Ingmar Bergman

INGMAR BERGMAN zum 75. Geburtstag (14.7.95 für die RIAS-Rundschau am Morgen)

„Unser Sohn wurde am Sonntagmorgen, den 14. Juli, geboren. Er bekam sofort hohes Fieber und schweren Durchfall. Er sieht aus wie ein kleines Knochengerippe und hat eine große, feuerrote Nase. Er weigert sich hartnäckig, die Augen zu öffnen. Nach einigen Tagen hatte ich wegen meiner Krankheit keine Milch mehr. Da erhielt er hier im Krankenhaus die Nottaufe. Er heißt Ernst Ingmar“: Auszüge aus dem Tagebuch der Mutter von Ingmar Bergman, geschrieben im Juli 1918 in Uppsala.

Ingmar wuchs in einer streng evangelischen Familie auf. Der Vater war Pastor und Moralfanatiker. Die Kindheit in diesem erdrückenden Elternhaus war für den Jungen sehr belastend, die Konkurrenz zur jüngeren Schwester unerträglich. Auf erste prägende Erlebnisse mit Sexualität, Liebe und Tod folgt seine zunehmende Rebellion gegen die heuchlerische Idylle eines nur scheinbar intakten Familienlebens. Dann: Studium der Literatur und Theaterwissenschaft in Stockholm. Regie beim Studententheater an der Universität, Mitarbeit in experimentellen Amateurtheatern.

1944 fängt Ingmar Bergman, 26jährig, als Regisseur beim Stadttheater in Hälsingborg an. Als er 1945 zum Göteborger Stadttheater wechselt, bearbeitet er schon Drehbücher für die staatliche schwedische Filmindustrie. Die unternimmt große Anstrengungen, neue Talente zu ermutigen und zu fördern. Um 1945 inszeniert Ingmar Bergman auch seinen ersten Film. Titel: „Kris“. Ein Jahr darauf folgt „Es regnet auf unsere Liebe“, die düstere und dramatische Liebesgeschichte zwischen einem ehemaligen Strafgefangenen und einer verstoßenen schwangeren Frau. Die Jugend im verzweifelten Kampf mit einer grausamen und oft hoffnungslosen Erwachsenen-Welt, das ist das bestimmende Thema in den weiteren Filmen Bergmans der 40er Jahre. Dabei benutzt er als besonderes Kunst- und Stilmittel die Montage und lässt verschiedene Erzählungen einander beeinflussen und schließlich kreuzen: Eine damals noch sehr ungewöhnliche Erzählform im Kino, Anfang der 50er Jahre stehen die Probleme von Ehe und Beruf im Mittelpunkt von Filmen wie „Einen Sommer lang“, „Sehnsucht der Frauen“, „Abend der Gaukler“ oder „Das Lächeln einer Sommernacht“. 1956 entsteht „Das 7. Siegel“; und mit diesem Film beginnt Ingmar Bergman mit seinen bohrenden Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach Gott, nach dem Selbstverständnis des Menschen. Meisterwerke wie „Wilde Erdbeeren“, „Die Jungfrauenquelle“ und „Wie in einem Spiegel“ entstehen. Die Themen dabei sind für die damalige Zeit ebenso provokant wie riskant: Die existentielle Not des Menschen, der Tod und vor allem: die Sexualität und der prüde, heuchlerische Umgang mit ihr. Ingmar Bergman provoziert auf der Leinwand und im Privatleben. Seine Beziehungen zu seinen verschiedenen Hauptdarstellerinnen wie Mai-Britt Nilsson, Harriet Andersson, Bibi Andersson, Ingrid Thulin und dann vor allem mit Liv Ullmann sorgen für Aufsehen, Empörung und Schlagzeilen.

1963 entsteht „Das Schweigen“, der wegen vermeintlicher Überschreitung sexueller Tabus besonders von der Kirche heftig attackiert und dadurch weltweit ein großer kommerzieller Erfolg wird. Danach ist Ingmar Bergman immer nachdenklicher und quälender. Unbarmherzig prangert er falsche Moral und die zunehmende Einsamkeit und Isolation des Menschen in der modernen Industriegesellschaft an. Filme wie „Persona“, „Passion“ und „Die Stunde des Wolfs“ handeln davon. Und immer wieder interessiert ihn die Beziehung der Geschlechter. Mit „Szenen einer Ehe“ löst er 1974 weltweit Diskussionen über die wahren Werte von “Gefühlen“ aus. Ein Jahr darauf ist Bergman plötzlich so gelöst und locker wie selten. Seine filmische Adaption von Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ ist ein wunderbares Ereignis von gelungenem Sing-Spiel und sinnlichem Kamera-Zugriff. Steuerliche Probleme lassen ihn vorübergehend in der Bundesrepublik arbeiten. Hier entstehen die künstlerisch umstrittenen Filme „Das Schlangenei“ und „Herbstsonate“. Nach seiner Rückkehr dreht Ingmar Bergman 1982 in Schweden sein letztes Werk. „Fanny und Alexander“ wird zur autobiographischen Familien-Abrechnung und verkörpert die Summe seines Schaffens in der Darstellung des Konflikts zwischen kindlicher Freiheitsliebe und liebloser Disziplinierung. Das Abschiedswerk wird mit gleich 4 “Oscars“ ausgezeichnet und gilt heute als wichtigster Nachlass von einem der bedeutendsten Filmkünstler dieses Jahrhunderts.

Ingmar Bergman schreibt danach seine Memoiren, die bei uns unter dem Titel „Mein Leben“ erscheinen. Heute ist Ingmar Bergman, dieser außergewöhnlich schöpferische, zweifelnde, große schwedische Künstler, 75 Jahre alt geworden.