Gastkritik „Honig im Kopf“

Gastkritik von Rolf Giesen

Nichts Neues von der Schweiger-Front: Seit Jahren bestimmt er, dass bestimmte Kritiker seine (mit öffentlichem Geld geförderten) Filme vorab NICHT sehen dürfen. Als Strafe für die Ausübung ihres Berufs, Filme zu kritisieren. Nur diejenigen, die ihm beziehungsweise „seinen Werken“ wohlgesonnen sind, lässt er vorher „schauen“. Ich befinde mich auf seiner Schwarzen Liste. Was mich natürlich fürchterlich deprimiert.

Sein neuer Film heißt „HONIG IM KOPF“. Als er kürzlich in Berlin „den Wohlmeinenden“ präsentiert wurde, war mein Kollege und Freund Dr. Rolf Giesen (ein-)geladen. Ich habe ihn gebeten, die Kritik für uns zu formulieren:

HONIG IM KOPF“ von Til Schweiger (D 2014; B: Hilly Martinek, Til Schweiger; K: Martin Schlecht; M: Dirk Reichardt, Martin Todsharow; 135 Minuten; Start D: 25. Dezember 2014).

Nach Keinohrhasen und Zweiohrküken ist es nun der Honig im Kopf. Man mag über Til Schweiger denken, wie man will: Sein neuer Film, der am 15. Dezember in Berlin Weltpremiere feierte, hat zwei Pluspunkte. Erst einmal ein Thema, von dem jeder denkt, dass es beim Massenpublikum, das Schweiger erreichen will, unmöglich ankommt: jene vom fortschreitenden Verlust des Gedächtnisses geprägte Erkrankung des Gehirns, die nach dem Arzt Alois Alzheimer benannt ist. Und zweitens ist der Film, wie nicht anders zu erwarten, professionell und, was im deutschen Kino selten ist, keine Kopfgeburt, sondern spricht das Gefühl an. Honig im Kopf ist im besten Sinne gefühlvoll, aber auch schmalzig und rührselig.

Ein angenehmer Interviewpartner ist Schweiger gewiss nicht, und rhetorisch schießt er auch schon mal ein Eigentor. In Sandra Maischbergers Sendung [O-Ton Maischberger: „ein sehr anrührender Film“, „die Volkskrankheit einer alternden Gesellschaft“] nutzte Schweiger, der wie immer übernächtigt und unkonzentriert wirkte, die Gunst der Stunde, für den Film zu werben: „Ich glaube wirklich, dass das die schlimmste Krankheit ist, die man haben kann als Mensch.“ – „Warum?“ – „Na, weil’s … weil man … weil wenn man stirbt, ist immer doof. Wenn man Krebs hat, ist auch beschissen.“

Schweiger weiß, wovon er nuschelt. Seinen demenzkranken Großvater pflegte er zusammen mit seiner damaligen Freundin 1989 in den Sommerferien: „Wir fanden das damals lustig, ne.“ – Maischberger hakt nach: „Wieso lustig?“ – „Na, weil wir irrsinnig viel zusammen gelacht haben, weil er irrsinnig viele lustige Sachen gemacht hat.“ Sie hätten den Begriff „dement“ damals nicht gekannt: „Wir haben gesagt: der ist halt ein bisschen durchgeknallt.“ Er sei kein Demenzforscher: „Ich bin einfach nur ein Filmemacher. Aber meiner Meinung nach hängt das mit dem Stadium der Krankheit ab, also … nicht ab, sondern es hängt davon ab … in welchem Stadium der Patient ist, und ich glaube, da gibt es Lichtblicke und schlimme Momente. Und ich glaube, ab einem gewissen Zeitpunkt kann man versuchen den Patienten … also dass er in so’n Stadium kommt wie ’n Kind.“ Es gebe Filme über Demenz, Fernsehfilme, die seien immer sehr tragisch. Natürlich sei sein neuer Film auch tragisch, so wie Knockin‘ on Heaven’s Door, in dem Schweiger, noch am Anfang seiner Karriere, den Martin Brest spielte, der einen inoperablen Hirntumor hat, und Jan Josef Liefers, der in Honig im Kopf eine Cameo-Rolle hat, den Rudi Wurlitzer mit seinem Knochenkrebs. Aber Honig im Kopf sei nicht nur tragisch, sondern man könne auch sehr viel lachen in dem Film: „Und ich glaub, das ist auch notwendig, weil kein Mensch sich einen Film anguckt, wo alles Scheiße ist.“

Auf der Leinwand hält sich Schweiger diesmal dezent zurück und beschränkt sich auf eine Nebenrolle. Seine zwölfjährige Tochter Emma steht im Vordergrund. Als Tilda (Swinton?) tingelt sie mit dem tüddeligen Opa Amandus, einem Witwer, den sie vor dem Pflegeheim bewahren will, in das ihn Papa Til-Niko stecken will, nachdem er den Garten verunstaltet und einen Möbelwagen in Tils Mercedes gelotst hat. In guten Momenten hat das etwas von Chaplin und Jackie Coogan in The Kid, auch wenn sich die Kleine mitunter ausgesprochen blöd verhält. Zuerst nehmen sie den Wagen. Opa hilflos am Steuer. Im Hamburger Straßenverkehr kommt es natürlich zu etlichen, lebensgefährlichen Karambolagen. Da guckt selbst Udo (Lindenberg), der einen Einzelcredit im Vorspann hat, aber gerade mal 30 Sekunden auf der Leinwand zu sehen ist. Weiter geht es mit dem Zug und endet irgendwo auf einer Bahnhofstoilette, nachdem Tilda die Notbremse gezogen hat, als Opa auf dem Bahnhof abhandenkommt.

