Gefährten Kritik

GEFÄHRTEN“ von Steven Spielberg (USA 2010/2011; B: Lee Hall, Richard Curtis; K: Janusz Kaminski; 146 Minuten; Start D: 16.02.2012); der 65jährige Regisseur und Produzent ist der erfolgreichste Filmemacher aller Zeiten. Seine bisherigen Filme haben weltweit über 8,5 Milliarden Dollar eingespielt. Klassiker wie „Der weiße Hai“; „E.T.“, „Jurassic Park“ und die Indiana Jones-Reihe zählen heute zu Genre-Schätzen der Filmkunst. Er hat alle bedeutenden Filmpreise gewonnen, die zu vergeben waren, darunter zweimal den „Oscar“ für die „Besten Jahresfilme“ „Schindlers Liste“ (1993) und „Der Soldat James Ryan“ (1998). Er könnte es längst „ruhiger“ angehen lassen, doch Steven Spielberg war besonders in den letzten zwei Jahren als Regisseur wieder sehr aktiv. Kürzlich erst war er mit der Comic-Adaption „Die Abenteuer von Tim und Struppi – Das Geheimnis der Einhorn“ in den Lichtspielhäusern, jetzt startet schon ein weiteres neues Spielberg-Movie in unseren Kinos: „War Horse“ („Kriegs-Pferd“), so der Originaltitel, gleich sechsfach nominiert für den diesjährigen „Oscar“, dem wichtigsten Filmpreis überhaupt. (Und der „nächste Spielberg“ ist auch schon abgedreht, das Präsidenten-Biopic „Lincoln“ mit Daniel Day-Lewis in der Titelrolle; voraussichtlicher Kino-Start: Herbst 2012).

Der mit einem Budget von 66 Millionen Dollar hergestellte Streifen „Gefährten“ handelt von einem Thema, das im Kino „so“ bisher nicht vorkam: Tiere im Krieg. Präzise hier: Pferde im Krieg. Im Ersten Weltkrieg. Vor allem Pferde auf Seiten der Engländer. MICHAEL MORPURGO, 68, zählt – mit seinen über 130 Büchern – zu den bekanntesten britischen Kinder- und Jugendbuch-Autoren. 1982 veröffentlichte er den Roman „War Horse“, der hierzulande unter dem Titel „Schicksalsgefährten“ 2004 herauskam. Bei der Recherche für diesen Roman erfuhr Michael Morpurgo, dass über eine Million Pferde mit den britischen Soldaten in den Ersten Weltkrieg gezogen waren – und nur 62000 Tiere wieder zurückkamen. Er lernte, wie wichtig damals Pferde waren, für alle Kriegsteilnehmer. Er erforschte anhand von Gemälden und historischen Berichten, wie Pferde geopfert wurden. Wie sie gelitten und wie tapfer sie sich verhalten hatten. Er traf Kriegsteilnehmer, die ihm von ihren „engen Bindungen“ zu ihren Pferden berichteten. Und beschloss, diese Episoden in einem Roman festzuhalten. 2007 wurde sein Roman als Bühnenstück adaptiert und in London am „National Theatre“ sehr erfolgreich aufgeführt. „War Horse“, das Bühnenstück, gewann u.a. fünf „Theater-„Oscars“, die begehrten britischen „Tony Awards“, darunter für das „Beste Theaterstück“ des Jahres. Die „Neugier“ für Steven Spielberg war geebnet. Für einen Familienfilm, der im Krieg spielt. Diesen ungeschminkt anklagt und dabei von einer ebenso wunderbaren wie tiefen Freundschaft erzählt. Zwischen einem jungen Burschen und seinem Pferd. „War Horse“, der Film, bzw. „Gefährten“, zählt schon jetzt zu den wunderbarsten Leinwand-Ereignissen in diesem Kinojahr 2012.

