Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg Kritik

DER HUNDERTJÄHRIGE, DER AUS DEM FENSTER STIEG UND VERSCHWAND“ von Felix Herngren (Co-B + R; Schweden 2013; nach dem gleichnamigen Roman von Jonas Jonasson; K: Göran Hallberg; M: Matti Bye; 105 Minuten; Start D: 20.03.2014); nein, nein, der zutreffende Titel verrät noch gar nichts. Überhaupt nichts. Er gibt nur die Anfangspointe preis: Allan Karlsson hat heute 100. Geburtstag. DIE im Altersheim sind mitten in den letzten Vorbereitungen für die Feier, Lokalpresse und Bürgermeister sind im Anmarsch, da haut ER einfach ab. Siehe Titel (das hat man nun davon, wenn man einen noch so rüstigen Hundertjährigen parterre wohnen lässt). In Latschen. Zieht er los. Richtung Busbahnhof. Sein pragmatisches Motto: „Es ist wie es ist und es kommt, wie es kommt“. Das hat was mit ostfriesischen Nordsee-Weisheiten wie „Et kümmt wie et kümmt“ zu tun. Oder so ähnlich. Letztlich verbindet sich das Lebensmotto von Allan Karlsson mit DEM eines schlicht-genialen amerikanischen „Bruders“: Forrest Gump (Tom Hanks in seiner Glanzrolle). DER adaptierte das ähnliche Überlebensmotto seiner Mutter auch für sein Da-Sein: „Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel. Man weiß nie, was man kriegt“. Aber zurück zum 100jährigen Allan Karlsson (ROBERT GUSTAFSSON). Der tapert also los, bekommt einen Koffer in den Griff, in dem viel Geld steckt (um die 50 Millionen Kronen), fährt mit dem Bus in Richtung Wald, wo er einen ebensolchen Eigenbrötler kennenlernt: Julius, den Bahnwärter außer Dienst. Schnaps lässt sie Kumpels werden, die nun gemeinsam weiterziehen und dabei eine sonderliche Spur „der moralischen wie physischen Verwüstung“ hinter sich lassen. Verfolgt von einem etwas unmotivierten wie überforderten Polizisten sowie von einem reichlich einfältigen Mafia-Handlanger, der versehentlich dann im Kühlhaus erfriert. Auf der Odyssee durchs Land sorgen die weiteren Begegnungen mit ebensolchem kauzigen Personal für skurrile Würze. In diesem köstlich-exotischen schwarzkomischen skandinavischen Panoptikum-Spaß.

DAS aber ist nur die – vergleichsweise simple – Außenhaut. Im Jahrhundert-Kosmos dieses Allan Karlsson. Dessen Lebensgeschichte zunehmend ausgebreitet wird und von wunderbarer Unglaublichkeit ist. Einzigartigkeit. Denn wir haben es hier mit einem WELTBÜRGER des vorigen Jahrhunderts zu tun. Dessen hier parallel wie chronologisch dargebotenen assoziativen Erinnerungen tatsächlich weltbewegend waren. Auch wenn IHM selbst das SO nicht bewusst war. Und ist. Schon als Kind bemerkte der schlichte Allan seine Leidenschaft „und sein Talent“ fürs Sprengen. Explodieren. Für das Feuer-Werk. Als dieses „Talent“ immer unverhohlener „zum Vorschein“ trat, kam er in die Anstalt, wo ein Rassenbiologe ihn für labil-„unwert“ einstufte und zwangssterilisieren ließ. Was „das Temperament“ des Allan Karlsson aber keineswegs beeinflusste. Fortan widmet sich der Gutmütige der Hilfe. Von „Freunden“. Wer immer ihn mit Schnaps füllte, wurde gemocht. Und „partizipierte“ von seinen beeindruckenden Fähigkeiten zum Zerstören. Zwar vermag Allan sich nach nur drei Schuljahren gewiss nicht sehr geschickt auszudrücken, doch fremde Sprachen eignet er sich quasi im Nu an. Flugs wandert er durch alle politischen Weltanschauungen und Thesen der 20. Jahrhunderts. Ist „multikulturell“ in Russland, in China, in der Mandschurei unterwegs. Wandert über den Himalaya, landet im Iran, wo er Winston Churchill das Leben rettet. Sprengt sich durch den Ersten Weltkrieg und im Spanischen Bürgerkrieg. Jagt Brücken, Füchse und Gulags in die Luft. Hat „entscheidende“ Begegnungen mit Entscheidern wie General Franco, Präsident Truman, Josef Stalin. Die mit ihm gerne saufen. Und tanzen. Als „Kellner“ gibt er Robert Oppenheimer den entscheidenden Hinweis zum Bau der Atombombe. Kim Jong Il sitzt als kleiner Junge auf seinem Schoß und Mao Tse Tung schenkt ihm viel Geld, so dass er es sich gemütlich in Indonesien einrichten kann. Im „Kalten Krieg“ ist Allan ebenso für die CIA wie für die Russen tätig, natürlich unbewusst, er will halt nur „behilflich“ sein. Dieser Allan Karlsson hat viel in seinem Leben bewegt und hatte schließlich auch am Fall der Berliner Mauer seinen Anteil. Ach so ja, und der Bruder von Albert Einstein, der minderbemittelte Herbert Einstein, läuft ihm auch irgendwann kurz mal über den Weg. Allan Karlsson war also quasi an sämtlichen wichtigen politischen Ereignissen des letzten Jahrhunderts beteiligt. Direkt wie indirekt. Was für ein herrlich absurder Typ. Was eine heiße historische Naiv-Clever-Type!