Sie verstecken sich auf der Toilette, wo Tilda mal für kleine Mädchen muss. Dann besorgt eine mitleidige Reinigungskraft auf dem Klo eine Mitfahrgelegenheit in einem LKW, der Schafe geladen hat. Ein veritables deutsches Roadmovie also, das in einem Luxushotel in Venedig endet: Eine Reise in den Süden… Sie wissen schon, Conny Froboess und so. Im Morgenlicht der Lagune, auf einer Bank, wo er einst mit seiner Frau saß, atmet Opa noch einmal tief ein, bevor er völlig den Verstand verliert und alsbald beerdigt wird, womit sich das Problem der Heimunterbringung erledigt hat. Der Tod lauert in Venedig: Venedig sehen und sterben! An diesen Satz von Thomas Mann mag Til Schweiger gedacht haben oder auch nicht…

Regisseur Schweiger überlegte schon ganz unbescheiden, ob er die Rolle des demenzkranken Alten mit einem Briten besetzen sollte. Er hätte sich jemanden wie John Hurt oder Michael Caine gewünscht, des Weltrufs wegen, aber dann schlug sein schlauer Aufnahmeleiter Emrah Ertem Dieter Hallervorden (Das Millionenspiel, Sein letztes Rennen) vor, dem es, quotengerecht und doch politisch korrekt, gelingt, filmpreiswürdig zwischen Komik und Tragik zu balancieren. Zwischen seiner Filmrolle und Emma-Tilda stimmt die Chemie. Emma holt Didi in seiner Welt ab und in ihre kindliche Welt hinüber, in der alles erlaubt ist, weil sie beide ganz unschuldig sind und für nichts haftbar.

Zwei Drittel des Films geht das ganz gut, aber dann erweist sich der Film als zu lang und kippt spätestens in Venedig total in den Kitsch um. Ansonsten – so die Botschaft – geht das Leben weiter: Tilda bekommt ein von Papa in Venedig gezeugtes Brüderchen.

Ist der Film ehrlich oder gewinnsüchtig-berechnend? Wahrscheinlich beides. Natürlich träumt Schweiger von einer Karriere auch außerhalb Deutschlands. Bei der Premiere standen nicht nur Stars und Crew, sondern auch der Amerikaner Richard Fox, Executive Vice President, International, Warner Bros. Entertainment, auf der Bühne. Til umarmte ihn herzlich. Mit Ausnahme des Haupttitels, der deutsch blieb, sind alle Credits englisch: A Til Schweiger Film, distributed by Warner Bros. Hier meldet einer seinen Anspruch auf größere Rollen im US-dominierten Kino an als die, die er in Tarantinos Inglorious Basterds hatte. Hier will einer die Hürde dessen, was US-Verleiher local production nennen, nehmen.

Das Drehbuch wurde Schweiger von Hilly Martinek, einer Autorin, deren Vater an Demenz starb, zugetragen. Martinek (wenn überhaupt aufgefallen durch TV-Serien wie Traumhotel, daher auch der Schluss im Luxushotel) ist besser als die naive Anika Decker, die Schweiger früher als Ko-Autorin bemühte. Mit seinem Produzenten Tom Zickler setzte er sich hin. Sie lasen die erste Drehbuchfassung parallel und lachten und weinten synchron an den richtigen Stellen. Zickler und Schweiger verschweigen, dass sie wahrscheinlich ebenso synchron an den französischen Kino-Hit Zwei ungleiche Freunde dachten, der überraschend auch in den deutschen Kinos abräumte. Mit Honig im Kopf kommen sie nicht mal in die Nähe des übermächtigen französischen Vorbilds, weil sie sich unentschlossen, um es allen recht zu machen, zwischen Komik und Tragik bewegen, Niveau und billigem Witz, Kitsch und Klamotte, Kino und Fernseh-Amphibie (natürlich SAT.1), rührseliger Unterhaltung und eiskaltem Kalkül mit dem Geschmack des großen Publikums, der Kinokasse geschuldeter Oberflächlichkeit und echter Empathie (dank Hallervorden und Schweigers Tochter, die unbestreitbar ein Talent ist).

Und doch verdient es Schweiger, dass man ihm nicht nur aufs Maul schaut, sondern ihn als filmemachendes Phänomen ernster nimmt, als es bisher der Fall war, denn wenigstens schielt der Mann nicht ausschließlich auf die Filmförderung, die nimmt er stillschweigend mit: Ihm ist das Publikum wichtig, weil es für volle Kassen sorgt. Ob es allerdings noch einmal mitmacht, das Publikum? Schweigers Schutzengel kam „nur noch“ auf 700.000 Besucher.

Rolf Giesen