Grand Budapest Hotel Kritik

GRAND BUDAPEST HOTEL“ von Wes Anderson (Co-B + R; USA/D 2013; Co-B: Hugo Guinness; K: Robert D. Yeoman; M: Alexandre Desplat; 99 Minuten; Start D: 06.03.2014); von Charles Spencer Chaplin („Der große Diktator”) stammt die Erkenntnis: „Wir denken zu viel, wir fühlen zu wenig“. Genau dies trifft auf die Filme des 44jährigen amerikanischen „Jungspunts“ WES ANDERSON zu. Würde man seine Filmen alleine mit dem Kopf auf- und wahrnehmen und gefühlsmäßig nur „nebenbei“, würden diese an Wert verlieren. „Umgekehrt“ sind sie eine Wonne. Mit seinen originellen Independent-Werken „Durchgeknallt“ (Debüt 1996), „Rushmore“ und „Die Royal Tenenbaums“ (= war im Berlinale-Wettbewerb von 2002 vertreten) begannen seine unorthodoxen Spielereien mit namhaften Schauspielern. Wie Bill Murray, Owen Wilson Jason Schwartzman oder Willem Dafoe. „Darjeeling Limited“, 2007 im Festival von Venedig aufgeführt, war ein schelmischer Selbstfindungstrip gen Indien von drei „merkwürdigen“ Brüdern (s. Kino-KRITIK). Danach folgten der Animationsstreich „Der fantastische Mr. Fox“ („Oscar“-Nominierung) und 2012 die köstliche Pfadfinder-Groteske „Moonrise Kingdom“ (s. Kino-KRITIK). Mit dem komplett in Deutschland, überwiegend in Sachsen (Görlitz, Zittau, Dresden) und im Filmstudio Potsdam-Babelsberg gedrehten neuen Streifen eröffneten kürzlich 64. Internationalen Filmfestspiele Berlin. Die neueste Show des cineastischen Bastlers folgt seinen Intentionen typisch: „In meinen Filmen geht es um anmutige Kleinigkeiten“. Allerdings hier – um enorm viele dieser in der Tat urig-amüsanten Kleinigkeiten.

Wir befinden uns irgendwo damals. In den 30er Jahren. Des vorigen Jahrhunderts. In einem osteuropäischen Alpenstaat namens „Republik Zubrowka“. Der nach einer Tschechoslowakei in der Zwischenkriegszeit riecht. Hier blüht das Titel-Hotel. Mit Zuckerbäcker-Glanz-Ausstrahlung. Im Bergdorf Nebelsbad. Inmitten einer Märchenlandschaft. Unwirklich, aber charmant. Und versprüht noch einen Rest-Glanz von Habsburger-Endzeit. Von wegen Plüsch, Korridore, die feudale Halle. Eine Atmosphäre zum Spüren. Die Menschen hier scheinen „übriggeblieben“. Auf sämtlichen drei Zeitebenen. Die in fünf Kapitel ausgebreitet werden. Beginnend 1985, auf einem Friedhof, zurückgehend gen 1968 und schließlich umfangreich nach 1932. In der Erzählerrolle: Zéro Moustafa (F. MURRAY ABRAHAM, jung: TONY REVOLORI). Wie waren die Zeiten, wer spielte die erste Geige im Hotel, was geschah deshalb, weil ER die Führungsrolle in diesem exzentrischen Mausoleum innehatte. ER, der galante Monsieur M. Gustave (RALPH FIENNES). Der Chef-Concierge. Immer schön: Perfekter Scheitel, lila Jackett, stets bestens parfümiert, kleiner Schnäuzer. Monsieur versteht es ausgesprochen fantastik, seine – vor allem weiblichen – Gäste zu bezirzen. Sie sanft zu umschmeicheln. Sie in jeder Hinsicht bestens zu befriedigen.

Als die greise Madame D. (in grandioser Maske: TILDA SWINTON) unter „nicht ganz klaren“ Umständen verstirbt und Gustave ein (sehr) wertvolles Gemälde vererbt, beginnen die, sagen wir mal, Komplikationen. An denen vor allem ihr skrupelloser Sohn Dimitri (ADRIEN BRODY), sein brutaler Söldner Jopling (WILLEM DAFOE) und ein etwas zäher, extrem preußischer Inspektor Albert Henckels (EDWARD NORTON) erheblich beteiligt sind. Wenngleich der erzählerische Durchblick hier immer egaler wird. Von wegen der vielen Verschachtelungen und dieser ungemein reizvollen optischen Verführungen. Wes Anderson hält sich sowieso an nix. Ich tauche also handlungsmäßig ab, kann ja nicht zurückspulen wie bei einer Blu-ray-Disc, um Zusammenhänge zusammen zu bekommen, sondern lass mich gerne „fallen“. Schaue dem skurrilen wie operettenhaften Personal hier zu, ergötze mich an ihren reizvollen, pedantischen Maskeraden, lasse die „gutmütigen“ ausufernden Bonbonfarben wirken, bin von den prächtigen Kostümen (der dreifachen „Oscar“-Gewinnerin MILENA CANONERO) angetan bis begeistert, sehe quasi, wie Gemälde opulent „lebendig“ werden. Sind. Befinde mich in einer faszinierenden Marionetten-Performance. Doch, die Zeichen und Zeiten werden inhumaner. Weltliches Kriegsunheil kommt auf und dessen Schergen nahen. Assoziationen. An die Nazi-Katastrophen. Und ihre Auswirkungen. Die Wirklichkeit erreicht auch diese Utopie. Doch der lakonische Humor bleibt. Wes Anderson will nur einfallsreich spielen. Nicht anklagen. Gut so:
Bei diesem schwelgerischen Ausschweifen.

Das für Filmfreunde einen Anspielungspark sät. An Lubitsch („Rendezvous nach Ladenschluss“), Laurel & Hardy, OO7-Rasereien im Schnee („In tödlicher Mission“), auch an die vergnügliche Anarchie der Marx Brothers, aber auch an den „Zauberberg“-Kreis von Thomas Mann. An den Weltschmerz von Stefan Zweig/“Die Schachnovelle“ (der im Nachspann ausdrücklich als Inspirator erwähnt, gewürdigt wird) oder an den Totentanz eines Joseph Roth („Radetzkymarsch“). Gemixt mit exorbitanten Zombies. Als naive Komödianten der tollenden Narrheit. Der Zeiten, des Menschen, des Kosmos. Mit viel kinematografischer Lust. An affirmativen Treppenwitzen unserer Geschichte und Geschichten. Also auf zum subversiven Baden-Jürgen… (= 4 PÖNIs).