Ein gutmütiger Schelm und seine turbulenten Abenteuer. In der faszinierenden Figurenmixtur aus einem skandinavischen Schwejk, einer männlichen Pippi „Anarcho“ Langstrumpf, ausgestattet mit dem originellen, sprich erfinderischen Wesen von Forrest Gump und den phänomenalen Verwandlungskünsten eines Mr. „Zelig“ (nach Woody Allen). Erfunden hat diesen Allan Karlsson der ehemalige Journalist JONAS JONASSON, Jahrgang 1961. Dessen Debüt-Roman kam 2009 in Schweden heraus, wurde mit mehr als 6 Millionen verkauften Exemplaren europa- und weltweit zum Bestseller, allein in Deutschland (Übersetzerin: Wibke Kuhn) gingen über zwei Millionen Exemplare über den Ladentisch, während das Buch 15 Monate lang die „SPIEGEL“-Bestsellerliste anführte. Kein Wunder, dass sich das SCHWEDISCHE Kino diese literarische Spitzensteilvorlage nicht entgehen ließ. Und dabei auf jegliches heldische oder schenkelklopfende „Hollywoodformat“ verzichtete, sondern diese süffisante, „extra-ordinäre“, listig-lustvolle skandinavische Atmosphäre um einen GANZ SPEZIELLEN SCHWEDISCHEN SONDERLING typisch heimisch-lakonisch wie heimisch-typengleich herstellte.

Allan Karlsson ist (im Roman) und bleibt (im Film) ein nordischer Widerwillen-Held. DEN der jetzt 50jährige schwedische Schauspieler und einheimische Kultkomiker ROBERT GUSTAFSSON adäquat „achselzuckend“-amüsant herüberbringt: Ich bin alt, bin noch beweglich, mag diesen feierlichen Rummel um mich im Heim überhaupt nicht, – weil, ihr geht mir alle auf den durchaus noch vorhandenen Geist -, bin, weil alt, alibihaft prädestiniert wie „unzurechnungsfähig“ für alle Arten von abenteuerlichen Dussligkeiten, mag Schnaps (den man mir im Heim verwehrt), mache Sachen, die man einem Alten wie mir gar nicht erst zutraut. Was von „senilem“ Vorteil ist. Zudem – ich kann vielleicht was erzählen…, habe so etwas von gelebt…, und habe so etwas VON VIEL erlebt..; allerdings bin ich mir meiner Bedeutung und meinen „Verdiensten“ um das 20. Jahrhundert eigentlich gar nicht bewusst. DAS hat sich alles „einfach so“ ergeben… ! In dieser spöttischen Narren-Art setzt der wandlungsfähige Robert Gustafsson an, um seinen Allan über die Jahrzehnte in ideenreichen wie ironischen Schweden-Schwung pointiert zu versetzen. Und dies berührt. Ist in dieser trockenen Nordkomikart prima anzuschauen und mitzudenken. Der in Schweden auch als Schauspieler, Werbeclipfilmer und TV-Serienmacher tätige Regisseur FELIX HERNGREN kann schon heute mit seiner schwarzlächelnden Komödie einen großen Erfolg verbuchen; allein Zuhause haben ihn bereits mehr als anderthalb Millionen Kinobesucher gesehen.

„Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“: Ein Hit, sowohl als Roman wie jetzt auch als knochiger Wohlfühlfilm (= 4 PÖNIs).