HIAM ABBASS), weiterhin bemüht, eine Art Zivilleben innerhalb dieser kleinen Gemeinschaft und inmitten dieser Enklave weiterzuführen. Mit den „üblichen“ Ritualen: Tisch decken, gemeinsam Essen, der Großvater unterrichtet den Enkel, die Bemühungen, Wasser zu bekommen. Die Wohnung ist verbarrikadiert, dennoch können zwei Plünderer eindringen. Der Unmensch-Mensch ist eingetroffen.

Diese Bilder im Kopf. Die nicht mehr wegziehen wollen. Der belgische Drehbuch-Autor und Regisseur PHILIPPE VAN LEEUW, Jahrgang 1954, Kamera-Absolvent am „American Film Institute“, der 2009 mit dem Film „The Day God Walked Away“ debütierte, war, wie er im Presseheft erläutert, „sehr darum bemüht, in meiner Herangehensweise an Gewalt jegliche Nachsicht und jeglichen Voyeurismus zu vermeiden. Ich glaube, dass je weniger man sieht, desto besser. So dass man die fehlenden  Bilder im Kopf ergänzen muss. Nur dann kann jegliche Art von Emotionen, einschließlich Terror, wirklich über die Leinwand erlebt werden“. Und: „Unabhängig von der Katastrophe in Syrien und anderswo, ob heute oder in vergangenen Zeiten, möchte ich den Blick auf die Würde der zivilen Bevölkerung richten, die in modernen Kriegen mehr und mehr die Leidtragende ist“.

„Innen Leben“ erschüttert. Kämpft erfolgreich gegen „die Gewöhnung“, gegen die Abstumpfung durch die täglichen Medien-Bilder. Die wir halt zur Kenntnis nehmen, um dann wieder zu unserer friedlichen Tagesordnung überzugehen. Jetzt, wo man mit identifizierbaren „normalen“ Mitmenschen (wie eigene Nachbarn, Freunde, Bekannte) Augen-Sicht-Kontakt bekommt, konfrontiert wird, deren Körper spürt und Seelen liest, entstehen bei einem selbst wütende, betroffene, fassungslose Wut-Reaktionen. Um schließlich aufgebracht zu erahnen, was es heißt, traumatisiert zu sein oder zu werden. Um zu empfinden, was Krieg zwischen Menschen anrichtet und zerstört. Und plötzlich ist „Syrien“ gar nicht mehr so („beruhigend“) weit weg.

„INNEN LEBEN“: Was für ein aufwühlender, wichtiger, wirklich unter die Kopf- und Bauch-Haut stoßender Film (= 4 1/2 PÖNIs).