Die abenteuerliche Reise von Tier und Mensch beginnt zunächst ganz simpel. Unverfänglich. An der Schwelle zum Ersten Weltkrieg, 1914. Auf einem britischen Bauernhof in Devon, Südengland. Wo die Familie Narracott mehr schlecht als recht lebt. Nur mühsam die jährliche Pacht für den herrischen, arroganten Pächter Lyons (DAVID THEWLIS) aufzubringen vermag. Denn der Boden gibt nicht allzu viel her. Ein neues Pferd, ein Ackergaul, soll angeschafft werden. Eine Investition in die bessere Zukunft. Doch als Vater Ted und Sohn Albert auf den temperamentvollen wie offensichtlich auch klugen Hengst Joey stoßen, verdrängen die Emotionen den kühlen Sachverstand. Sie übertrumpfen den mitbietenden Pächter und kaufen Joey. Und stehen damit kurz vor der totalen Pleite. Was die eifrige Mama (einmal mehr körpersprachlich ein Naturereignis: EMILY WATSON) auf die Palme bringt. Während sich zwischen dem 16jährigen Albert (JEREMY IRVINE) und dem „eigenwilligen“ Pferd eine enge Beziehung „aufbaut“. DIE der beginnende Krieg abrupt beendet. Vater Ted (PETER MULLAN) verkauft aus Geldnot das Pferd an die britische Armee. Sohn Albert meldet sich daraufhin freiwillig zum Kriegsdienst, erklärt sich „älter“ und hofft, seinen großen, geliebten Huffreund wieder zu finden. Doch es wird ein langer, getrennter Weg, über die vielen internationalen Kriegsfelder, bis es schließlich zu einem hochemotionalen, berührenden, phantastischen Wiedersehen kommen soll. Am grandiosen Farben-Ende. Mit einem geradezu sensationellen, herrlich kitschigen Sonnenuntergang offenbart sich ein glühendes „Vom Winde verweht“-Finale in schönster britischer Einöde. Begleitet von den gewaltigen orchestralen Klängen des ständigen Spielberg-Komponisten, dem fünffachen „Oscar“-Preisträger JOHN WILLIAMS („Star Wars“).
Und DAS bzw. dies, DIESES sagenhafte fotogene Schlussbild, muss man gesehen haben. Diesen ergreifenden, hinreißenden Augen-Schmaus-Genuss-pur: Unglaublich. Toll. Herzberührend. Wie es sich heutzutage nur noch ein so brillanter KINO-Geschichtenerzähler wie Steven Spielberg leisten kann. Und darf. Emotional einfach phantastisch ausufernd.

Natürlich triumphiert hier DAS PFERD. Für DAS die vielen Menschen, allein 5800 Statisten treten auf, letztlich nur „Stichwortgeber“ sind. Darunter übrigens auch einige deutsche „Soldaten“-Akteure wie David Kross, Rainer Bock, Hinnerk Schönemann oder Maximilian Brückner. Der Krieg der Menschen aus der Sicht eines außergewöhnlichen Pferdes. Als Bindeglied und Vermittlungsträger zu einem mächtigen, spannenden Trauma-Drama und imposanten Abenteuerfilm; für einen SEHR wirkungsvollen und nachhaltigen/nachhallenden wütenden Antikriegs-Aufschrei (mitunter winken und wirken hier „Im Westen nichts Neues“-Motive); für eine einfühlsame, faszinierende Fabel über die tiefe Freundschaft zwischen einem Menschen zu „seinem“ Tier-Gefährten. Dramatischer Höhepunkt: Pferd Joey ist zwischen der Front „gefangen“. Hat sich schmerzhaft in Stacheldraht verheddert. Droht zu krepieren. Ein britischer und ein deutschen Soldat kommen aus ihren Gräben und helfen dem geschundenen Tier. Für einen Moment ruht der Krieg. Das Schießen aufeinander, das gegenseitige Töten. Weil ein Pferd sich in Lebensgefahr befindet. Nur ein Steven Spielberg vermag dies SO zu schildern, SO aufwühlend zu beschreiben, „zu erklären“, zu erzählen, mit SO viel Mut zum „guten“ Pathos. So dass es sich eben nicht peinlich, blöd überpathetisch, aufgesetzt anfühlt. Sondern human und menschlich ausschaut. Sich „gut“ anfühlt. Und an die berühmte Weihnachtssequenz aus der internationalen Co-Produktion „Merry Christmas“ von Christian Carion (2005) erinnert. Wo Franzosen, Schotten und Deutsche gemeinsam im Dezember 1914 an der Front „Weihnachtslieder“ singen. Während der weihnachtlichen Kriegspause eine kurze „Weihnachtsverbrüderung“ „begehen“. Ebenso unvergessen. Wie jetzt auch DIESE packende Szene hier. Ein Pferd als kurzer Friedensstifter. Wird auch nicht zu vergessen sein.

„Gefährten“ ist ein bildergewaltiges neues Meisterwerk von Steven Spielberg (Kamera: „sein“ ständiger Optik-Begleiter und zweifacher „Oscar“-Star: JANUSZ KAMINSKI). Nach einem gescheiten Drehbuch von LEE HALL („Billy Elliott“-Autor) und RICHARD CURTIS (der für die Hits „Radio Rock Revolution“, die Bridget-Jones-Späße und den Gefühlsbestseller „Tatsächlich…Liebe“ die Drehbücher verfasste). Motto: Das geschändete, mutige, intelligente Tier und die „Bestie Mensch“. In der Mehrzahl. Die gedankliche wie emotionale Wirkung ist enorm. „Gefährten“ ist ein Film der emotionalen Superlative: Ziemlich beste Freunde „auf Spielbergsch…“, füllt großartig Verstand und Seele.

Eine P.S.-Ergänzung, frisch aus dem Berliner „Tagesspiegel“ (von Andreas Austilat vom 12.2.2012): „Keine andere Nation würdigt ihre tierischen Kampfgefährten derart offensiv. Die Briten haben 2004 im Hyde Park sogar eine Nationale Gedenkstätte errichtet, das „Animals in War“-Monument. Auf 17 mal 17 Metern zeigt es die Silhouetten von Pferden, Maultieren, Eseln, Brieftauben, Elefanten, Ochsen, Kamelen – „Sie hatten keine Wahl“, heißt es in der Inschrift“ (= 4 ½ PÖNIs).